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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

14. Neuer Freitagsbrief.

Samylkina, Wera Pawlowna
Werchnedwinsk
Belarus.

Es schreibt Ihnen Wera Pawlowna Samylkina aus der weißrussischen Stadt Werchnewedinsk.

In Ihrer Person möchte ich Ihnen und allen deutschen Bürgern herzlich danken, die sich bei der wohltätigen Aktion zur Unterstützung der Überlebenden unter den ehemaligen Einwohnern der von den Nazis niedergebrannten weißrussischen Dörfern engagieren.

Ich bin schon 81 Jahre alt. Als der Krieg ausbrach, war ich 9, und ich sowie meine drei Schwestern waren bereits Waisen – unsere Eltern sind schon vor dem Krieg verstorben. Gelebt haben wir im von der Kreisstadt Osweja abseits gelegenen Dorf Tschurgli. Das Leben war sehr hart und als unsere Eltern gestorben sind, wurde es ganz unerträglich, aber wir haben versucht, uns irgendwie am Leben zu halten, auf die noch nicht erstarkten Beine zu kommen...

Und dann brach der Krieg über uns herein. Zunächst ließen die Besatzer alle in Frieden. Ich erinnere mich, wie meine Schwester und ich eines Tages in die Kreisstadt zur Backstube gingen, wo Deutsche arbeiteten. Als sie uns sahen, haben sie uns erstaunlicherweise nicht nur nichts zu Leide getan, sie haben uns sogar zwei Brotlaibe angeboten. Zuerst hatte ich Angst, sie anzunehmen, aber meine kleine Schwester schaute mich mit solch großen hungrigen Augen an, dass ich es wagte, meine Angst überwand, das kostbare Geschenk nahm und schnell nach Hause rannte. Zu Hause streichelten wir es lange, rochen und erfreuten uns daran, bevor wir eine kleine Scheibe für jeden abschnitten.

Aber im Winter 1943 begann das Schreckliche. Die Bestrafer drangen in die Partisanenzone vor und legten alles auf ihrem Weg in Schutt und Asche. Sie kamen aus der Richtung Litauen, und die Bewohner unseres Dorfes wussten schon, dass der Tod kommt. Alle machten sich in die Wälder auf. Diejenigen, die sich weigerten, zu gehen, sind bei lebendigem Leib verbrannt worden. Um uns Waisen konnte sich niemand kümmern, und so rannten wir zusammen mit den anderen, in dem Wissen, dass die Rauchwolke, die von Westen her den Horizont bedeckte, uns jeden Moment einholen würde. Als wir kurz Luft holten, sahen wir vom Waldrand aus unser Elternhaus in Flammen stehen...

Es ist unmöglich, in einem Brief all die Qualen zu beschreiben, die uns zuteil wurden. Sie waren bei Tausenden unserer Landsleute dieselben. Alle flohen in die verschneiten Wälder und Sümpfe, froren, hungerten, erkrankten. Sehr viele starben. Die Nazis verschonten niemanden: weder Frauen, noch Kinder, noch die Alten. Die unschuldigen Leidenden wurden erschossen, gehängt, ertränkt und verbrannt, man ließ sie von Hunden zerfleischen und Bomben aus Flugzeugen auf sie fallen. Ich bin nicht fähig, alles Erlebte zu beschreiben. Das Leben wurde damals zu einem Albtraum. Wie oft haben wir Gott angefleht, er möge uns einen raschen Tod bringen, aber der junge, wenn auch ausgemergelte, Organismus kämpfte hartnäckig ums Überleben. Und so war es unser Schicksal, zu leben.

Ich befinde mich an der Zielgeraden der mir vom Schicksal zugeteilten Jahre. Es gab alles im Leben – Gutes wie Schlechtes, aber von solch furchtbaren Ereignissen, wie sie uns der Krieg brachte, wurde ich nicht mehr heimgesucht. Auf dass dies so bleibe!

Ich und meine Leidensgenossen haben die Hand angenommen, die uns von den deutschen Bürgern, die an Christus glauben und unseren Wunsch nach einem einfachen, friedlichen Leben teilen, gereicht haben. Der Herr hat für uns den wundervollsten Ort im Universum geschaffen – unsere Erde, und wir sind verpflichtet, seinen Willen zu erfüllen und sie zu einem Ort des Friedens und der Liebe zu machen.

Ich danke Ihnen!

Nach meinen Worten aufgeschrieben von meiner Tochter Polina.

[Unterschrift] W. Samylkina

18. Januar 2014, Werchnedwinsk, Weißrussland

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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