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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Lappo Anatolij Semenowitsch.

Belarus
Gebiet Witebsk
24.03.2017.

Guten Tag, sehr geehrter Eberhard Radczuweit.

Ich habe Ihre Hilfe und den Brief erhalten, in dem Sie mich bitten, meine Erinnerungen an den Krieg 1941–45 mit Ihnen zu teilen.

Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass es noch Menschen gibt, die für die Taten des Faschismus, der in jenen Jahren an der Macht war, noch Scham empfinden.

1941, im September, bin ich 7 Jahre alt geworden. Wir lebten in einem kleinen Dorf in großen Familiengemeinschaften zusammen (Eltern, Kinder, Enkel). Die Erwachsenen arbeiteten im Kolchos, pflanzten, säten, ernteten, hielten Vieh, hatten genügend von allem. Manchmal wurden Feste gefeiert, dann wurde gesungen und getanzt. Alles ging ruhig und friedlich zu. Plötzlich hieß es – „Krieg“. Dieses Wort donnerte in aller Ohren. Die jungen und erwachsenen Männer wurden zum Kriegsdienst einberufen, im Dorf blieben Frauen, Kinder und alte Leute zurück. Es kehrte unruhige Stille ein. Dann trieben Herden von Kühen, Schweinen und Schafen durchs Dorf. Sie liefen von Westen nach Osten. Der Anblick dieser Tiere war schrecklich, sie waren ausgelaugt und entkräftet, die Kühe hatten geschwollene Euter, die Frauen melkten die Milch einfach auf den Boden ab und weinten dabei.

Plötzlich rief jemand: „Ein Deutscher!“ Die Dorfbewohner kamen herbeigelaufen, um ihn anzusehen. Ein einfacher Soldat war das, in deutscher Uniform und einem Ranzen auf dem Rücken. Woher er kam und wohin er ging, wusste niemand, offenbar hatte er den Anschluss verloren und sich verlaufen. Als er die herbei kommenden Menschen sah, begann er zurückzuweichen, mit dem Rücken zum Zaun. Am Zaun blieb er bewegungslos stehen. Die Leuten standen eine Weile herum, beschauten ihn – sah aus wie ein ganz normaler Mensch, und gingen auseinander. Der Deutsche lief langsam in Richtung der Eisenbahnstrecke und ging entlang der Gleise davon. Wahrscheinlich hat auch er sich davon überzeugen können, dass hier nicht irgendwelche Tiere, sondern ganz gewöhnliche Menschen lebten.

Unser Dorf war nicht besonders groß, es war nicht umgeben von dichten Wäldern, Partisanen gab es bei uns keine, dafür verlief in der Nähe eine Eisenbahnstrecke. Sie verband Witebsk mit Smolensk und Moskau. Die Deutschen hatten die Kontrolle über diese Strecke, es gab einen Kommandanten, der Russisch sprach. Die Züge rollten einer nach dem anderen vorbei, vorneweg mit Sand beladene Plattenwagen.

Die Partisanen waren irgendwo in der Umgebung, etwas weiter weg von uns. Der Partisanenkrieg war schon in vollem Gange, oft wurden Züge in die Luft gesprengt. Ins Dorf kamen Strafbataillone und verlangten, dass man die Partisanen verriet. Sie sperrten alle Menschen in eine Scheune und wollten sie anzünden. Wir überlebten dank dem Kommandanten. Er hatte immer genau verfolgt, von wo die Sprenganschläge kamen, und rettete uns. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als man uns in die Scheune gesperrt und schon alles zum Anzünden vorbereitet hatte. Aber der Kommandant zeigte in den Fußspuren im Tau, die in unsere Richtung führten, ein abgerissenes Kabel. Er überzeugte sie, dass wir unschuldig waren. Sie ließen uns aus der Scheune, nahmen einen Dorfbewohner, dem ein Arm fehlte (den hatte er noch vor dem Krieg verloren, durch einen Korndrescher), und erschossen ihn. Wir anderen durften gehen. Die Zugsprengung war kein Einzelfall, sie fanden regelmäßig statt, und jedes Mal hatten wir Angst vor den Bestrafern. Denn das waren tatsächlich keine Menschen, sondern Bestien.

Ich möchte mich aber auch an die normalen, menschlichen Deutschen erinnern, die diesen Krieg genauso wenig wollten wie wir. Ich erinnere mich noch an August, der auf einem Wachturm saß. Er war schon alt, hatte im ersten Weltkrieg gekämpft und war in Gefangenschaft geraten, konnte Russisch. Er kam oft ins Dorf, saß in unserer Hütte mit den Alten zusammen, spendierte denen Zigaretten und uns Kindern Süßigkeiten. Meine Großmutter gab ihm Milch zu trinken. Irgendwann kam er und sagte: „Efrassinja (so hieß meine Großmutter), ich bin /kaputt/, ich muss an die Ostfront.“ Meine Großmutter begann zu weinen, legte ihrem Arm um seinen Kopf und gab ihm einen Kuss. Danach sahen wir ihn nicht wieder. Dann bauten sie den Wachposten ab, demontierten die Eisenbahnschienen und fuhren dort wie auf einer normalen Straße.

Später fanden wir uns mitten in der Kampflinie wieder. In unser Dorf kamen die Deutschen, stellten ihre Kriegstechnik in unseren Höfen ab, jagten uns aus unserem Haus (wir lebten in einer Nische hinter dem Ofen) und zogen selbst dort ein. Und dann begannen die Beschüsse. Ein Geschoss traf unser Haus, explodierte im Dachstuhl. Welches Wunder hat die Deutschen und uns gerettet? Ich weiß es nicht.

Vor einem der Kämpfe ging der Kommandant durch alle Höfe und warnte die Dorfbewohner auf Russisch: „Bis fünf Uhr früh müsst ihr alle hier weg sein, dann wird gekämpft.“ Mein Großvater machte sich daran, die Stute einzuspannen, damit er uns wegbringen konnte. Der Kommandant warnte ihn wieder: „Vater, jetzt ist es noch hell, ihre Leute werden nicht auseinanderhalten können, ob sie zu ihnen oder zu den Deutschen gehört. Wartet, bis es dunkel ist.“ Aber meine Großmutter begann zu zetern: „Lasst uns fahren! Lasst uns fahren!“ Also fuhren wir los. Wir wurden sofort beschossen. Wir hatten noch Glück, dass dort ein Abhang war, den wir hinabstiegen, so dass man uns nicht mehr sah. Als es dunkel geworden war, fuhren wir in ein anderes Dorf, in dem nicht gekämpft wurde. Bei einem der Beschüsse wurde meine kleine Cousine verletzt, sie war drei, und meine Großmutter. Den deutschen Ärzten gebührt Respekt, ich weiß nicht, ob allen, aber zumindest denjenigen, die den Verletzten Hilfe leisteten, ungeachtet dessen, dass sie Zivilisten waren und nicht deutsche Soldaten. Meine Cousine und meine Großmutter wurden versorgt und verbunden, aber sie hatten bereits viel Blut verloren und starben.

Nach der Befreiung kehrten wir nach Hause zurück, aber von unserem Dorf war nichts mehr übrig, nicht ein einziges Haus. Es begann ein Leben in Erdhütten. Es war kalt und es gab nichts zu essen. Man kann nicht alle Qualen beschreiben.

Die Spuren, die der Krieg hinterlassen hat, waren schrecklich. Es war erbittert gekämpft worden. Die Erde war übersät von den Leichen getöteter Menschen und Pferde. Es war schon warm geworden, das alles begann zu verwesen, in der Luft stand ein Gestank, dass man keine Luft bekam. Deutsche Kriegsgefangene schaufelten Gräben und verscharrten darin alles zusammen (Menschen, Pferde). Bis heute sehe ich dieses Bild vor mir: ein Feld, übersät mit schwarzen Leichen (schwarze Uniformen). Es hatte offenbar einen „Banzai-Angriff“ gegeben, bei dem alle getötet wurden. Und es bleiben nur Fragen: Wozu war das alles gut? Für wen? Warum? Wofür dutzende Millionen Menschen sterben lassen? Nur weil ein Größenwahnsinniger die Welt beherrschen wollte? Alle Völker sind gut, doch was ist mit den Menschen, die die Macht haben?

Ich bin bald 83 Jahre alt. Ich werde Kinder hinterlassen, Enkel, Urenkel … Ich habe nur eine Bitte an die Menschheit: Schützt das Leben, schützt unseren Planeten, die Erde. Jedes Volk hat auf dieser Erde seinen eigenen Flecken, lasst die anderen darauf so leben, wie sie es möchten. Lass deine Überzeugungen zu Hause, wenn du in ein fremdes Kloster kommst (so heißt es bei uns).

Und an die Wissenschaftler habe ich eine Bitte: Hört auf, Dinge zu erfinden, die die Menschheit zerstören. Steckt eure Arbeit in etwas, das dem Wohle der Menschen dient.

Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, für die Erinnerung.

Verzeihen Sie meine Handschrift, ich bin ein alter Mann.

Mit herzlichen Grüßen

Lapno A. S.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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