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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

18. Neuer Freitagsbrief.

Nadeshda Aleksandrowna Tjawkina
Gebiet Witebsk, Nowopolozk
Belarus.

29. September 2017

Unendliche, herzliche Dankbarkeit und eine tiefe Verneigung vor Ihnen dafür, dass Sie die ungeheuerlichen Schrecken, die Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen. Davon sollen unsere Nachfahren erfahren und sich daran erinnern, damit sich das furchtbare Blutvergießen nicht wiederholt.

Ich wurde 1937 geboren. Meine Kindheit war Kälte, Hunger, Elend, Zerstörung. Das Dorf, in dem ich wohnte, lag in einem Gebiet erbitterter Kämpfe. Tage- und nächtelang das Heulen von Flugzeugen, Bombenexplosionen, Maschinengewehrfeuer, Granatwerfer, Rauchsäulen. Um diesen Schrecken zu entgehen, waren die Dorfbewohner gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Sie fuhren weg, versteckten sich wo es ging. Meine Mutter, ich und einige Nachbarn fuhren weit weg von unserem Dorf, in einen Wald. Zuhause blieben meine Großmutter väterlicherseits und noch drei alte Menschen zurück.

Auf den Waldwegen fuhren Autos und Panzer, hörte man eine unbekannte Sprache. Wir gingen immer tiefer und tiefer in den Wald. Wir ruhten und schliefen auf Tannenzweigen. Wir Kinder lagen in der Mitte, die Erwachsenen an den Rändern. Eines Tages standen die Eltern früh auf und machten sich auf den Weg, um Nahrung zu suchen. Ich rollte aus der Kindergruppe heraus, es schneite und ich wurde zum lebenden Stück Holz unter dem Schnee.

Wir lebten von den Gaben des Waldes, von Gräsern und Baumrinde. Hin und wieder halfen uns die Bewohner nahegelegener Dörfer, in denen es einigermaßen ruhig war. Dann ebbten die Kämpfe ab, es wurde ruhiger. Wer den Wald überlebt hatte, kehrte nach Hause zurück. Aber da, wo unser Dorf gewesen war, war ein leerer Fleck. Das Dorf war bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden. An der Stelle unseres Hauses lag eine Schicht Asche, Kohlen und die Überreste meiner Großmutter, die verbrannt worden war, wie auch all die anderen alten Leute, die nicht mit uns gegangen waren. Wir lebten dann in Erdhöhlen. Es wurde wärmer, und uns quälte der Hunger. Einmal kam ein deutscher Soldat in unsere Erdhöhle. Vor seinen Augen stehe ich, in Lumpen gewickelt, vom Hunger ausgemergelt, mit Entsetzen in den Augen. Der Soldat schaute mich lange an, und dann zog er eine Tafel Schokolade heraus und hielt sie mir hin.

Es kam das Kriegsende, aber der Hunger, das Elend und die Zerstörung waren immer noch dieselben. Niemand konnte uns helfen. Mein Vater ist im Krieg gefallen. die männlichen Verwandten auch. Wir, sieben- achtjährige Kinder halfen beim Pflügen und Umgraben. Wir haben überlebt, haben alles ertragen. Erst, als ich schon Studentin war, habe ich den Geschmack von Weißbrot kennengelernt.

Noch einmal vielen, vielen Dank und eine tiefe, von Herzen kommende Verbeugung für Ihre guten Taten.

Ich bin jetzt 80 Jahre alt, Nadezhda Aleksandrovna Tjavkina, Einwohnerin der Stadt Novopolozk

Meine Dankbarkeit übermittelt Ihnen mein Bekannter, Vladimir Mefol’devich Plejko.

Aus dem Russischen von Karin Ruppelt.

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