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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu L&ändern der ehemaligen Sowjetunion.

13. Neuer Freitagsbrief.

Sora Wiktorowna Gassjul
Bezirk Werchnedwinskij
Belarus.

Sehr geehrte Bürger Deutschlands, Mitarbeiter des Vereins „Kontakty“!

Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank für Ihr Verständnis der Vergangenheit und die aufrichtige Freundschaft mit unserem geschundenen Volk auszudrücken.

Ich, Gassjul Sora Wiktorowna, schreibe Ihnen im Namen aller Kinder des Krieges unserer [Partisanen-]Zone von Osweja. Als Vierjährige musste ich mit meiner Mutter und den anderen Dorfbewohnern mein Heimatdorf verlassen. Wir ritten auf unseren Pferden in den Wald, bei uns hatten wir ein paar wenigen Habseligkeiten und eine Kuh. Das alles ließen wir später zurück. Am feuerroten Himmel über dem Wald sahen wir, wie die Dörfer in Flammen standen. Ein paar alte Dörfler waren dort geblieben, weil sie nicht glauben konnten, dass die Faschisten ihnen etwas tun würden, aber alle, die in unserem und den umliegenden Dörfern zurückgebliebenen waren, wurden verbrannt.

Drei Jahre lebten wir im Wald, zogen von einer Stelle zur nächsten, die mehr Schutz bieten würde – in die Sümpfe. Mehrmals entgingen wir unter Beschuss nur knapp dem Tod.

Entkräftet von den vielen Wanderungen durch den Wald, mit Erfrierungen an Händen und Füßen, zogen unsere Mütter uns hinter sich her. Manche Frauen, wahnsinnig vor Angst vor den Schüssen, ließen ihre Kinder zurück, und ich fürchtete mich die ganze Zeit davor und flehte meine Mutter an, mich nicht zurückzulassen.

Im letzten Jahr vor der Befreiung lebten wir in Erdhütten innerhalb der Partisanenzone. In der Partisaneneinheit waren viele unserer Nachbarn und Verwandten. Viele von ihnen sind bei der Ausführung von Kampfaufträgen ums Leben gekommen. Die Partisanen halfen uns, warnten uns bei Gefahr, zeigten uns besser geschützte Orte. Was die Verpflegung angeht, waren ihre Möglichkeiten begrenzt.

Hunger, Läuse, Abszesse, Krätze, Skorbut und Typhus waren meine und vieler anderen Kinder und Erwachsener ständige Begleiter.

Nach der Befreiung im Juli 1944 kehrten wir zurück in unser niedergebranntes Dorf und fingen wieder an, Erdhütten zu errichten. Die Frauen hatten es schwer. Ich war sechs Jahre alt und erinnere mich gut daran. Der Wald war weit entfernt von unserem Dorf, Transportmittel hatten wir keine, und so mussten wir die Gärten beschneiden, um die Hütten zu befestigen und zu heizen. In eine Erdhütte zogen mehrere Familien ein, und so lebten wir bis 1948.

Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich mich daran erinnere, wie unsere Mütter schuften mussten; im Alleingang bauten sie die gesamte Wirtschaft wieder auf, die gemeinschaftliche wie ihre eigene. Halbnackt, in schlechter Kleidung und Schuhen, schaufelten sie Erde, zogen Pflüge, schleppten auf ihren eigenen Schultern 25 Kilo schwere Säcke mit Korn für die Aussaat von der Eisenbahnstation her, im Winter waren sie im Wald, fällten Bäume für den Hausbau und hackten gleich dort unter der Leitung eines invaliden Mannes die Holzbohlen zurecht. Und erst 1948 zogen wir langsam aus unseren Erdhütten in die noch nicht ganz fertigen Häuser.

Im September 1945 ging ich in die erste Klasse. Die Schule war eine große Erdhütte, in deren Mitte sich das Wasser sammelte. Der nasse Lehmboden war furchtbar rutschig. Schlecht angezogen, nass und voller Schlamm sahen wir aus wie Vogelscheuchen im Gemüsebeet.

Das neue Schulgebäude aus Holz bauten deutsche Kriegsgefangene. Sie bauten auch das alte Vorkriegsschulgebäude wieder auf, von dem noch die beschädigten Ziegelsteinmauern übrig waren. Wir Kinder gingen zu ihnen hin und sagten Guten Tag. Ohne alles zu verstehen, was sie sagten, sahen wir, dass sie uns sagen wollten, sie hätten auch Kinder. Ich erinnere mich noch heute an ihre traurigen Augen, aus denen sie uns ausgehungerte Schmuddelkinder voller Mitleid ansahen.

Auch Ihr Volk hat unter diesem verfluchten Krieg gelitten. Genauso wie unsere Familien haben auch deutsche vergebens auf die Rückkehr ihrer Väter gewartet.

Und jetzt, an meinem Lebensabend, kennt die Erinnerung im Herzen keine Ruhe. Ich sehe die vielen kriegerischen Konflikte überall in der Welt und werde von einer tiefen Sorge um unsere Kinder und Enkel erfasst, dass sie hoffentlich niemals jene Schrecken kennenlernen werden, die wir, die Kinder des Krieges 1941–1945, erleben mussten.

Ich wünsche Ihnen helle, friedliche Tage, Glück und eine feste Gesundheit.

Gassjul S. W.

[Unterschrift]

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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