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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Doroshkina Olga Igantjewna.

Belarus
Kosly
10.03.2017.

Sehr geehrte deutsche Mitarbeiter von KONTAKTE,

ich habe Geld von Ihnen erhalten, 300 Euro, und Ihren Brief, vielen Dank. Ihr Brief hat mir gefallen, weil er gerecht und verständnisvoll war. Ja, es waren schreckliche Zeiten, vier Jahre lang haben die Besatzer grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen. Aber die Zeit löscht das Gute wie das Böse. Ich war damals ein junges Mädchen und erinnere mich gut an alles. Nicht alle Deutschen waren Schlächter. 1943 kam eine deutsche Einheit, ein Blasorchester, in unser Dorf, sie blieben zwei Monate lang, Juni und Juli. Morgens fuhren sie mit ihren Autos irgendwohin, abends kamen sie wieder. Sie lebten friedlich mit uns zusammen, als gute Nachbarn. Bei uns wohnten sechs von ihnen, sie sagten, sie wollen nicht auf der fremden Seite sterben, schimpften auf Hitler, dass er das alles angerichtet hatte. Meine Mutter hat ihre Wäsche gewaschen, sie gaben uns Süßstoff und Seife, die wir nicht hatten. Brachten Mittagessen aus der Küche mit, schenkten uns Kindern oft Süßigkeiten, jeden Tag gaben sie uns einen Laib Brot. Als sie wegfuhren, sagte der Dolmetscher, wenn der Krieg vorbei ist und sie noch leben, sollen wir sie in Deutschland besuchen kommen. Aber kaum waren sie weg, kamen die Strafbataillons. Sie erschossen elf Menschen, sechs Jungen unter 15 Jahren, vier alte Männer und ein Mädchen von 11 Jahren – dafür, dass sie dunkle Haare hatten. Als die Deutschen auf dem Rückzug nach Westen waren, wurden wir nach Witebsk in das Konzentrationslager „Das fünfte Regiment“ gebracht. Gut, dass das Ende Februar war, sonst hätte wir keine Chance gehabt, zu überleben. In den Baracken gab es kein Glas in den Fenstern, anstelle von Türen zwei deutsche Schäferhunde, gearbeitet wurde von früh bis spät, wir mussten Gräben und Bunker rings um Witebsk schaufeln, hungrig. Wer zu schwach war, wurde erschossen. Ich war nicht einmal 14, aber die Meter wurden abgemessen wie bei Erwachsenen. Meine Mutter half mir, ich konnte nicht so viel schaffen.

Im Juni 1944 befreite uns die Sowjetarmee. Ihre Regierung hat in den 1960ern eine solide Summe an KZ-Überlebende ausgezahlt. Aber meine Mutter hat gesagt: „Niemals werde ich aus den Händen der Schlächter Geld annehmen.“

Sie haben unser ganzes Land in eine Brandstätte verwandelt, mit Blut übergossen und alle ihre Nächsten ermordet. In dem Lager starben ihr Vater und ihre Schwester, vier Brüder fielen im Krieg, die Familie von einem der Brüder, drei Töchter und seine Frau, wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Deshalb wollte sie nicht zu den „Gefangenen“ zählen. Zu der Zeit war ich selbst schon erwachsen und hätte auch eine „Gefangene“ werden können, aber sie bat mich, das nicht zu tun.

Und jetzt erhalte ich diese Hilfe von Ihnen. Ich wollte das erst nicht glauben, aber man hat mich zweimal angerufen und gesagt, dass es stimmt. Vielen Dank, von ganzem Herzen.

Ich wünsche Ihnen und allen Beteiligten einen friedlichen Himmel, Gesundheit und lange Lebensjahre.

[Unterschrift]

[Es ist ein Zeitungsartikel beigelegt, der die Geschichte der Suche nach einem Familienmitglied erzählt.].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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