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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

527. Freitagsbrief (vom 14.05.2016, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Sadowskij Stanislaw Petrowitsch
Belarus
Woropajewo.

Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender der Organisation „Kontaky“ Gottfried Eberle!

Es schreibt Ihnen Sadowskij Stanislaw Petrowitsch aus der Republik Belarus. Ihre Adresse habe ich von Stepanida Tichanowitsch erfahren. In Ihren Brief bitten Sie uns Belarussen, Ihnen unsere Erinnerungen an den Großen Vaterländischen Krieg zu schicken. Das ist, wie ich finde, ein gutes Unterfangen. Und ich werde Ihrer Bitte gerne nachkommen. Es sind nicht mehr viele übrig von uns, die sich an diesen schrecklichen Krieg erinnern.

Hier sind meine Ausweisdaten: Ausweisnummer: persönliche ID:[……], Sadowskij Stanislaw Petrowitsch, Geburtsdatum: 25.05.1937, Geburtsort: Republik Belarus, Gebiet Witebsk, Kreis Postawy, Dorf Pawljugi.

Anmerkung: In Wirklichkeit wurde ich 1935 geboren, aber meine Geburtsurkunde war nirgends aufzufinden, deshalb trug die ärztliche Kommission bei meiner Einberufung in die Armee als Geburtsjahr das Jahr 1937 ein.

Und nun möchte ich berichten, was ich über den Krieg noch weiß. Es war so:

Nach dem Überraschungsangriff der Deutschen auf die Sowjetunion, und also auch Belarus, im Juni 1941, fing man bald an, Partisaneneinheiten zu gründen, die gegen die deutschen Besatzer für die Befreiung von Belarus kämpften. Die am meisten patriotischen, gebildeten und mutigen Leute schlossen sich den Partisaneneinheiten an, die so gut sie konnten einen Kampf gegen die deutschen Truppen und die Polizaj führten. Natürlich konnten die Partisanen nicht legal überleben, deshalb versteckten sie sich in den großen Wäldern, wo sie Erdhütten bauten, in denen sie lebten. Nahrungsmittel besorgten sie in den am Wald gelegenen Dörfern. Und die Zivilisten mussten die Partisanen ernähren.

Schon im Sommer 1942 bekamen wir in unserer waldreichen Gegend Besuch von Deutschen und der Polizaj, die überprüften, wer sich den Partisanen angeschlossen hatte. Wenn Partisanenfamilien aufgespürt wurden, wurden sie erschossen. Doch diese grausamen Maßnahmen führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Die Partisanenbewegung breitete sich aus, der Kampf wurde umso erbitterter geführt und brachte den deutschen Einheiten zahlreiche Verluste ein. Die Partisanen vernichteten Polizeiwachen, töteten die deutschen Dorfältesten, zerstörten Eisenbahnbrücken, Straßen und Wasserpumpen.

Deshalb beschloss die deutsche Befehlsführung im Sommer 1943, die Partisanen und alle Dörfer, die in Waldnähe lagen, zu vernichten, um so die Partisanen von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden. Wir hatten bereits gehört, dass die Deutschen in Belarus eine Belagerung der Partisanen planten. So nannte man bei uns diese Operation.

Und so kamen eines Abends im Oktober 1943 Deutsche und Polizaj auf Motorrädern und Fuhren in unser Dorf Pawljugi. Die Nacht verbrachten sie in unserem Dorf. Ihre Leute patrouillierten in der Nacht.

Am nächsten Tag versammelten sie alle Menschen im Dorfzentrum. Das Dorf bestand aus 29 Höfen. Vor die Menschen stellten sie einen Karren mit einem Maschinengewehr obenauf. Alle waren starr vor Angst, manche Frauen hielten es nicht aus und fingen an zu weinen, weil sie dachten, dass gleich alle erschossen würden. Dabei wollte man leben, nicht sterben. Nach einer Weile sagte der deutsche Kommandeur über seinen Dolmetscher, unser Dorf befinde sich in der Partisanenzone und müsse deshalb vernichtet werden. Alle Bewohner würden umgesiedelt. Daraufhin sagten sie, alle müssten ihre Kühe an eine Stelle am Ende des Dorfes bringen, wählten ein paar junge Leute aus, denen sie befahlen, die Kühe zur Bahnstation in Woropajewo zu treiben.

Dann befahl der deutsche Kommandeur, Pferde vor die Karren zu spannen und Kleidung und Lebensmittel für einige Tage mitzunehmen.

Mein Vater war noch 1942 an einer Erkrankung verstorben. Ein Pferd besaßen wir nicht. Also setzte ich mich auf den Karren meines Onkels. Meine Mutter lief die meiste Zeit zu Fuß. Auf dem Weg nach Woropajewo begegnete uns noch so ein Tross aus dem Nachbardorf Borejki. Zu diesem Zeitpunkt sahen wir schon, wie unsere Dörfer brannten – Pawljugi, Barejki, Jakimowzy, Kewlitschi, Stachowskije. Die Frauen weinten.

Am Abend kamen wir in Woropajewo an. Untergebracht wurden wir im Park des Grafen Pschesdezkij auf einem Platz, der von Stacheldraht umgeben war. Frauen und Kinder verbrachten die Nacht auf den Fuhrwerken, den Männern erlaubte man, die Pferde am See weiden zu lassen.

Am nächsten Morgen wurden alle in der Mitte des Platzes versammelt und aufgereiht. Ich stand neben meiner Mutter, barfuß, denn ich besaß keine Schuhe. Meine Mutter und ich lebten in Armut ohne Vater.

Die Deutschen stellten die Jungen und Arbeitsfähigen auf die eine Seite, ältere Erwachsene, Alte und Kinder auf die andere. Die jungen Leute führten sie zur Bahnstation, die sich in der Nähe befand, luden sie in Güterwaggons und brachten sie weg Richtung Litauen. Wie wir später verstanden, wurden sie zum Arbeiten nach Deutschland geschickt. Wohin unsere Kühe gebracht wurden, weiß ich nicht. Was aus unseren Schafen, Hühnern und Gänsen wurde, weiß ich auch nicht. Entweder sind sie verbrannt oder man hat sie auf Fahrzeuge geladen und weggebracht.

Den übrigen Menschen sagte man offen und geradeheraus: „Geht, wohin ihr wollt!“ Von meinem Onkel, dessen Familie nach Deutschland gebracht worden war, waren das Pferd und der Karren übriggeblieben. So waren wir auf einmal reich, besaßen Pferd und Karren, worüber wir uns sehr freuten.

Meine Mutter und ich gingen zurück in das Dorf Kejsiki, in der Nähe von Woropajewo, wo unser Verwandter Kejsik Fjodor mit seinen drei Kindern lebte. Um zu überleben, gingen meine Mutter und ich durch die Dörfer und baten um Hilfe. Bei uns sagt man dazu „shabrowat“ [„Herumbetteln“].

1944 wurde unsere Gegend durch die Sowjetarmee befreit/. /Wir dankten unserem Verwandten Kejsik Fjodor für das Obdach und fuhren zurück in unser Dorf Pawljugi. Dort lebten wir in einer Erdhütte, die ein Verwandter gebaut hatte. Ernährten uns von Kartoffeln, die wir auf den Feldern fanden, von den Kernen irgendeiner Pflanze, später sammelten wir Beeren und Pilze, im Herbst kamen Äpfel hinzu, eigene Gurken und Tomaten, neue Kartoffeln, grüne und Ackerbohnen. Auch das Korn reifte heran. So überlebten wir.

1944 war ich erst zehn Jahre alt. Meine Mutter und ich beschlossen, unser Pferd gegen einen Stoß Holzbalken einzutauschen. So begann ich mit der Hilfe von Verwandten und guten Nachbarn ein Haus zu bauen. In der warmen Jahreszeit lief ich barfuß herum, im Winter in Bastschuhen.

Erst 1946 ging ich in eine Schule, die im Dorf Piskuny im Privathaus von Matyrew Jewgenij eröffnet hatte. Ich schloss sieben Klassen ab. Mein ganzes Leben arbeitete ich als Förster. Jetzt lebe ich in Woropajewo und habe es auf 80 Jahre gebracht. Erstaunlich.

Das ist es, was ich über den Krieg noch weiß, und über das harte Leben, an das ich mich nur ungern erinnere, es ist schwer.

Die Mühsal von damals ist bereits vergessen, ich will niemandem böse sein. Wir möchten mit allen Völkern in Frieden und Freundschaft leben. Die Belarussen sind friedliebende Menschen.

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