Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

12. Neuer Freitagsbrief.

Fedossija Poliwanowa
Belarus
Kreis Werchnedwinsk.

Guten Tag, verehrte Mitglieder des Vereins „Kontakty“!

Ich möchte Ihnen viel Erfolg bei Ihrer schweren Arbeit wünschen, die Sie heute tun. Ich verbeuge mit tief und wünsche all den Menschen in Deutschland, die sich um uns, die Kinder der während des Krieges niedergebrannten belorussischen Dörfer, sorgen, lange Lebensjahre und Wohlstand. Vielen Dank für Ihre Hilfe und Ihren Brief, den ich im Dezember 2015 erhalten habe.

Und jetzt möchte ich das aufschreiben, was ich aus den Erzählungen meiner Mutter über die Kriegsjahre noch weiß. Meine Mutter hatte zwei Kinder, mich und meinen Bruder – mein Bruder wurde 1940 geboren, und ich 1942. Sie erzählte, dass die Deutschen in den ersten Tagen des Krieges, als sie in Automobilen in das Dorf Osweja kamen, sehr freundlich gewesen wären und die friedliche Bevölkerung gut behandelt hätten. Sie parkten ihre Autos in einer Reihe, öffneten die Kofferräume und verteilten Lebensmittel. Sie achteten darauf, dass sich alle ordentlich anstellten und dass Frauen und Kinder zuerst drankamen.

So liefen die ersten beiden „Expeditionen“ ab – so nannte meine Mutter die Besuche, die vielleicht der Planung gedient hatten. Doch die dritte Expedition (Strafexpedition „Winterzauber“) brachte Grauen und Tod. Osweja und die umliegenden Dörfer wurden bombardiert, angezündet. Alles brannte, der Himmel war vor lauter Qualm nicht mehr zu sehen. Vor den Augen meiner Mutter schlug eine Bombe in das Haus meiner Großeltern ein – der Eltern meines Vaters. Sie starben, genauso wie die Bewohner der Nachbarhäuser.

Noch davor waren die Juden vernichtet worden, von denen es viele im Dorf gegeben hatte. Im Park mussten zum Tode verurteilte alte Männer eine Grube mit Stufen darin graben, danach wurde einer nach dem anderen hineingetrieben und durch einen Kopfschuss getötet. Es hieß, die Grube hätte sich noch zwei Wochen lang bewegt. Möglicherweise wurde sie lange nicht zugeschüttet, denn wie die Menschen behaupteten, haben sich trotz der Bewachung einige daraus befreien und retten können. Jetzt befindet sich ein neues Denkmal an der Stelle.

Nach den Bombardierungen und den Bränden zogen die Überlebenden in den Wald. Die qualvollen Zeiten in den Wäldern wurden schon von vielen beschrieben, und ich will meine Seele nicht einmal mit den Erinnerungen meiner Mutter quälen …

Nach dem Krieg lebten wir in einer Erdhütte. Im Herbst 1945 kehrte mein Vater aus dem Krieg zurück, er litt an Tuberkulose. Ich schlief neben ihm auf dem Ofen; er hustete immerzu in ein Glas, und ich trug es raus und vergrub den Inhalt unter einem Rosenstrauch. Noch im selben Herbst starb mein Vater.

Ich weiß noch, wie mein Bruder und ich in der Erdhütte hinter dem Ofen trockene Rote-Bete-Schalen fanden. Die Mäuse hatten sie wohl übriggelassen, und mein Bruder und ich teilten uns diese Beute. Und wenn das Eis auf dem Oswejer See sich öffnete, strömte das Wasser samt den Fischen die Straßen runter, auf die Weiden, da kletterten wir und die ganzen barfüßigen Kinder aus den Erdhütten und fingen die Fische mit den Händen. Das war ein Geschenk Gottes. Fisch gab es damals reichlich, solche „Angler“ wie uns auch. Aber es war genug für alle da. Unsere Mutter salzte unseren Fang in einem Fass ein, und das rettete uns vor dem Verhungern.

Im Park standen zwei kaputte Panzer; wir kletterten hinein und fanden immer etwas Interessantes. Und noch ein anderes Mal war uns das Glück wohlgesinnt. Bei der zerstörten Kirche am Teich gab es einen Imbiss. Dort tranken die Männer Bier. Ich sah drei Rubel, die im Eis eingefroren waren. Ich schaltete schnell – tat so, als wäre mein Fuß umgeknickt und setzte mich auf das Geld, breitete den Saum meines Kleides aus. Ein Nachbar ging meinen Bruder holen, und der kam mit einem Schlitten. Der Schein war da schon abgetaut, und wir nahmen das Geld mit. Wir kauften zwei Brote (36-40 Kopeken) und brachten das restliche Geld unserer Mutter. Sie weinte, und mein Bruder und ich waren so glücklich!

Viel Schlimmes, zuweilen auch Gutes, ist uns und allen unseren Landsleuten widerfahren. Am schwersten hatten es Mütter, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. Wir Kinder versuchten mit all unserer kindlichen Kraft und unserer ganzen Seele unseren Müttern zu helfen, schwächlich und klein, mussten wir früh erwachsen werden.

Lieber Gott! Bewahre die Menschen von heute, besonders die Kinder, vor all jenen todbringenden Prüfungen, durch die wir damals gehen mussten.

In aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit

Fedossija

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.