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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

16. Neuer Freitagsbrief.

Iwan Stepanowitsch Shorow
Gebiet Witebsk, Kreis Werchnedwinsk
Belarus.

22.11.2012

Guten Tag Unbekannte, meiner Seele nahestehende, wahrhafte Menschen mit offenherziger Seele und guten Herzen.

Ich, Shorow Iwan Stepanowitsch, wurde am 14.02. 1930 geboren und lebte bis 1947 im Dorf Dubrowa, Werchnedwinsker Rayon, Witebsker Gebiet, Republik Belorussland, ich bin Ihnen und den gütigen, fürsorglichen und herzlichen Menschen unendlich dankbar für ihre Fürsorge und die Erinnerung, die sie uns gegenüber (und um so mehr den Kindern) erwiesen haben, die am eigenen Leibe alle Schrecken jener fürchterlichen, blutigen Kriegsjahre und insbesondere des grauenhaften Winters 1943 erlebt haben.

Mit Ihrem Brief haben Sie die mit den Jahren geschlossenen, aber nie verheilten physischen und psychischen Wunden aufgewühlt, die wir von der faschistischen Tyrannei zugefügt bekommen haben.

Es begann an einem Wintermorgen 1943.

Ich erinnere mich, die Mutter kam von der Straße ins Haus hereingestürzt und schrie: „Die Deutschen, zieht euch an!“. Mein Bruder, meine Schwester und ich haben uns schnell angezogen, griffen uns die Säcke, die die Mutter vorbereitet hatte und liefen auf die Straße.

Von der Frostluft stockte der Atem. Ich blieb an der Türschwelle stehen und schaute auf das Dorf, wo aus den Öfen der Häuser sich langsam Rauchwolken erhoben, in der Nähe des Dorfes sah ich auf dem verschneiten Feld eine ausgedehnte Kette auf das Dorf zugehender menschlicher Figuren mit dem Hakenkreuz auf den Uniformen und den an der Sonne glänzenden Mündungen der im Anschlag gehaltenen Maschinenpistolen.

Meine Familie, wie auch die Einwohner der benachbarten Häuser hatten nur das Nötigste mit, was sie tragen konnten, als sie eiligst ihre Häuser verließen und zum dunklen, nahen Wald liefen.

Zum Glück schafften wir es, uns im Waldesdickicht zu verstecken, ehe die faschistischen beschlagenen Stiefel die Straßen des Dorfes erreichen konnten.

Die Invasion der faschistischen Rächer (so nannte man danach im Volk die faschistischen Ungeheuer) war so plötzlich und unerwartet, dass es vielen der Einwohner (das waren Alte, Frauen und Kinder) nicht gelang, in den Wald zu gehen und sich zu verstecken. Sie alle waren verurteilt zu einem schrecklichen qualvollen Tod. Unter den Mündungen der faschistischen Maschinenpistolen wurden sie in eines der Häuser und einer Scheune getrieben und dort bei lebendigem Leibe verbrannt. Das Dorf, das mehr als 100 Häuser hatte, wurde völlig vernichtet. An der Stelle, wo friedliche Menschen wohnten, blieb nur Asche der verbrannten Wohnstätten, des jahrelang erarbeiteten Eigentums und starrten die Schornsteine der Öfen nach oben.

Für uns, die wir uns im Wald verstecken konnten, begannen schreckliche Tage und Nächte. Im Verlaufe von mehr als einem Monat mit Frost von –20° C lebten wir wie auf einem Pulverfass, ständig auf weitere Unannehmlichkeiten wartend, weil die faschistischen Rächer periodisch den Wald durchkämmten, wo sich die friedliche Bevölkerung versteckte und alle erschoss, die sie überraschend fassen konnten. Außerdem riefen die unerträglichen, unmenschlichen Lebensbedingungen (wenn man unsere damalige Existenz Leben nennen kann) eine Fleckfieberepidemie hervor. Diese schreckliche Krankheit raffte nicht wenige Menschenleben dahin, weil wir praktisch keine Mittel zum Kampf dagegen hatten. Es gab keine Medikamente, keine normale menschliche Verpflegung. Es überlebten die, deren Organismus selbstständig dieses schwere Leiden überwand.

Ich war einer derjenigen, dem es gelang die Krankheit zu überwinden, obwohl ich danach erst wieder laufen lernen musste, wie ein einjähriges Kind.

Die faschistische Barbarei kann ich nicht vergessen, eine faschistische Kugel durchschlug den Unterarm meiner rechten Hand, sowie die Splitter einer explodierten Hitlergranate, die in meinem Körper stecken, machen sich bemerkbar.

Unsere älteren Brüder und Schwestern, Väter und Großväter gaben ihr Blut und sogar ihr Leben, um die Faschisten von unserem Boden zu verjagen, aber die von ihnen hinterlassenen Brandstätten ehemaliger Städte und Dörfer, das über Jahre erarbeitete Eigentum, das vernichtet und ausgeraubt wurde, die entstellten und gequälten Seelen und Schicksale unschuldiger friedlicher Menschen mussten durch unsere unglaublichen Anstrengungen wiederaufgebaut und geheilt werden im Verlaufe vieler, vieler Jahre. Das von uns in jenen fernen, schrecklichen Jahren erlebte musste den Gesundheitszustand beeinflussen. Der ziemlich mitgenommene (Motor) streikt, die Krankheit der Gelenke behindert in starkem Masse die Arbeit (der Fortbewegungsapparat).

Verstehen Sie mich bitte richtig. Das ist keine Klage, das ist das Stöhnen der Getöteten und der das Wüten des Faschismus durch ein Wunder überlebt habenden menschlichen Seelen.

Über die Einzelheiten unseres Lebens im Winterwald 1943, sowie nach der Rückkehr in die Brandstätten werde ich keine Einzelheiten mitteilen. Ich habe einfach keine Kraft die grauenhafte Vergangenheit wieder zu erwecken.

Ich bin für Gerechtigkeit. Dafür, dass das Gute immer das Schlechte besiegt. Dafür, dass die Völker in Frieden und Eintracht leben, dass sich niemals und nirgends auf der Welt, das wiederholt, was wir erleben mussten.

Ich wünsche Ihnen Erfolge bei Ihrer edlen Arbeit. Glück und Wohlergehen. Alles Gute Ihnen und Ihren Verwandten.

Hochachtungsvoll Shorow I. S. 22.11.2012

Aus dem Russischen von Martin Creutzburg.

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