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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Shoa in Lettland

Bilder aus einer vernichteten Welt.

Von Justina Siegmund-Born.

Vom 13. Januar bis zum 18. Februar 1998 zeigte KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. in Bonn zusammen mit dem Rigaer Museum die Ausstellung „Die Juden in Lettland“.

Viele Bundestagsabgeordnete, Diplomaten, Vertreter jüdischer und jüdisch-christlicher Organisationen aus dem ganzen Bundesgebiet waren zur Eröffnung erschienen.

In ihrer Ansprache sagte Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth:

„1998 ist diese Ausstellung hier im Bundestag. Wenn es um die Frage des Gedenkens geht, ist das nicht weniger wichtig als vor zehn, zwanzig, dreißig und in zehn, zwanzig Jahren. Es wird wahrscheinlich sogar noch wichtiger werden, je mehr wir auf Bilder, auf zu Lesendes und zu Hörendes angewiesen sind, was die unmittelbar betroffenen Menschen nicht mehr vermitteln können.“

Im Baltikum gab es eine in Jahrhunderten entwickelte, blühende jüdische Kultur. Auch jüdischer Geist prägte das Leben im multinationalen Lettland.

Noch 1940 lebten mehr als 43 000 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Riga.

Vier Jahre später gab es noch 170 in der Stadt – lettische Mitbürger hatten sie versteckt und so vor dem Tode gerettet. Bereits in den ersten Monaten der Okkupation hatten die Nazis in Komplizenschaft mit lettischen Nationalisten die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung ausgerottet. Kaum mehr als 5 Prozent überlebten den Terror.

Nach der Befreiung Lettlands gab es keine Spuren mehr vom jüdischen Leben. Auf den zahlreichen Gedenksteinen im Lande durfte kein Davidstern an jüdische Opfer erinnern. Unter Stalin und seinen Nachfolgern wurden sie als „Sowjetmenschen“ den anderen Opfergruppen zugeordnet. Erst mit der Perestroika erhielten die überlebenden Jüdinnen und Juden die Freiheit, ihre Erinnerungskultur nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten.

Das Rigaer Ghetto war ein Vernichtungslager. Nachdem im November und Dezember 1941 fast alle lettisch-jüdischen Insassen in zwei „Aktionen“ ermordet worden waren, kamen Deportationszüge aus Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, Münster, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Stuttgart, Wien und Theresienstadt. Ein Überlebender des Rigaer Ghettos bezeugt die vernichtete Welt der lettischen Judenheit – der Historiker Margers Vestermanis.

Titelseite der Einladungskarte.

Im unabhängig gewordenen Lettland öffnete er seine in vielen Jahren gesammelte Dokumentation und gründete 1996 im Haus der Rigaer Jüdischen Gemeinde das Museum „Die Juden Lettlands“.

Ein Jahr zuvor hatten wir schon einen kleinen Ausschnitt seiner Sammlung mit Fotoreproduktionen beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg gezeigt.

Was war unser Motiv? Warum jetzt diese große Präsentation im Deutschen Bundestag?

KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. führte im Dezember 1991 mit dem ehemaligen SS-Angehörigen Kröger und Professor Bernhard Press, einem Überlebenden des Rigaer Ghettos, eine Großveranstaltung zum 50. Jahrestag des „Rigaer Blutsonntags“ durch.

Damals wurde uns die Notwendigkeit gemeinsamer Geschichtsaufarbeitung und -aufklärung bewußt. Denn weder hier noch in Lettland waren die von Deutschen im Baltikum begangenen Verbrechen der Öffentlichkeit bekannt.

Es entsetzte uns, daß die Bundesregierung Kriegsopferrenten an lettische SS-Veteranen zahlte, die Opfer der Shoa aber „vergaß“.

Das Verschweigen der vielfachen Mittäterschaft lettischer Nationalisten sehen wir in Verbindung mit dem in Lettland – wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – seit dem Ende der Union grassierenden Nationalismus.

Unser Ausstellungsprojekt im Deutschen Bundestag sollte die Politiker motivieren, ihre Verantwortung für die schwindende Zahl von ÜberJebenden des Holocaust im Baltikum wahrzunehmen. Dabei geht es uns nicht um „Entschädigung“ oder „humanitäre Gesten“, vielmehr um eine Opferrente, zu der sich die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches völkerrechtlich verpflichtet sieht.

Einen Tag vor der Ausstellungseröffnung machte die Nachricht Schlagzeilen, daß die Bundesregierung und die Jewish Claims Conference in der „Entschädigungsfrage“ einig geworden waren.

Nun werden die noch nicht „entschädigten“ Opfer der Shoa in Osteuropa fünf Jahre lang monatlich jeweils cirka 250 Mark erhalten.

In diesem Zusammenhang wies Frau Süssmuth in ihrer Eröffnungsrede ausdrücklich darauf hin, daß Gedenken – wie in unserer Ausstellung – „ohne entsprechende Taten auf allen Ebenen kein glaubwürdiges Gedenken ist. Die Zeichen stehen mehr auf Sturm, als wir uns im Augenblick klarmachen, wie schnell etwas brechen kann. Deswegen sind Gedenken und Handeln eine Einheit.“

Auch der ihr nachfolgende Redner, der Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei, nahm darauf Bezug:

„Und in dieser ganzen düsteren Geschichte haben wir heute einen sehr hellen Tag. Denn endlich ist die erhoffte, angestrebte Entschädigungsregelung erreicht, und im Deutschen Bundestag wird erstmalig an das Schicksal der lettischen Juden erinnert. Und deshalb ganz herzlichen Dank an KONTAKTE e.V., von denen die Initiative für diese Ausstellung ausgegangen ist und die sie vorzüglich gestaltet haben…"

Schließlich sei noch aus der Rede von Dr. Norbert Meisner zitiert, dem Vorsitzenden von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.:

„Ihnen eine materielle Entschädigung für die Verfolgung und die Leiden, die Ihr ganzes Leben überschattet haben, zu geben – das ist nicht nur eine Frage des Anstandes. Es ist auch unser, das deutsche Eintrittsticket in den Kreis der europäischen Nationen. Nach Westen hin waren Wiedergutmachung und Entschädigungen Voraussetzung für die Integration der alten Bundesrepublik in Wirtschafts- und Verteidigungsgemeinschaften.

Und nachdem wir, entgegen allen Erwartungen, die deutsche Einheil wiedererlangt haben, müssen wir dieses Ticket nachlösen. Und das nicht nur gegenüber großen Staaten wie Rußland und Ukraine, sondern eben auch kleinen Ländern gegenüber, die weder als markt-, noch als außen- oder sicherheitspolitischer Faktor von überragender Bedeutung sind…

Wir sind sehr froh (über die erzielte Entschädigung) … und gleichfalls beschämt, daß es doch acht Jahre gedauert hat nach der Wiedervereinigung. So daß inzwischen Opfer gestorben sind und von dieser Geste nicht mehr erreicht werden können.“

Zu einem weiteren Aspekt des Projekts sagte Meisner:

„Die andere Aktualität unserer Ausstellung bilden die rechtsradikalen Übergriffe, denen gerade zum Jahreswechsel Ausländer in Deutschland ausgesetzt waren, Dummheit wächst leider immer noch nach. Ich gehöre nun nicht zu denen, die meinen, daß der Rechtsradikalismus… lediglich durch Museumsbesuche bekämpft werden kann. Aber Aufklärung, Bildung, Erinnern gehören eben auch dazu. Und auch darum gehören solche Ausstellungen nach Deutschland.“

In diesem Sinne wird die Ausstellung weiterwandern. Am 11. Juni 1998 kommt „Shoa in Lettland“ ins Museum Berlin-Karlshorst. Danach könnten es Potsdam oder Bremen sein – die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sind an einer Präsentation interessiert.

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