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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Ljachowskaja Anastassija Antonowna.

Belarus
Samostotschnoje
29.03.2017.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Mit Aufregung habe ich Ihren Brief erhalten, das mich in meiner Erinnerung in die ferne Kindheit zurückversetzt hat. Ich bin jetzt 87 Jahre alt, aber trotzdem erinnere ich mich immer noch an die guten wie auch, und vor allem, an die schlechten Ereignisse, die man nicht vergessen kann, so sehr man das auch möchte.

Meine bewusste Kindheit fällt leider Gottes auf die Jahre dieses schrecklichen Krieges, den kein normaler Mensch versteht und den alle normalen Menschen hassen. Aber es ist die Geschichte, und man kann sie weder umschreiben noch vergessen.

Vor dem Krieg waren wir eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, zwei Brüder und zwei Schwestern. Aber nicht alle haben diesen schrecklichen Krieg überlebt. Mein Vater wurde gleich zu Beginn des Krieges zum Dienst einberufen. Er war 45 Jahre alt. Er hat alles erlebt: erbitterte Kämpfe, Gefangenschaft, die Befreiung und den Sieg. Er hat diesen schrecklichen Krieg überlebt und kehrte nach Hause zurück.

Mein kleiner Bruder war erst vier Jahre alt. Er starb 1944 an Typhus. Damals hatten uns die Faschisten in den Wald gejagt, weil die Verteidigungslinie der Deutschen in der Nähe unseres Hauses verlief und erbitterte Kämpfe geführt wurden. Wir waren gezwungen, in einer Erdhütte zu leben, und es konnte niemand Hilfe leisten. Die Befreiung von Belarus war schon im Gange, und meine Mama konnte mit Müh‘ und Not die Besatzer überreden, mein Brüderchen auf dem zum Ort unserer Verbannung nächstgelegenen Friedhof zu beerdigen.

Mein älterer Bruder war 1941 17 Jahre alt. Er wurde nicht einberufen, weil er zu jung war. Er musste sich vor den Besatzern verstecken, damit sie ihn nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland schicken. Aber 1944 wurde er dennoch hinter Stacheldraht gesperrt, in ein Lager der Faschisten, in dem die Lebensbedingungen schlicht unerträglich waren. Die Gefangenen wurden für den Bau von Verteidigungsanlagen und dem Graben von Schützengräben missbraucht. Sie musste 15 Stunden am Tag arbeiten und bekamen Schläge für den kleinsten Ungehorsam. Im Juni 1944 konnte er zusammen mit ein paar Kameraden fliehen und sich bis zur Ankunft unserer Armee auf einer Insel mitten im Sumpf verstecken. Im August wurde er in die Rote Armee einberufen und musste an die Front. Die Briefe von der Front kamen regelmäßig. Ich habe diese kleinen Soldatendreiecke bis heute aufbewahrt, sie sind die letzte Erinnerung an meinen Bruder. Ende Januar 1945 wurde er verwundet und wurde im Sanitätsbataillon behandelt. Und Anfang März geriet das Sanitätsbataillon unter Beschuss und wurde vollständig zerstört. Praktisch alle, die sich dort aufhielten, wurden getötet oder sind verschollen.

Später bekam meine Mutter eine Benachrichtigung, dass ihr Sohn Gajdaschow Alexander Antonowitsch, Soldat der Feldposteinheit 06562-B, ohne Nachricht verschollen sei. Nach dem Krieg haben wir versucht, meinen Bruder zu finden, haben mehrfach Anfragen an alle möglichen Instanzen geschrieben, aber die Suche blieb erfolglos. So hat dieser schreckliche Krieg mir meine beiden Brüder genommen.

1941 war ich 11 Jahre alt. Solche, wie mich, nennt man Kinder des Krieges. Wir kannten keine glückliche Kindheit und mussten durch alle uns auferlegten Bewährungsproben: Hunger, Kälte, Grausamkeit, Erniedrigung, Angst. Ich bin außerdem eines der Kriegskinder, die unter der Grausamkeit der Faschisten leiden mussten. Man muss sagen, dass alle, groß und klein, Angst vor den Besatzern hatten. Man rannte vor ihnen weg, versteckte sich, machte möglichst einen Bogen um sie. Es war im Dezember, der Winter war fürchterlich kalt und schneereich. Ich war gerade auf dem Rückweg aus der Siedlung nach Hause, was etwas außerhalb lag. Der Weg verlief am Waldrand. Ich sah, dass relativ weit weg von mir auf der Straße eine Gruppe deutscher Soldaten stand. Sie redeten laut und lachten. Ich nahm an, dass sie mich nicht sehen oder mir zumindest keinerlei Beachtung schenken würden. Aber plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Bein durchfuhr ein brennender Schmerz, und ich fiel hin. Weil der Schmerz so unerträglich war und weil ich solche Angst hatte, erinnere ich kaum daran, was dann passierte. Ich erinnere mich nur, dass ich es irgendwie, mal kriechend mal mit Mühe auf das verletzte Bein auftretend, in den Wald geschafft und mich hinter einem Baum versteckt habe. Ich wartete angsterfüllt auf die nächsten Schüsse. Aber es kamen keine. Und es kam auch niemand, um zu sehen, ob ich noch lebte oder tot war. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist und wohin die deutschen Soldaten gegangen sind. Ich hatte sehr starke Schmerzen und sehr viel Angst. Ich zog mir irgendwie den Filzstiefel vom Fuß und ging barfuß nach Hause. Wahrscheinlich habe ich Glück gehabt, dass das alles nicht weit von unserem Haus geschah, und dass mein nackter Fuß eingefroren war und nicht mehr so blutete. Doch darüber habe ich erst später viel nachgedacht. Damals aber, als meine Mutter mir den zweiten Stiefel ausgezogen hat, war auch der voller Blut. Ich weiß nicht, wie oft sie geschossen haben, aber später hat ein Faschisten-Scherge, ein Polizai (Vaterlandverräter gab es damals auch), erzählt, dass ein deutscher Scharfschütze mit einem anderen gewettet hatte, dass er mich aus der großen Entfernung ins Knie treffen würde. Dieser deutsche Scharfschütze hat seine Wette gewonnen. Weil so viel Schnee lag, musste ich meine Beine hoch in die Luft heben, um sie aus den Schneebergen zu befreien. Die Kugel ging schräg etwas unterhalb des Knies durch, streifte den Knochen, ohne ihn zu zertrümmern, durchbohrte das Sprunggelenk des zweiten Beins und kam wieder heraus. Dann kamen die harten Monate der Heilung. Viele Jahre hatte ich starke Schmerzen beim Auftreten. Mit der Zeit wurde der Schmerz etwas dumpfer. Vielleicht hatte ich mich auch einfach nur an ihn gewöhnt. Seitdem ist der Fuß mit dem durchschossenen Sprunggelenk unansehnlich verdreht und schmerzt. Heute, nach so vielen Jahren, denke ich manchmal, einem kleinen Mädchen ins Knie zu schießen – das ist der Gipfel des Sadismus. Man stirbt nicht davon, und auch die Knochen wachsen sicher irgendwann wieder zusammen. Aber das Humpeln, der Schmerz und die Entstellung bleiben für das ganze Leben. Und man fragt sich nur: „Wofür?“ …

Die Deutschen waren wahrscheinlich, wie alle anderen Menschen auch, nicht alle gleich. Unweit unseres Hauses gab es eine Wasserpumpstation. Sie versorgte die Lokomotiven an der Bahnstation mit Wasser. Wie andere sehr wichtige Objekte auch wurde sie gut bewacht. Am Tag nach dem Vorfall kamen zwei deutsche Soldaten von der Wachbesatzung zu uns nach Hause. Sie sagten zu meiner Mutter: „Mutter! Das waren nicht wir, die geschossen haben. Es tut uns sehr leid, das das passiert ist!“

Verehrter Herr Vorsitzender und die Vorstandsmitglieder des Vereins KONTAKTbI. Ich danke Ihnen sehr für die Arbeit, die Sie leisten. Im Moment tauchen in den Nachrichten immer wieder Berichte aus verschiedenen Ecken des Planeten über das Erstarken der Ideen des Faschismus, des Nazismus und Nationalsozialismus. Die Menschen fangen an zu vergessen, wohin das führen kann. Aber wir, die Menschen, die jene harten und schrecklichen Jahre erlebt haben, erinnern uns noch gut daran und wissen um die Gefahr. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Erfolg bei Ihrem gemeinnützigen Schaffen.

Ich danke Ihnen auch für die finanzielle Hilfe. Große Veränderungen wird sie natürlich nicht herbeiführen können, aber überflüssig ist sie keinesfalls. Verzeihen Sie, dass mein Bericht so lang geraten ist, aber die Erinnerung hat mein Herz aufgewühlt, ich bin ganz aufgelöst. Ich danke Ihnen für Ihren Brief.

Hochachtungsvoll

Anastassija Antonowna Ljachowskaja.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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