Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Neuer Freitagsbrief Nr. 9.

Nina Jegorowna Schut
Belarus
Bezirk Witebsk
Juli 2017.

Guten Tag!

Ich, Schut Nina Jegorowna möchte meine Kindheitserinnerungen an das Erlebte mit Ihnen teilen. Ich war 4 Jahre alt, als in mein Leben das schreckliche Wort Krieg trat. Warum, weshalb, wofür? Man wusste nur Eines: Etwas Schreckliches war gekommen. Unsere Stadt Witebsk wurde eingenommen, eine Besatzungseinheit kam in unser kleines Dorf am Rande von Witebsk. In unserem neuen Haus, das mein Vater gebaut hatte und in dem wir erst einen Winter gelebt hatten, machten sich die Deutschen breit. Wir wohnten mit ihnen zusammen, sie taten uns nichts, aber wir hatten große Angst. Ich weiß noch, wie ein deutscher Soldat mich als kleines blauäugiges Mädchen auf seinem Arm durchs Zimmer trug. Wahrscheinlich hatte er zu Hause auch Kinder, und wir erinnerten ihn an seine Familie.

Aber so lebten wir nicht lange, bald mussten alle Bewohner ihre Häuser verlassen und wurden alle zusammen in ein Haus gepfercht. Wir schliefen auf dem Boden, in einer Reihe auf dem Stroh, wie in einer Kaserne. Im Herbst 1943 wurden alle Bewohner aus dem Dorf gejagt und in einer bewachten Kolonne Richtung Witebsk getrieben. Wie einen Schwarzweißfilm sehe ich das düstere Bild von den leidvollen Menschen vor mir, die einen laufen, die anderen fahren, jeder wie er kann, Erwachsene und Kinder mit Bündeln auf dem Rücken. Sie gingen gerade ins Lager, in das „Fünfte Regiment“ – alle standen unter Schock. So viele Menschen!

Die ersten Tage im Lager war ich gesund, sah, wie um mich herum Kinder krank wurden und starben. Dann erwischte es auch mich. Erst die Masern, dann Scharlach, Mumps, eine Lungenentzündung … Mir tat das Atmen weh, niemand glaubte daran, dass ich überleben würde. Ich erinnere mich, wie ich irgendwo lag, ohne aufzustehen, wollte nichts essen, konnte nicht weinen, weil die Krankheiten mich schon alle Kraft gekostet hatten, zerfressen von Läusen, Wanzen und Flöhen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter mit einem Lappen meinen schmutzigen Körper abrieb, aber sie verteilte nur den Dreck.

Dann wurden wir aussortiert und zusammen mit unseren Eltern mit einem Zug irgendwo Richtung Westen gebracht. Auch an die Fahrt im dreckigen, durchlöcherten Viehwaggon erinnere ich mich. Lange fuhren wir, an manchen Stationen standen wir stundenlang, ohne Wasser, ohne Essen, manchmal gab es etwas Balanda, die man nicht herunterbekam. Wenn wir hielten, blieb die Tür verschlossen, man durfte nicht raus, seine Notdurft verrichten.

Der letzte Halt war Litauen, Alytus. Es war Winter, furchtbare Kälte. Wir mussten irgendwohin weiter. Mein Vater ließ mich mitten auf dem schneebedeckten Feld stehen, sagte: „Hab keine Angst, ich komme gleich wieder, ich lass dich nicht allein.“

Aber ich hatte Angst. Ich wollte schreien und weinen, stand da wie angewurzelt. Dann kam mein Vater zurück. Danach erinnere ich mich an nichts mehr.

Aus dem Konzentrationslager Alytus holten sich die Deutschen die Menschen zum Arbeiten. Meine Familie wurde getrennt. Meine Mutter arbeitete bei einem Bauern auf dem Feld, mein Vater arbeitete für die deutsche Armee, mein großer Bruder mit seinen 10–11 Jahren bei einem anderen Bauern, hütete das Vieh, bekam nur ein bisschen Essen dafür. Geld gab es keins, bloß ein Stückchen Brot, etwas gekochtes Gemüse.

Ich überlebte meine Lungenentzündung, zum Sommer 1944 ging es mir besser. Mit meinen 6 Jahren musste ich wieder laufen lernen, weil meine Beine mich nicht mehr trugen, ich brauchte eine Stütze. Ich hatte immer Hunger, freute mich am meisten über Brot.

Im Herbst 1944 kehrten wir nach Witebsk zurück. Die Stadt lag in Trümmern. Wir standen vor dem Nichts; unser Haus, unser ganzer Hof war zerstört. Wir zogen in eine kleine Scheune mit winzigem Fenster ganz oben, es gab weder Brot noch Kartoffeln oder Getreide. Ich weiß nicht, wie wir überlebten.

Dann bauten wir Stück für Stück wieder unseren Hof auf: Kauften eine junge Kuh, dann kamen Hühner dazu, ein Ferkel. Das Vieh lebte mit uns in der Scheune. So lebten wir ein paar Jahre lang zusammen.

Die harten Nachkriegsjahre!

Meine Eltern habe es in ihren fast 40 Jahren, die sich nach dem Krieg gelebt haben, nicht geschafft, alles wiederaufzubauen, was sie verloren hatten.

Ich bin jetzt 80 Jahre alt, 38 Jahre davon habe ich mit Kindern gearbeitet, als Grundschullehrerin. Ich habe zwei Söhne, beide sind Professoren in Witebsk.

Ich danke Ihnen, den Mitgliedern des Vereins, den Mitarbeitern, den Spendern, allen, die an diesem wohltätigen Werk mitgewirkt haben. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Frieden und alles Gute.

Belarus, Witebsk.

Schut N. Je.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.