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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Neuer Freitagsbrief Nr. 6.

Jewgenij Iwanowitsch Ishochin
Belarus
Gebiet Witebsk
23.02.2017.

Sehr geehrte Mitglieder, Mitarbeiter, Spender, Aktivisten des Vereins Kontakte,

wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und die Hilfe, die Sie uns leisten, den Kindern des Krieges – denn die ältere Generation ist heute nicht mehr am Leben.

In unseren Gebieten fanden erbitterte Kämpfe zwischen den deutschen Truppen, der regulären Sowjetarmee und den Partisanen statt.

Ich erinnere mich an einen Vorfall: Ein Deutscher, ein Arzt, bat uns Jungen darum, sein Motorrad zu waschen. Er gab uns Süßigkeiten und bemerkte dabei, dass ich an meinen Armen die Krätze hatte, also nahm er mich mit in die Sanitätsstelle (ich hatte Angst mitzugehen, ich war 9 Jahre alt), gab mir Süßigkeiten. Er behandelte meine Arme, bald danach ging es mir besser. Zur selben Zeit hatte unsere Mutter Typhus. Am Haus hing ein Schild, dass der Zutritt verboten war. Aber dieser Arzt ging ins Haus und behandelte meine Mutter. Nicht alle Deutschen waren also schlecht.

Ich bin die Frau [von Jewgenij] und schreibe seine Worte auf.

Als die Front näher kam, wurden wir aus unseren Häusern vertrieben und gingen zu Fuß weg von der Frontlinie. Mitnehmen konnten wir nichts. Wir haben alles verloren: unser Haus, unseren Besitz, unser Vieh. Als wir nach Hause zurückkehrten, fanden wir nur Asche und Zerstörung vor – die Häuser waren verbrannt worden. Im ganzen Umkreis gab es kein Haus, das noch gestanden hätte. Zwei Jahre lang lebten wir in einer Erdhütte, ernährten uns von Grünzeug, Beeren und Pilzen. Es war sehr hart, wir hatten nichts zu essen, nichts anzuziehen, kein Haus. Shenja [Kurzform von Jewgenij, d. Übers.] erzählt, wie er einmal eine Pelzmütze gefunden hat, und darin lagen Knochen. Er schüttelte sie aus und trug sie noch mehrere Winter. Durch unsere Gegend verlief die Hauptstraße zwischen Witebsk und Polozk, und darum kämpften die Deutschen und die Russen. Die Frontlinie verlief neun Monate lang hier.

Ich selbst war in einer anderen Gegend, in Welisha, Oblast Smolensk. Während des Krieges, 1941 bei Smolensk, ist mein Vater verschollen. Als die Deutschen bei uns waren, schliefen meine Großmutter und ich auf dem Ofen, meine Mutter und ihre Schwester in der Scheune (sie waren 26 Jahre alt). Ich weiß noch, wie meine Großmutter auf sie schimpfte, sie sollten bloß nicht den Deutschen unter die Augen kommen.

Man könnte endlos darüber schreiben. Aber ich möchte mich bedanken, dafür, dass es bei Ihnen in Deutschland Menschen gibt, die verstehen, sich daran erinnern und die Wahrheit über den Krieg kennen: Wie schwer es für uns Belarussen war. Es wäre gut, wenn Ihre Regierung das versteht und die Kinder des Krieges nicht vergisst. Ja, sie hat den Menschen geholfen, die in Konzentrationslagern waren, aber wir Kinder haben keinerlei Hilfe bekommen.

Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und dafür, dass Sie uns nicht vergessen.

In unserem Dorf wurde ein großes Gedenkzentrum errichtet, das den in unserer Gegend gefallenen Kämpfern gewidmet ist. Hier liegen ungefähr 5.000 (fünftausend) Soldaten und Offiziere begraben. Insgesamt sind in unseren Gebieten an die 10.000 (zehntausend) Soldaten und Offiziere gefallen.

Zudem befindet sich an der Schule hier ein großes Museum, in einem freistehenden großen Haus. Das Museum heißt „Geschichte des Saronowskij Kraj“. Einen großen Platz nimmt darin die Kriegsthematik ein. Es gibt ein Buch, in dem alle namentlich genannt sind, die hier gefallen sind – an die 10.000 Menschen.

Am 9. Mai, dem Tag des Sieges, kommen viele Verwandte der Gefallenen zu uns. Also laden wir auch Sie herzlich ein, zum Tag des Sieges herzukommen und das Gedenkzentrum zu besuchen. Es waren schon einmal Menschen aus Deutschland hier – kommen Sie auch.

Geschrieben habe ich, Ishochin Talina Michajlowna (geb. 1937), die Ehefrau von Ishochin Jewgenij Iwanowitsch (geb. 1934) ….

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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