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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Chocholko Sinaida Dmitrijewna.

Belarus
Blisniza
21.03.2017.

Einen Gruß an alle Menschen in Deutschland!

Ich habe Ihren Brief erhalten und danke Ihnen für die Sorge um die Menschen in Belarus und auf der ganzen Welt, die zu Opfern des Faschismus wurden. Ich habe geglaubt, das sei Sache der Regierung, nicht die der einfachen Menschen in Deutschland, sie tragen ja keine Schuld an den Grausamkeiten, die die Leute in Militäruniform während des Krieges begangen haben.

Aber auch unter ihnen waren Menschen, die versucht haben, in diesen furchtbar schweren Zeiten zu helfen.

Zum Beispiel, als sie aus einer Höhle unter einer Tanne im Wald vier kleine Kinder, eine 70 Jahre alte Frau und zwei Frauen geholt haben, die von diesem Leben völlig ausgezehrt waren und bei deren Anblick einem die Tränen kamen.

Einer von [den Deutschen], offensichtlich der Rangälteste, holte aus seiner Tasche ein Foto von seiner Familie hervor, schaute es sich an und gab seiner Mannschaft den Befehl weiter zu reiten, während er der Familie sagte, sie sollte mit den Kindern tiefer in den Wald gehen und sie nicht mehr in solche Höhlen stecken. Dann ritt er seinen Leuten hinterher, um solche Verbrecher, wie sie es selbst waren, zu jagen.

Das war offenbar, nachdem es einen Befehl gegeben hatte, keine Menschen umzubringen.

Noch ein ähnlicher Fall von menschlicher Güte, wenn auch in furchterregender Uniform – auf ihren Ärmeln waren gespaltene Schädel abgebildet. Es war ein Tscheche, seinen Namen kannte ich nicht. In diesem Lager war außer mir noch ein anderes Kleinkind.

Offenbar hatte jemand eine menschliche Seele gehabt, dass wir noch nicht im einem Gaswagen gelandet waren. Damals waren wir gerade irgendwo zwischen Polozk und Gorodok. Und dieser Tscheche, unser Retter, gab uns manchmal einen Laib Brot und sagte uns, wir sollten dafür Frösche sammeln und ihm geben. Also sammelten wir Frösche und brachten sie ihm.

Die Erwachsenen wurden in den Wald getrieben, wo sie Deckhölzer aus Baumstämmen hauen mussten. Hier gab es immerhin etwas zu essen, wenn auch nicht viel, aber im Vergleich zu Borowucha kam einem das Leben hier schon fast wie das „Paradies“ vor. In Borowucha wurden wir mit Balanda aus fauligen Kartoffeln gefüttert. Der Tscheche gab uns Männerhemden, damit man für mich etwas zum Anziehen nähen konnte.

Der kleine Junge war dort mit seiner Mutter, ich hatte nur meinen kranken Vater. Ich habe die ganze Zeit über nicht gewusst, ob meine Mutter noch lebt.

Wenn ich seine Adresse hätte, würde ich ihm heute meine gesamte Rente als Zeichen meiner Dankbarkeit schicken. Aber damals, wie konnte ich da daran denken, dass ich einmal groß sein würde, zur Schule gehen, arbeiten, Geld verdienen, das ich mit diesem guten Menschen teilen könnte, der mich gerettet hat.

Dann brachte man uns weg von Polozk in Richtung Belyj, bis Dernowitsch, weiter westlich. In Dernowitsch halfen uns gute Menschen, uns im Wald zu verstecken, Richtung Rassonskij Rajon. Erst in diesen Wäldern fanden wir heraus, wo unsere Familie ist.

Die Partisanen rieten uns, uns in den kleineren Wäldern zu verstecken, aber die furchterregenden Männer mit den Totenköpfen am Arm durchkämmten auch die.

Und dann kam der glücklichste Tag – der 12. Juli 1944, der Tag der Befreiung. Aber er ist mir auch als Schreckenstag in Erinnerung, denn von Mittags bis in die tiefe Nacht hinein wurde erbittert gekämpft.

Dann gingen wir zurück in unser Dorf, aber dort, wo unser neues, erst 1938 erbautes Haus stand, war nur noch mannshohes Unkraut und ein Ofen ohne Rohr. Und so begannen wir unser Leben bei Null. Das einzige, was die Menschen, die zu den Brandstätten zurückkehrten, gerettet hat, war der späte Winter, der in jenem Jahr lange auf sich warten ließ.

Mein armer älterer Bruder ist gestorben, die drei Kinder wuchsen als Waisen auf.

Jetzt lebe ich zu zweit mit meinem Mann, alle meine Angehörigen sind schon von uns gegangen. Wir sind alt, Rentner, beide 84.

Ich kann selbst kaum glauben, was für ein schwieriger Lebensweg hinter mir liegt.

Wie sehr wünsche ich mir, dass die Menschen überall auf der Welt gütiger werden, das Wort Krieg vergessen und in Frieden und Freundschaft leben. Ja, manchmal holt das Schicksal die Schuldigen ein, aber nicht immer lassen sich greifen.

Verzeihen Sie, ich habe keine Kraft mehr, die Gesundheit macht nicht mit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich habe Ihre Hilfe von 300 Euro erhalten. Ich wünsche allen Menschen nochmals alles Gute – Frieden, Freundschaft, Gesundheit, Freude, Erfolg, Glück, bis an ihr Lebensende. Außerdem denke ich, solange die Nachbarn friedliche Menschen sind und ein gutes Herz haben, kann man in Ruhe und Frieden leben und sich am Leben erfreuen.

[Unterschrift]

Chocholko Sinaida Dmitrijewna.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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