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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

11. Neuer Freitagsbrief.

Repinskaja, Nadeshda Semjonowna
Belarus
Kreis Werchnedwinsk.

Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Dr. Gottfried Eberle, Vorstandsmitglied Eberhard Radzuweit, Kurator des Projekts Dmitrij Stratievski!

Es schreibt Ihnen Nadeshda Semjonowna Repinskaja, geborene Bembel. Ich bin die leibliche Schwester von Tatjana Semjonowna Tripuk (geb. Bembel) und Marija Semjonowna Grizkewitsch (geb. Bembel). Sie sind beide wohnhaft in Werchnedwinsk, Republik Belorus. Von ihnen habe ich Ihre Kontaktdaten, in Berlin sowie in Minsk. Ich aber, Repinskaja N. S. – Bembel – lebe seit 1971 in Leningrad bzw. St. Petersburg.

Ich habe den Brief gelesen, den Sie an meine Schwestern geschrieben und den sie ihrerseits mir zugeschickt haben, und bin tief berührt von diesem Akt der Zuwendung zu uns, den Kindern des Krieges. In Russland zitiert man Olga Bergholz: „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen.“ Aber für uns, die Kinder des Krieges, gibt es wenig, abgesehen von diesem Leitsatz.

Sie richten sich in Ihrem Brief an uns mit der Bitte, von dem zu berichten, was wir wissen, woran wir uns erinnern, was wir erlebt haben. „Wir würden uns sehr über Briefe von Ihnen freuen“, „sind erfreut über jede Zeile“ (ich zitiere Ihren Brief).

Hier ist das, woran ich mich erinnere:

Am 22. Juni 1941 begann der Krieg. Ich wurde an diesem Tag genau 4 Jahre und 8 Monate alt. Manche Ereignisse, Kriegsepisoden, die uns und unser Dorf betrafen, schrieben sich in meine kindliche Erinnerung ein, mein Herz, meine Seele. Nur eine Woche später zog eine berittene Einheit durch unser Dorf Samuleschkowo mit Kurs nach Osten. Das war im Bezirk Drissensk, Gebiet Witebsk, Belorus. Das Dorf lag 18 km von der Bezirksstadt Drissa entfernt. Unweit der lettischen Grenze. Die berittene Einheit brachte uns keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber die Erwachsenen wurden gewarnt: „Sollten wir den Rückzug antreten, wehe euch allen.“

Ich weiß noch genau, wie wir Dorfkinder nach ihrem Abzug bunte Schnipsel einsammelten – Bonbonpapier – und uns sehr darüber freuten. In unserem ganzen Leben haben wir so etwas nicht gesehen.

Wir drei Schwestern – Tatjana Semjonowna (geb. 1927), Marija Semjonowna (geb. 1929) und ich, Nadeshda Semjonowna (geb. 1936) – befanden uns alle bis Juli 1944 auf besetztem Gebiet, d.h. bis zum Tag der Befreiung unseres neuen Wohnortes im Dorf Schajterowo; bis zur Verbrennung unseres und der umliegenden Dörfer befanden wir uns unmittelbar in der Partisanenzone. Das muss etwa Ende März, Anfang April 1943 gewesen sein.

In unserem Dorf gab es kein deutsches Quartier. Sie nisteten sich in den Dörfern Polsino und Sopolowschtschino ein, um näher an der Eisenbahnstrecke zu sein. Diese wurde bewacht. Dort war es sicherer für das deutsche Quartier. Unserem Dorf statteten sie bei Tageslicht Besuche ab.

Die schrecklichsten und tragischsten Ereignisse begannen sich im Jahr 1943 abzuspielen. Die Worte „Bestrafer“, „Strafexpedition“ versetzten die Bewohner der Dörfer in unserem Gebiet in Angst und Schrecken. Mit ihnen kamen Pogrome, Plünderungen, Diebstahl von Vieh und allem Kleintier, Verbrennungen von Dörfern mitsamt ihren Einwohnern, Ermordungen … Es wurde niemand verschont, weder Erwachsene, Alte noch Kinder. Einige von diesen furchtbaren Ereignissen brannten sich in die Erinnerung ein. Als das Wort „Bestrafer!“ die Runde machte, rannten auf der Stelle alle los, die sich noch bewegen konnten, um sich möglichst weit weg vom Dorf zu verstecken.

Es kam so, dass meine Mutter und ich nicht mehr fliehen konnten. Ein Fremder kam in unser Haus. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre: Er war überdurchschnittlich groß, trug ein langes dunkles Gewand, das an einen Mantel oder einen Trenchcoat erinnerte, und forderte: „Mleko, jajko, masla.“ [„Milch, Eier, Butter.“] Nachdem er ein kleines Stück Butter bekommen hatte, ging er geradewegs in den Stall und nahm die Kuh mit. Meine Mutter machte sich später Vorwürfe, dass sie ihm dieses Stück Butter gegeben hat, er stahl uns ja sowieso unsere Ernährerin. Alle diese Handlungen waren Vorboten des herankommenden großen Unheils.

Ein anderer Fluchtversuch meiner Mutter und mir ist mir in Erinnerung geblieben. Der Atem des Frühlings war zu spüren: Der Schnee schmolz in der Sonne, hier und da flossen schon erste Bächlein. Obwohl noch reichlich Schnee lag und es nachts Frost gab. Wieder hörte man: „Die Bestrafer!“. Wir verlassen fluchtartig das Haus, suchen ein Versteck. Plötzlich versperrt tiefes Schmelzwasser den Weg, man kann es nicht umgehen. Meine Mutter streift sofort ihre Stiefel ab, nimmt sie in die Hände, mich auf die Schultern, und bahnt sich ihren Weg barfuß durchs eiskalte Wasser. Als sie dieses Hindernis überwunden hat, steckt sie ihre nassen Füße in die Stiefel und rennt weiter auf der Suche nach irgendeinem sicheren Ort.

Wir mussten uns immer öfter verstecken. Mehrmals spannte unser Vater noch vor Tagesanbruch die Pferde vor den Schlitten, und wir fuhren in großer Eile zum Fluss, irgendwo in die Büsche, weit weg vom Dorf, von den Häusern, versteckten uns unter dem steilen Ufer oder sogar unter der Eisschicht (durch den starken Frost fror der Fluss zu und die Eisschicht dehnte sich aus). Einmal zündeten wir ein kleines Feuer an, um Schnee zu schmelzen und etwas Heißes zu trinken. Doch es gelang uns weder etwas zu trinken noch uns aufzuwärmen. Der feine aufsteigende Rauch wurde so sehr unter Beschuss genommen, dass wir das Feuerchen sofort mit Schnee erstickten.

In den Gesprächen der Erwachsenen wird immer mehr große Besorgnis spürbar. Die Dörfer Botki, Martinowo, Byki u.a. wurden niedergebrannt, sie brannten mit den Menschen.

Bevor unser Dorf angezündet wurde, wurden die arbeitsfähigen Menschen und Kinder nach Lettland gebracht. Sie wurden am Bahnhof in Borowka nahe Drissa in Güterwaggons geladen. Im lettischen Lager wurden die Kinder von ihren Eltern getrennt. Die Erwachsenen wurden zum Arbeiten nach Deutschland verfrachtet. So landeten mein leiblicher Onkel Roman Pawlowitsch Bembel und seine Frau im KZ (ich glaube, in Polen). Sie wurden in der Wäscherei eingesetzt. Dort sind sie geblieben – sie haben nicht überlebt. Ihre kleine 2-jährige Tochter starb bald im Lager. Von den älteren Kindern wurden welche in lettischen Familien aufgenommen – die einen aus Mitleid, die anderen als Haushaltshilfe … Insgesamt hatten sie fünf Kinder.

Auf die gleiche Weise kam Ksenija Antonowna Grizkewitsch nach Lettland, wurde dort von ihren Kindern getrennt (es waren vier) und zum Arbeiten nach Deutschland geschickt. Aber sie hat überlebt, kehrte nach der Befreiung durch die Rote Armee zu der Brandstätte zurück, die von ihrer Heimat übriggeblieben war. Überlebt hat sie nur deshalb (so hat sie es uns erzählt), weil sie manchmal beim Abernten der Felder half, auf denen Rote Bete und Möhren wuchsen … Und so konnte sie manchmal unbemerkt von Aufseher ein Rübchen in den Mund stecken, nachdem sie es an der Arbeitskluft abgerieben hatte: wenigstens ein paar Vitamine. Ihre Kinder fanden sich nach der Befreiung Lettlands durch die Rote Armee nach und nach wieder. Aber Shenja (geb. 1936) fand seine Mutter und seine Brüder erst im Jahr 1956.

Unsere Eltern und wir wurden nicht nach Lettland oder Deutschland vertrieben, wir haben das Dorf rechtzeitig verlassen und, das weiß ich noch, uns unterhalb des Ufers am Fluss Swolno sowie unterhalb der Eisschicht versteckt gehalten, die der Frost auf diesem kleinen Flüsschen gebildet hatte. Das Dorf stand lichterloh in Flammen, fast das ganze Himmelszelt wurde von der Röte erfasst. In der Dämmerung tasteten wir uns in Richtung Golubowo voran, wo die Bestrafer noch nicht hingekommen waren. In Gebäude des ehemaligen Dorfrates versammelten sich nach und nach Menschen, die überlebt hatten, wir heizten den Ofen an, kochten irgendeine Brühe in einem großen gusseisernen Kessel, wärmten uns auf und schliefen nach den Höllenqualen und der Kälte des Tages auf dem Boden ein. Am Morgen suchte sich jeder seine eigene Überlebensstrategie. Wir zogen zu unseren Verwandten, die an der großen Hauptverkehrsader lebten, welche rege von den deutschen Truppen auf ihrem Weg von West nach Ost genutzt wurde, auf der Route Polozk – Witebsk – Smolensk …, und 1944 in umgekehrter Richtung, also von Ost nach West.

In der kindlichen Erinnerung sind einige Dorfnamen geblieben, die in der Nähe unseres Dorfes Samuleschkowo lagen: Dubrowki, Wiroslawki, Lizwjaki, Mamonowschtschino, Golubowo, Polykowschtschina, Kochanowitschi, Borodulino, Polzino, Bondari, Potschtalewo u.a. Sie wurden alle niedergebrannt. In einigen von ihnen bin ich mit meinen Eltern gewesen. Im Dorf Lizwjaki lebte mein leiblicher Onkel (mütterlicherseits) Aleksandr Aldrowitsch Glatjonok. Er war gelähmt an den Beinen, war ans Bett gefesselt. Er starb eines qualvollen Todes – verbrannt bei lebendigem Leib.

Meine ältere Schwester Tatjana erzählte einmal über das Dorf Potschtalewo, in dem unsere Grußmutter Aleksandrina mit ihrer Tochter Ksenija (unsere Tante) und deren 3 Kindern lebte. Das Dorf und die Menschen wurden vernichtet. Aber eine Frau und ihr Ehemann konnten sich irgendwie retten. Als sie auf die Brandstätte zurückkehrten, waren sie von dem Bild der Zerstörung erschüttert: Leichen, Leichen, überall Leichen – große, kleine, blutige, verkohlte. Sie fingen an, die toten Körper wegzuziehen, um sie wenigstens irgendwie zu bestatten. Die Frau hielt dem noch stand, aber ihr Mann verlor immer wieder das Bewusstsein.

In meiner Erinnerung ist noch ein anderer schrecklicher Tag geblieben. Es war tiefster Winter, eisig kalt, es lag viel Schnee, strahlend weiß, der in der Sonne funkelte. Im Dorf tauchte ein Trupp deutscher Soldaten und ihresgleichen auf. Ich denke, aus Polsina (dort war ihr Quartier). Was das Ziel ihrer Besuche war, weiß ich nicht. Es gab keine Plünderungen. Aber als sie sich auf den Rückweg machten, trieben sie alle Dörfler, die des Laufens fähig waren, zusammen und befahlen, mit ihnen zu kommen. Ich weiß noch, dass mein Arm in irgendwelche Lumpen gewickelt war und aussah wie eine Keule: In Höhe des Handgelenks hatte ich ein großes Furunkel. Alle liefen in Schweigen gehüllt, in Gedanken daran versunken, welches Schicksal jeden einzelnen von uns wohl erwartet. Denn das Verbrennen unserer Gegend und der Menschen hier war ja bereits grausame Realität.

In der Kolonne ging eine junge Frau, Tamara Maschara. Sie hatte die 10. Klasse beendet, in der Schule hatte sie Deutsch gelernt. Sie nahm allen ihren Mut zusammen – und lief nach vorn, zum Anführer ihrer Truppe, und fing an mit ihm zu sprechen, so gut sie konnte, auf deutsch. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war positiv. Sie ließen uns alle gehen. Es stellte sich heraus, dass wir Dörfler die Funktion eines Schutzschildes erfüllen sollten. Die Partisanen würden ja nicht auf ihre eigenen Leute schießen. Die deutsche Kampfeinheit hatte den gefährlichen Abschnitt bereits passiert und hatte nun keine Verwendung mehr für uns. Wir, die wir Angst und düstere Gedanken durchlitten haben, waren alle am Leben geblieben und kehrten in unsere Häuser zurück. Nach meinem Alter zu urteilen, muss das etwa Ende Januar, oder im Februar gewesen sein. Der Frühling war noch nicht in Sicht.

Der Krieg hat viele Schicksale zerstört und vielen Menschen das Leben gekostet. Ich nenne nur einige meiner Verwandten. Zwei leibliche Brüder, Petja (geb. 1923) und Arkadij (1925), fielen in Partisanenkämpfen.

Mein Vater Semjon Pawlowitsch Bembel (geb. 1895) hatte fünf Brüder: Roman, Ignat, Nikolaj, Iwan und Wiktor (zusammen mit meinem Vater waren sie zu sechst) und eine Schwester, Ksenija. Aus der Familie der genannten Personen sind nur mein Vater und Onkel Wanja am Leben geblieben. Alle anderen sind gestorben: die einen verbrannt, die anderen im KZ gestorben, ermordet oder verschollen …

In ewigem Andenken an sie.

Mein Vater Bembel S. P. unterlag 1941 vom Alter her nicht der Einberufung 1944, nach der Befreiung unseres neuen Wohnortes im Dorf Schajterowo, wurde er mit der Arbeitsarmee in die Uralwerke geholt, den Sieg schmieden. Er kehrte erst im Winter 1946 von dort zurück. Meinen Onkel bewahrte sein Auge. Er verlor es noch vor dem Krieg durch einen Arbeitsunfall im Steinbruch auf der Halbinsel Kola.

Zum Abschluss meines Briefes möchte ich meine Hoffnung ausdrücken, dass die Beschreibung jener schrecklichen Kriegsereignisse, die sich in meine kindliche Erinnerung eingeschrieben haben, Ihnen dabei helfen, sich all das vorzustellen, was die Menschen in Belorus in jenen Jahren durchleben mussten. Möge Gott so etwas niemals wieder geschehen lassen.

Hochachtungsvoll und mit bestem Dank für die Aufmerksamkeit,

N. S. Repinskaja-Bembel

P.S. Zu Ihrer Information:

Die Stadt Drissa wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Werchnedwinsk umbenannt und der Bezirk Drissenskij entsprechend in Werchnedwiskij.

20.12.2013 [Unterschrift].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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