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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

21. Neuer Freitagsbrief.

Tatjana Anisimowa Andrejewa
Belarus, Surazh.

Guten Tag sehr geehrter Doktor Gottfried Eberle und Eberhard Radczuweit!

Ihnen schreiben Olga Michajlowna Jerschowa und Fjodor Michajlowitsch Andrejew – die Kinder von Tatjana Anisimowna Andrejewa, die in Surazh, Kreis Witebsk, Gebiet Witebsk in Belarus lebt.

Im Mai dieses Jahres schrieben Sie unserer Mutter einen warmen Brief mit Entschuldigungen für die faschistischen Verbrechen während der Kriegsjahre und Geld.Mama ist jetzt schon eine kranke und blinde Frau. In ihrem Namen und an Stelle von ihr persönlich danken wir Ihnen für solche Aufmerksamkeit.

Wir leben jetzt in St. Petersburg, aber wir wurden in Belarus geboren und verbrachten dort unsere Kindheit. Seit unserer Kindheit haben wir die Erzählungen unserer Eltern über den Krieg gehört. Bei Mama trieben diese Erinnerungen immer die Tränen in ihre Augen. 1941 war sie elf Jahre alt. Ihr Vater, unser Großvater, ging sofort an die Front, und meine Großmutter blieb mit meiner Mutter im Dorf Kasakowo im Kreis Surazh. Sehr bald kamen die faschistischen Truppen, besetzten das Dorf, vertrieben sie aus ihrem Haus und in den Stall. Aber die Partisanen befreiten das Dorf bald. Im Kreis Surazh gab es eine aktive Partisanenbewegung. Deshalb waren die faschistischen Strafabteilungen besonders grausam. Im Winter 1942 warnten die Partisanen meine Großmutter und meine Mutter, dass „Bestrafer“ unterwegs zum Dorf waren. Diese Warnung hat sie gerettet. So, wie sie waren, flohen sie aus dem Haus. Sie kehrten nicht mehr dahin zurück. Weil meine Großmutter und meine Mutter so eilig aus dem Dorf vor den „Bestrafern“ fliehen mussten, haben wir niemals auch nur ein Photo von unserem Großvater gesehen. In diesem Augenblick dachten sie nicht an Photos….….Und 1943 fiel Großvater.

Einige Zeit fanden meine Großmutter und meine Mutter Unterkunft im Dorf Sapolje. Dort, auf dem Gebiet, das von den Faschisten besetzt war, weit entfernt von der Frontlinie, kontrollierten die Partisanen für lange Zeit einen Teil des Gebiets und unterstützten die Sowjetmacht. Das wird bewiesen durch Bescheinigungen, die für meine Großmutter im Juni 1942 ausgestellt wurden, ein Jahr nach der Okkupation von ganz Weißrussland. Diese Bescheinigungen haben erst meine Großmutter, dann meine Mutter bis zum heutigen Tag aufbewahrt, und wir schicken Ihnen die Kopie von einer von ihnen. Durch die „Pforte von Surazh“ haben die Partisanen meine Großmutter und meine Mutter auf das nicht besetzte Gebiet gebracht, von wo sie sie dann nach Baschkortostan evakuiert wurden. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie durch die Sümpfe gingen, wie die Granaten in der Nähe explodierten, wie kalt, hungrig und verängstigt sie waren. Auf der Rückseite der Bescheinigung gibt es Vermerke über die Ausgabe von Brot.

Nach der Befreiung von Weißrussland kehrten sie aus der Evakuierung zurück. Ihr Heimatdorf Kasakowo war von den „Bestrafern“ verbrannt wurden, und ist nie wieder auferstanden.

Es ist unmöglich, in einem Brief alle Schrecken und Unbill zu schildern, durch die meine Mutter gehen musste. Dies darf sich NIE wiederholen. Ich stimme Ihnen voll zu, dass Frieden nur erreicht werden kann, wenn wir miteinander reden, über alle Grenzen hinweg.

Noch einmal drücken wir unsere tiefe Dankbarkeit aus für Ihre Tätigkeit, ihre ehrlichen, warmen Worte an unsere Mutter und viele andere Bewohner der verbrannten Dörfer.

Hochachtungsvoll Olga Jerschowa und Fjodor Anddrejew.

30.10.2017

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