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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

19. Neuer Freitagsbrief.

Jadwiga Antonowna Koslowskaja
Werchnedwinsk
Belarus
18.01.2014.

Sehr geehrter Dr. Eberhard Radczuweit!

Es schreibt Ihnen Koslowskaja Jadwiga Antonowna, geborene Kasatschjonok. Ich bin noch jung: gerade erst 82. Nur meine Gesundheit ist schwach, ich bin Invalide der Gruppe 1, kann mich nur langsam, mit Hilfe einer Gehstütze, fortbewegen. Ich lebe an einem bequemen Ort. Die Bushaltestelle ist ganz nah, gegenüber gibt es eine Apotheke, in der Nähe einen Einkaufsladen und eine Schule. Leider kann ich diese Bequemlichkeiten nicht nutzen, das ist zu anstrengend für mich. Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um mich, also habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Meine kleine Wohnung wird Gott sei dank über eine Zentralheizung versorgt, weil es kein freistehendes Haus ist sondern ein Eckchen in einer ehemaligen Feuerwehrwache, ein Gebäude, das jetzt private Geschäfte beherbergt.

Fast meine ganze Zeit verbringe ich zu Hause. Meine Fenster gehen zur Straße hinaus und ich sehe alles von Nahem, was auf ihr vor sich geht, bin also im Bilde über das Stadtleben und die Menschen. An meinen Fenstern laufen in den Unterrichtspausen oft Schüler vorbei, von der Schule in den Einkaufsladen und wieder zurück, an der Bushaltestelle warten Menschen auf den öffentlichen Verkehr. Ganz selten gehe ich raus – zeigte mich „der Öffentlichkeit“. Manche grüßen mich im Vorbeigehen, andere bleiben stehen, um mir eine feste Gesundheit zu wünschen.

Zu einer längeren „Reise“ entschließe ich mich nur selten. Das ist der Weg zum Tempel, welcher mehr als einen halben Kilometer weit weg ist. Dort entspannt meine Seele und ich entsende gemeinsam mit allen anderen Gebete zu Gott. Das letzte Mal bin ich am vergangenen Sonntag zum Beten gegangen, am 12. Januar, und habe den Weg gemeistert. Nur zurück hat man mich nicht mit meinen eigenen Füßen laufen lassen, die jungen Leute haben mich mit dem Auto bis zu meinem Tor gefahren. Dieses Mal habe ich unserem Herrn von Herzen für jene unbekannten guten Menschen aus dem fernen Deutschland gedankt, die Spenden sammeln, um solchen wie mir zu helfen – jenen, die in der Feuerhölle auf Erden überlebt haben, die uns die Nazis vor langer Zeit bescherten.

Ich wurde im schönen und ruhigen Dorf Mamonowschina geboren. Wir waren eine große Familie: Vater, Mutter und sechs Kinder. Ich war die Älteste, zu Beginn des Krieges war ich zehn Jahre alt. Unsere jüngste Schwester war gerade erst geboren, als die Strafexpeditionen losgingen. Alle, die uns kannten, ja sogar wir selbst, wunderten sich zeitlebens, wie wir es geschafft haben zu überleben. Dabei sind wir durch alle Mahlsteine des Todes gegangen. Wir entkamen wortwörtlich den Flammen des brennenden Dorfes – und wir haben es geschafft. Wir wurden gejagt wie die Hasen, durch Gestrüpp und Wälder – aber wir versteckten uns vor der Hetze. Schließlich, als wir gefangen und im Dorf Boshki versammelt wurden und man anfing, uns zu sortieren – da wurde unsere vielköpfige Familie mit den ganzen kleinen Kindern nicht ins Feuer geschickt sondern zum Bahnhof getrieben, und von dort aus über verschiedene Zeitlager schließlich „in alle vier Himmelsrichtungen“. Wir sind auch dann am Leben geblieben, als man uns als „Minensucher“ den Weg entlangtrieb. Hinten auf dem Karren fuhr meine Mutter, sie lenkte das Pferd. Eine Mine ging direkt unter dem Wagenrad hoch, von dem Karren war nur noch Kleinholz übrig, das Pferd verendete, wir waren starr vor Schreck, aber aus dem schwarzen Qualm und dem Staub erhob sich lebendig unsere Mutter.

Jetzt, da so viele Jahre vergangen sind, verstehe ich, dass in der Hölle des Krieges der Herr selbst uns beschützte. Unsere Familie war tief gläubig, genauso unser Vater, was eine Seltenheit in unseren Breitengraden war, wo alle Tempel zerstört worden sind.

Heute brauche ich als alte Frau nicht mehr viel. Ich brauche schon längst keine modischen Stiefel mehr, Schmuck oder Parfümerie, und ins Restaurant führt mich niemand aus. Aber ich habe einen einfordernden „Mitesser“ – das ist meine Gesundheit. Ohne Medikamente geht es nicht, und sie sind heutzutage sehr teuer. Deshalb kommt Ihre finanzielle Hilfe für mich und meinesgleichen überaus gelegen. Meine Stimmung hat sich verbessert, wahrscheinlich hat sich der Blutdruck etwas stabilisiert. Der Mensch, Sie kennen ihn, der mir beim Erhalt der Summe sehr geholfen hat, sagte zu mir, als er mich sah, ich sei jünger geworden und meine Augen würden leuchten, er scherzte, mir würde das Lächeln, das ich beim „Rennen“ über den Gehweg auf den Lippen hätte, gut zu Gesicht stehen.

Gott möge Euch, ihr Lieben, Eurer Kirche und den Organisatoren des guten Werkes eine feste Gesundheit geben, weltliche Freuden und ein langes Leben. Auf dass auf Erden die faschistische Bestie niemals wieder auferstehen möge. Der Herr gab uns das Leben, um zu lieben und in Frieden unser Werk zu verrichten.

Nach meinen Worten niedergeschrieben, [Unterschrift] Ja. Koslowskaja

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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