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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Shuk Walentina Andrejewna.

Belarus
Kirowskij
22.02.2017.

Sehr geehrte Sponsoren und Aktivisten von KONTAKTE in Berlin!

Sehr überrascht und erfreut habe ich Ihre Hilfe von 300 Euro erhalten, zusammen mit dem Brief, der diese Hilfe ausführlich erklärt. Jetzt verstehe ich alles, es ist Hilfe für die Kinder des Krieges. Ich bin Ihnen sehr dankbar für diesen Schritt, den Sie auf die heute hilflosen Menschen in Belarus zugehen. Es ist, als hätten Sie meine Gedanken gelesen und meinen Wunsch, wenigstens eine kleine Geste des Mitgefühls aus Deutschland zu bekommen, Mitgefühl für die harten Kriegsjahre, die ich meiner Kindheit erlebt habe. Angst, Erniedrigung, vor meinen Augen ermordete Menschen, Hunger, Kälter, Krankheiten.

Als der Krieg begann, lebten wir als Großfamilie mit sieben Kindern auf dem Land. Mein ältester Bruder ist 1941 als Offizier bei Kiew gefallen (verschollen). Die Benachrichtigung haben wir erst nach dem Krieg bekommen. Ich war das sechste Kind, 6 Jahre alt, mein jüngerer Bruder war 2. Unsere Familie galt als zur Roten Armee gehörig. Können Sie sich vorstellen, wie die Deutschen meine Eltern behandelten?

An den Krieg erinnere ich mich, es war im Sommer – der Krieg wurde ausgerufen. Alle Männer mussten in den Dorfrat. Mein Vater kam zurück, wegen seiner Sehschwäche wurde er ausgemustert. Die Pferde des Kolchos wurden auf die Höfe verteilt, die Hühner irgendwohin getrieben. Für die Ernte war es noch zu früh. Über die Straßen marschierten nachts in ganzen Kolonnen unsere russischen Soldaten Richtung Westen [?]. Es hieß, sie seien auf dem Rückzug. Ich fürchtete mich, mein kindlicher Verstand begriff nicht, wieso Rückzug, den Feind musste man doch angreifen, sich verteidigen. Und das ging nicht einen, nicht zwei Tage so, sondern über Wochen. Man hörte das Getrampel von Stiefeln und das Geraschel der Uniformen. Dann kamen Flugzeuge mit Kreuzen auf den Flügeln. Sie bombardierten Witebsk, Eisenbahnstationen, versperrten den Weg ins Hinterland. [Kanonen]donner, Flammen, alles konnte man sehen und hören.

Als ich zum ersten Mal Deutsche sah, kamen sie auf riesigen Motorradgespannen angefahren, Soldaten mit Maschinengewehren und Schäferhunden stiegen ab. Sie umstellten das Dorf, trieben alle Menschen an einer Stelle zusammen. Sie hatten Listen mit den Namen der Dorfbewohner bei sich. Sie begannen die Namen aufzurufen. Wenn in einer Familie jemand aus der Liste fehlte, galt sie als Partisanenfamilie und musste sich in einer gesonderten Reihe aufstellen. Unter Folter wurden sie ausgefragt, wo ihre Männer und Kinder sind, und wurden dann vor den Augen aller erschossen. Diese Deutschen wurden Bestrafer genannt – sie waren große, dünne und bösartige Finnen [?]. Sie löschten Leben aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Diese Angst und dieses Grauen lassen sich bis heute nicht aus dem Gedächtnis streichen. Sie wählten einen Dorfältesten aus und gaben ihm eine Aufgabe: Alles zu tun, was die neuen Machthaber verlangten. So begannen die Denunziationen der Menschen, die Verbindungen zu den Partisanen hatten. Es war verboten, das Dorf ohne schriftliche Erlaubnis der Kommandantur zu verlassen. Das erste Kriegsjahr war sehr hart. Das Gemüse wurde nicht abgeerntet, die Kornfelder wurden niedergebrannt, damit sich darin keine Partisanen verstecken konnten. Der Winter kam früh und heftig. Es wurde angeordnet, bis zu einer bestimmten Frist Wollhandschuhe, Pelze und Schals an den Dorfältesten auszuhändigen. Deutsche kamen auf Motorrädern, um Nahrungsmittel zu holen. Sie wollten Speck haben, Eier, Butter, Honig, sie töteten Schweine, drehten den Hühnern die Hälse um und brachten alles weg.

Wenn meine Mutter darum bat, etwas für die Kinder übrig zu lassen, bekam sie nicht selten einen Schlag mit den Gewehrkolben. Nachts kamen außerdem heimlich die Partisanen und nahmen alles mit, was sie sahen. Und am Tag versammelten die Bestrafer wieder alle Menschen und erschossen die, die man denunziert hatte. Dann kam der Hunger. Es gab kein Brot, kein Salz, keinen Zucker, keine Grütze, kein Mehl. Wir mussten Kartoffeln, Kohl, Borretsch aus dem Schnee graben. Ich mag mich gar nicht daran erinnern, was wir alles essen mussten.

Dann zog die Kommandantur von Staroje Selo in unser Haus. Meine Mutter heizte das Haus, das Mittagessen bekamen sie mit einem Auto geliefert. Unsere Familie lebte in der Banja. Tagsüber, wenn sie angeheizt wurde, draußen, nachts drinnen. Gekocht haben wir draußen, einmal am Tag. Manchmal ging ich ins Haus, um mich aufzuwärmen. Mir schien, dass nicht alle Deutschen grausam waren. Einer der Deutschen (er hieß Hans) gab mir manchmal Süßigkeiten. Zu Neujahr gab er uns eine Schachtel mit sehr schönem Schmuck für den Tannenbaum. Wir bedankten uns alle bei ihm. Wenn er am Tisch saß, beim Essen, sang er oft ein Lied über seine Familie und weinte dabei. Kurz vor Neujahr gab es einmal eine Lebensmittellieferung für die Deutschen, sie wurde in unserem Hof ausgeladen. Einer der Ladearbeiter warf ein zerquetschtes Rosinenbrötchen über die Bande in den Schnee. Ich stand gerade am Schuppen und hob es auf. Eine Hälfte aß ich, die andere brachte ich ins Haus und versteckte es auf dem Küchenschrank. Am nächsten Morgen entdeckte es ein Deutscher, er fing an zu brüllen: „Zap-Zarap!“ Er packte unsere Mutter an der Brust, aber die wusste nichts, holte alle Kinder auf den Hof, und er hielt jedem wütend das Stück Brötchen unter die Nase. Da gestand ich ihm, dass der Ladearbeiter das zerquetschte Brot in den Schnee geworfen hatte. Der Deutsche packte mich am Ohr und zog mich daran hoch, höher als sein Kopf. Danach ging ich lange nicht mehr ins Haus, und in meinen Ohren hörte ich immer noch sein Brüllen: „Zap-Zarap!“

Aber die Front kam näher, die Kommandantur verließ das Haus und befahl auch allen Bewohnern, das Dorf zu verlassen. Ich und mein kleinerer Bruder erkälteten uns und bekamen Keuchhusten. Das ist ein Husten, bei dem man bis zum Erbrechen husten muss. Unsere Beine schwollen an, wir hatten fürchterliche Bauchschmerzen. Wir behandelten alles mit Hausmitteln. Am schlimmsten war es, als über unseren Köpfen die Geschütze hinwegzufegen begannen. Aus der einen Richtung schossen Kanonen, aus der anderen Katjuscha-Raketenwerfer. Brennende Häuser, die ganze Erde bebte. In der Nacht brannte das Nachbarhaus mitsamt seinen Bewohnern aus. Die Menschen verließen das Dorf in alle Richtungen. Wir luden alles, was wir konnten, auf unseren Schlitten und fuhren weg, ohne zu wissen wohin. Wir fuhren lange, nahmen unterwegs eine Frau mit Säugling mit. Wieder gerieten wir unter Beschuss. Ein Granatsplitter tötete auf unserem Schlitten die Frau und ihr Baby. Vor Angst verlor mein kleiner Bruder seine Stimme, und die Beinchen versagten ihm. Dann kamen wir im Dorf Ostrowno an, da waren die Häuser schon überfüllt mit Flüchtlingen. Wir beschlossen, in einer Banja zu wohnen. Meine ältere Schwester und mein Bruder wurden von den Deutschen mitgenommen, mussten Panzergräben schaufeln. Wir hörten sehr lange nichts von ihnen. Meine Mutter strickte für die hiesigen Bewohner schöne verzierte Wollschals, Strickjacken, nähte mit der Nähmaschine (die hatten wir immer bei uns). Damit verdiente sie unser Essen. Wir Kinder mussten von Haus zu Haus gehen und betteln. Viele in diesem Dorf hatten Bauchtyphus. Die Deutschen trauten sich nicht in die Häuser und nahmen nicht die Lebensmittel weg, so wie sie das bei uns getan hatten. Die Dorfbewohner bezahlten die Flüchtlinge für ihre Arbeit.

Dann kam die Nachricht, dass unser Dorf befreit war. Wir beschlossen, über den Sumpf die Front zu überqueren, und gingen schmutzig, in Fetzen gekleidet auf die Straße hinaus. Am Straßenrand lagen haufenweise Minen. Auf dem Feld ein Graben nach dem anderen, die ganze Oberfläche übersät mit toten Soldaten. Ein grauenvoller Geruch. Wir fuhren langsam, ohne irgendwo von der Straße abzubiegen, weil überall Minen lagen. Es gab auch Momente, da stand zwischen all den Toten plötzlich ein Soldat ohne Arme und Kopf, ganz aufgedunsen. Als wir unser Dorf erreichten, waren da keine Häuser mehr, bloß nackte Ziegelsteinöfen, schwarz mit hoch aufragenden Schornsteinen, an denen Aufschriften hingen: „Vermint“. So kamen wir „nach Hause“ – kein Dach über dem Kopf, nichts zu essen. Wir zogen in eine Erdhütte am Fluss. Mein Vater wurde sehr krank: Er zitterte, bekam am ganzen Körper Ausschlag, atmete schwer. In der Nachbarschaft lebten bereits mehrere Familien. Meine Mutter fuhr wieder nach Miory, nach Lida und so weiter, und suchte Arbeit. Mein kleiner Bruder konnte, bis er 6 war, nicht laufen. Überlebte gerade so. Heute ist meine ganze Familie schon tot. Ich lebe allein. Ich habe Kinder, Enkel und Urenkel. Mein Haus ist sehr einfach, ohne Strom und fließend Wasser. Laufen kann ich nur mit einem Stock, meine Gelenke schmerzen.

Auf Wiedersehen! Schreiben Sie mir, kommen Sie uns besuchen!

W. A. Shuk.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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