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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

15. Neuer Freitagsbrief.

Die Erzählung ist nicht überall chronologisch. Die Zerstörung der Dörfer durch die Einsatzgruppen und die Wehrmacht und die Ermordung oder Verschleppung der Bevölkerung in KZs begann im Gebiet Werchnedwinsk im Februar 1943 als Operation Winterzauber, beim Rückzug der Wehrmacht wurden weitere Dörfer zerstört.

Genadij Iwanowitsch Beljajew
Gebiet Witebsk, Region Werchnedwinsk
Belarus.

Ich, Beljajew Genadij Iwanowitsch, wurde am 1. April 1931 im Dorf Dernowitschi, Kreis Werchnedwinsk, Gebiet Witebsk in Belarus geboren, wo ich auch heute noch lebe.

Ihren Brief habe ich am 22. Oktober 2013 erhalten, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin, [sowie] für das mir entgegengebrachte Vertrauen.

Hier sind einige meiner Erinnerungen an den Krieg im Jahre 1941.

Unser Gebiet wurde am 16. Juli 1941 von deutschen nationalsozialistischen Truppen okkupiert, und einige Tage später sahen wir die Besetzer in unserem eigenen Heimatdorf.

Es war eine neue Zeit unter dem faschistischen Regime angebrochen, aber nicht für lange. Viele unserer Alten haben das Regime nicht akzeptiert, haben jedoch geschwiegen.

Im August 1941 zeigten sich in unseren Wäldern, zunächst im Verborgenen, dann auch offen, kleinere Gruppen von unbekannten Leuten, die ganz unterschiedlich gekleidet waren. Das waren Soldaten, die hinter unseren im Rückzug begriffenen Armeetruppen zurückgeblieben waren. Und im Herbst desselben Jahres tauchten kleine Gruppen von Partisanen auf, die von denjenigen unter unseren Leuten verstärkt wurden, die noch eine Waffe tragen konnten. So entstanden Partisaneneinheiten, auf deren Gebieten die Nazis Angst hatten, sich zu zeigen.

Auf dem Territorium dieser Partisanenzone lebte auch unsere Familie; mein Vater, Invalide (Gruppe 2) des [Sowjetisch-]Finnischen Krieges, meine Mutter und wir vier Kinder, ich war mit meinen 12 Jahren der Älteste.

Die Partisanen, aus dem Hinterland angeführt, ließen den Nationalsozialisten keine Ruhe, sprengten Pumpwerke an Bahnhöfen, ließen Züge mit Technik, Rüstung, Lebensmitteln, die zur Front unterwegs waren, entgleisen. Die Partisanen wurden in Allem von der hiesigen Bevölkerung unterstützt: Man versorgte sie mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Futter. Das alles dauerte von Herbst 1942 bis Oktober 1943 an.

Zu dieser Zeit ging das faschistische Kommando dazu über, Strafexpeditionen im gesamten von Partisanen besetzten Gebiet zu organisieren. Zu dem Zeitpunkt hielt sich bereits ein Teil der Bevölkerung in Erdhütten im Wald versteckt. Mit faschistischer Unverfrorenheit wurden Zivilisten sowie Partisanen niedergeschossen, die sich nicht mehr im Sumpf verstecken konnten: Es wurden sowohl Kinder wie auch Zivilisten hohen Alters erschossen.

Etwa im August oder September 1941 fielen die Nazis in unser Dorf ein, fanden in ihrem Haus die Ehefrau von Beljajew Nikolaj Adrejewitsch, einem Aktivisten des Dorfrates, und erschossen sie. Nikolaj Andrejewitsch selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Partisaneneinheit. Irgendwer von den hiesigen Bewohnern hatte die Familie des Partisanen angezeigt.

Das waren die ersten blutigen Schritte des Nationalsozialismus auf unserem Heimatboden. Aus unserer Familie väterlicherseits starben sein leiblicher Bruder und zwei Vettern, mütterlicherseits zwei leibliche Brüder, ein Vetter sowie viele andere Verwandte.

Ich erinnere mich gut, wie unsere Truppen im Sommer 1941 den Rückzug antraten. Eine Fahrzeugkolonne, beladen mit Munition, zog Richtung Osten. Zwei deutsche Flieger attackierten diese Kolonne und begannen, alle zu erschießen. Die Fahrzeuge fingen Feuer, aber die Fahrer konnten sich gerade noch in den Straßengraben retten. Das alles musste ich mit eigenen Augen ansehen. Daraufhin gab es immer öfter faschistische Luftangriffe auf zivile Ziele und Partisanenlager.

Und die Front rückte immer näher an unsere Gebiete heran. Alle erwarteten die baldige Ankunft unserer Armeetruppen.

Die Nazis waren damit beschäftigt, den Weg für ihre eigenen im Rückzug begriffenen Truppen freizumachen. Sie wussten, dass sie über die Partisanengebiete werden zurückweichen müssen. Und so fassten sie den Entschluss, eine Strafexpedition zur Säuberung der umliegenden Wälder von Partisanen und der lokalen Bevölkerung durchzuführen. Das war im März/April 1944 [tatsächlich 1943]. Wenn sie keine Partisanen fanden, erschossen die Nazis Zivilisten, die sie im Wald fanden. So wurde die siebenköpfige Familie Uschakow erschossen; die Familie von Woroschilow Iwan Dawidowitsch wurde gefangen und zur Erschießung abgeführt, sowie weitere Zivilisten. Den unausweichlichen Tod vor Augen, flüsterten Vater und Mutter Woroschilow ihren [Töchtern] Nadja, 16 Jahre und Frosja, 12 Jahre zu, sie sollten sich heimlich in den nahen Tannen am Wegrand vor den Nazis, die sie geleiteten, verstecken, die Mädchen taten dies und blieben am Leben. Die Übrigen wurden von den Geleitposten zum anvisierten Ort gebracht, mit dem Gesicht auf den Boden gelegt und erschossen. Woroschilowa Nadja verstarb 2004, Frasja schon eher...

Auf mich fiel das Los, als Forstwirt im Wald an den Orten der Erschießungen und der Begräbnisse unschuldiger alter Menschen und Kinder zu arbeiten, deshalb erinnere ich mich deutlich an alles, und es lässt mir auch heute noch keine Ruhe.

Ich habe ebenfalls darüber zu berichten, dass ich direkt oder indirekt die Partisanen unterstützt habe, indem ich unter Einsatz meines Lebens Aufträge von ihnen ausführte: Ich fuhr zur Winterzeit auf meinem Pferd an die Orte der Zerstörung der Polizeigarnison, um von dort Futter für die Pferde der Einheit zu holen. Andere Jungen in meinem Alter waren auch dabei. Wir sammelten für die Partisanen von den Frontkämpfern zurückgelassene Waffen und Munition ein, und wir machten das gerne.

Eines Tages fielen die Nazis in eines der Dörfer ein, in dem Alte und Kinder lebten. Dort zettelten sie einen Kampf mit den herbeigeeilten Partisanen an, aber die Kräfte waren ungleich verteilt und Verstärkung musste her. Eben dieses Los fiel auf mich. Mein Vater spannte die Pferde vor den Schlitten und ich machte mich auf den Weg zur Partisaneneinheit. Wir erreichten den Ort des Kampfes, die Partisanen gingen in die Schusslinie, und mir befahlen sie, in Deckung zu bleiben. Der Kampf dauerte bis zum Abend an, wir kehrten erst bei Nacht zum Lager zurück. Das war im Dorf Jermolino im Winter 1943. In jenem Kampf starb Bykow den Heldentod der Partisanen, auch auf Seiten der Nazis gab es Verluste.

Ich muss noch den letzten Tag der Strafexpedition am Vorabend des Jahres 1944 erwähnen. Unsere Familie hielt sich in dieser schrecklichen Nacht im Wald auf, unter freiem Himmel, auch andere waren dort. Das war die schlimmste Nacht, eine Tragödie für die Menschen. Die Nazis hielten die ganze Nacht über das Feuer eröffnet, leuchteten den Wald mit Raketen aus, man hörte das betrunkene Gezeter der Nazis. Zum Glück gab es in dieser Nacht nur leichten Frost, sonst hätten es einige von uns Kindern nicht bis zum Morgen geschafft und nie den Sonnenaufgang erlebt. Und mit dem Anbruch der Morgendämmerung am 1. Januar 1944 verließen die Nazis den Wald, offenbar fertig mit ihrem blutigen Feldzug.

Einige Zeit nach Anbruch des neuen Jahres 1944 wagte sich auch die zivile Bevölkerung langsam aus dem Wald. Die Frontlinie unserer Armee kam währenddessen immer näher an unser Gebiet heran. Die Partisanen lebten wieder auf und fingen an, die Wege der Deutschen zu verminen, um die deutschen Fahrzeuge auf die Partisanenminen auffahren zu lassen.

Bei einer Sichtung der Wege auf Minen hin entdeckten die Deutschen einmal mit Hilfe eines Minendetektors eine solche von den Partisanen gelegte Mine, die ein Nazi dann zu uns ins Haus brachte und sich aufmachte, das TNT auf dem Tisch auszubreiten. Meine Mutter hatte das beobachtet, wir Kinder lagen auf einer Pritsche. Sie verstand, dass das Ende gekommen war, warf sich mit lauten Worten des Abschieds quer über uns alle, in Erwartung des unausweichlichen Todes. Ich lag ganz außen auf der Liege, hatte gerade eine Typhuserkrankung überstanden und fing langsam wieder an zu laufen. Ich konnte alles, was im Haus geschah, gut sehen, und auf einmal wollte ich unbedingt leben, aber der Tod war so nah. Ins Fenster schien die helle morgendliche Aprilsonne. Und plötzlich geht die Tür zu unserem Haus auf und ein deutscher Offizier kommt herein und gibt dem Soldaten, der schon dabei ist, die Sprengstoffteile mit Zündschnur zu versehen, einen Befehl in seiner Sprache. Der Soldat sammelte sofort das ganze TNT vom Tisch ein, und beide ließen uns in unserem Haus zurück. Als unsere Mutter sich nach dem Verschwinden der Nazis erholt hatte und wieder auf die Beine kam, explodierte etwas. Die Nazis haben die Mine in das leerstehende Nachbarhaus gebracht und gezündet. Ich ging raus auf den Hof und sah das Nachbarhaus in Flammen stehen. So haben wir eine zweite Geburt erlebt, die wir niemals vergessen werden.

Und zum Schluss: Irgendwann im Jahr 1968 habe ich mich, aus beruflichem Interesse, nach dem großen Holzkreuz im Dorf Jermolino erkundigt. Ein greiser Einwohner des Dorfes trat an mich heran und berichtete, dass die Nazis in diesem Dorf die Menschen, die sich dort noch aufhielten, in einem Haus zusammengetrieben und im Dezember 1943 alle Alten und Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt haben. Nachdem der Krieg vorbei war, beschlossen die Hinterbliebenen der in diesem Haus verbrannten, dort dieses Kreuz zu errichten. Die Flüche in Richtung der Nazis kannten keine Grenzen. Das ist lange her, ich weiß nicht, ob dieses Kreuz immer noch dort steht, oder vielleicht ein anderes.

Aus der seelischen und psychischen Wunde, die die Nazis uns zugefügt haben, strömt bei vielen von uns auch heute noch Blut.

Und dann kam die Stunde der Befreiung unseres Territoriums. Das war im Juli 1944. Die ganze zivile Bevölkerung, die noch am Leben war, weinte ohne die Tränen zu verbergen, weil sie die nationalsozialistische Feuersbrunst überlebt hatte. Wir empfingen unsere russischen Soldaten, die uns und die Völker Europas von der Unterjochung befreit haben. Viele von unseren Landsmännern kehrten nicht von der Front zurück, hinterließen für immer ihre Mütter, Ehefrauen und Kinder. Wir werden uns ewig an ihre Heldentaten erinnern.

Schon jetzt bereitet man sich bei uns in der belarussischen Republik auf den 70. Jahrestag der Befreiung von den nationalsozialistischen Plünderern und Henkern vor.

Ich nenne die Partisaneneinheiten, die sich auf dem Territorium unseres Gebietes befanden. Das sind: die Einheit Kalinin unter der Führung von Kucharenko Iwan, die Einheit A. Newenyj, die Einheit KIJ [КИМ] – das bedeutet Kommunistische Internationale Jugend, die Einheit Suworow, Woroschilow und viele andere.

Im Dorf Weresno, wo sich die Einheit Kalinin befand, liegt der Friedhof, auf dem die im Kampf mit den Nazis gefallenen Partisanen beerdigt wurden. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie viele Partisanen dort beerdigt sind, aber es waren mehr als 20 Gräber.

Dieser Ort wird gepflegt – dort wurde ein Gedenkstein aufgestellt mit der Aufschrift:

„Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“

Von allen Bewohnern unseres Dorfes, die an der Front gekämpft und bei der Partisanenbewegung mitgewirkt haben, sind heute nur noch zwei am Leben. Das sind der Frontsoldat Koslow Wasilij Jegorowitsch und die Partisanin Leonowa Olga Michajlowa.

Ein Teil der Männer ist nie aus dem Krieg zurückgekehrt, und die, die überlebt haben, sind schon als Rentner entweder ihrer Verwundungen oder des hohen Alters wegen aus dem Leben geschieden. In ewigem Gedenken an sie.

So sei es, Beljajew G. I.

2. November 2013

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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