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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

17. Neuer Freitagsbrief.

Nina Antonowna Juchnewitsch
Gebiet Witebsk, Berzirk Werchnedwinsk
Weißrussland.

09.11.2013

Guten Tag!

Ich danke Ihnen für Ihre Botschaft.

Ich möchte Ihnen in Kürze mein Leben während des Großen Vaterländischen Krieges schildern.

Als der Krieg ausbrach, war ich volle zehn Jahre alt. Wir lebten in der Stadt Witebsk. Meine Eltern arbeiteten im Butterwerk. Während des Bombardements versteckten wir uns im Wiegeraum der Fabrik. Um uns herum stand alles in Flammen. Durch ein Wunder überlebten wir in dieser Hölle. Dann wurde mein Vater von den Deutschen zum Brückenbau geholt. Wir sahen meinen Vater nie wieder.

Meine Mutter beschloss, mit mir in die Heimat meiner Großmutter in das Dorf Opytnaja im Bezirk Drisensk (heute Bezirk Werchnedwinsk) zu gehen. Dort lebten meine Großmutter Pelageja und meine Onkel Nikolaj.

Wir waren lange unterwegs, zu Fuß. Auf dem Weg stieß eine Kuh zu uns. Wir nannten sie Rimka. So kamen wir mit dieser Kuh im Dorf Opytnaja an. Wir siedelten uns in einem leerstehenden Haus an. Es gab leere Häuser im Dorf, weil manche Familien in die Evakuierung gegangen sind. Wir lebten nun zu viert: ich, meine Mutter, meine Großmutter Pelageja und die Kuh Rimka.

Dann kam die Strafexpedition. Wir hatten Glück – wir überlebten.

Onkel Nikolaj schloss sich gemeinsam mit seiner Familie den Partisanen an. Meine Mutter arbeitete bei einem deutschen Herren auf dem Dreschplatz. In eben dieser Zeit wurde meine Mutter wegen Verbindungen zu den Partisanen festgenommen. Daraufhin, zwei Wochen später, wurde sie ins KZ Auschwitz gebracht, irgendwo in Polen. Damals wussten meine Großmutter und ich nicht, wo sie war und was mit ihr geschehen ist. Meine Mutter habe ich erst nach dem Krieg wiedergesehen.

Meine Großmutter Pelageja und ich blieben zu zweit zurück.

Meine Mutter wurde im Herbst festgenommen und im Frühling kamen sie meine Großmutter holen. Irgendwer meldete, dass ihr Sohn bei den Partisanen war. Ich habe meine Großmutter nie mehr gesehen. Sie wurde erschossen...

Ich blieb ganz allein zurück. Ich lebte zwischen fremden Menschen. Nur die Kuh rettete mich. Mehrmals wurde sie mir von den Deutschen weggenommen. Ich warf mich an ihren Hals und weinte. Selbst die deutschen Herzen regten sich da, und sie trieben mich und Rimka mit der Peitsche weg von der Herde.

Dann kam der Sieg. Der Krieg war vorbei.

Im Winter 1946 kehrte meine Mutter zurück. Sie wurde in Prag von den sowjetischen Truppen befreit. Die Deutschen hatten versucht, die Menschen aus dem Lager über die Tschechoslowakei irgendwohin zu bringen. Als Erinnerung an diese schreckliche Zeit blieb meiner Mutter die Nummer 70133 auf ihrem Arm. Es begann das Leben in Frieden.

Aber der Krieg ließ auch im friedlichen Leben von sich wissen. Bis zu ihrem Tod konnte meine Mutter die deutsche Sprache und das Bellen von Hunden nicht ertragen. Sie verursachten bei ihr beinahe einen Herzanfall.

Ich bin jetzt 82 Jahre alt. Ich habe Kinder, Enkel, Urenkel. Ich erzähle ihnen oft von meinem Leben, damit sie sich erinnern und den Frieden beschützen.

Ich bin sehr angenehm berührt, dass auch die deutschen Menschen die ganzen Schrecken des vergangenen Krieges nicht vergessen. Ich verstehe – und nicht nur ich, sondern viele meiner Landsleute –, dass nicht eine Nation oder ein Volk an dieser Tragödie schuld ist, sonder der Faschismus, der in jener Zeit an die Macht gekommen war.

Hochachtungsvoll,

Juchnewitsch Nina Antonowna

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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