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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Viele Letten wollen Nazi-Verbrechen nicht wahrhaben.

Rigas jüdische Gemeinde wehrt sich gegen das Vergessen.

Ein Reisebericht von Ingrid Damerow.

Als Folgeprojekt einer Veranstaltungsreihe „Gegen das Vergessen“ zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1991 führt der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. seit der Zeit regelmäßig Seminarreisen nach Belorußland durch.

Eine der vielen Veranstaltungen zum 50. Jahrestag war auch eine Podiumsdiskussion zum „Rigaer Blutsonntag“, die den Opfern der beiden großen Mordaktionen im Rigaer Ghetto am 30. November und 8. Dezember 1941, durchgeführt von SS- und SD-Einheiten, gewidmet war.

Gedacht wurde aber nicht nur der Opfer, sondern es wurde auch erinnert an die vielen Helfershelfer, ohne deren tatkräftige Hilfe weder diese Aktion noch die zahllosen folgenden Verbrechen in den Jahren der deutschen Besatzung hätten durchgeführt werden können.

Eine Folge dieser Veranstaltung war der intensive Kontakt zum Dokumentationszentrum der Jüdischen Gemeinde in Riga, der unter anderem die deutsche Übersetzung eines Reiseführers „Die Juden in Riga“ hervorbrachte.

Ein weiteres Ergebnis war eine erstmalig durchgeführte Seminarreise nach Riga, die von nun an jedes Jahr veranstaltet werden soll. Die diesjährige Reise fand in der letzten Mai-Woche statt mit dem Schwerpunkt der Vernichtung der Juden in Lettland. Die Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart unterstützte das Projekt mit 5000 DM.

Von der vor dem Kriege aktiven jüdischen Gemeinde in Riga, deren Mitgliederzahl 1935 43 672 betrug, lebten 1944 gerade noch 170 Menschen. Durch Juden aus anderen Teilen der Sowjetunion, besonders aus Rußland, wuchs die Gemeinde wieder an, so daß 1979 ca. 23 000 Juden in Riga lebten. Doch die Emigration noch Israel, Westeuropa und Amerika brachte erneut einen spürbaren Rückgang an Mitgliedern.

Heute liegt die Mitgliederzahl bei 13 000. Von den ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlingen leben zur Zeit noch gut 100 Menschen in Riga, die aus den bescheidenen Mitteln der Gemeinde betreut werden.

Die planmäßige Vernichtung der Juden begann in Lettland Ende November 1941 mit der Liquidierung der einheimischen Juden aus dem Rigaer Ghetto, in das sie zuvor zwangsweise eingewiesen worden waren.

In zwei großen Aktionen wurden fast 30 000 Juden in einem Wäldchen nahe bei Riga ermordet, um Platz zu machen für die aus Deutschland und aus den von Deutschtand besetzten Ländern hierher deportierten Juden.

Titelseite einer KONTAKTE-KOHTAKTbI-Broschüre

Gesammelte Reiseberichte in einer KONTAKTE-KOHTAKTbI-Broschüre.

Auf dem Gelände des Rigaer Ghettos entstanden das Kleine Ghetto für die am Leben gebllebenen lettischen „Arbeitsjuden“ und das sogenannte „Reichsjudenghetto“ für die Juden aus dem Reich.

Das Ghetto bestand bis zum Spätsommer 1943, als auf Befehl Himmlers alle Ghettos im Osten aufgelöst und die noch arbeitsfähigen Häftlinge in Konzentrationslager überführt wurden.

Der heutige Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums – Margers Vestermanis – führte uns durch das ehemalige Ghetto, das zum größten Teil erhalten ist.

Er war als Jugendlicher selbst Ghetto-Insasse gewesen und konnte zu den einzelnen Gebäuden und Plätzen ausführliche Erläuterungen geben. So entstand für uns ein sehr authentisches Bild dieses Viertels, aus dem heraus es für die dort Eingeschlossenen nur die Flucht oder den Tod gab.

Die kurzzeitige Existenz als sogenannter „Arbeitsjude“ war nur so lange gesichert, wie der Häftling gesund und arbeitsfähig war. Wurde er krank und war durch die Strapazen der schweren Arbeit, der völlig unzureichenden Ernährung, den teilweise katastrophalen hygienischen Verhältnisse und den Mangel an ärztlicher Betreuung nicht mehr gewachsen, so gab es auch für ihn nur den Tod als Weg aus dem Ghetto.

Die beiden Erschießungsaktionen am 30. November und 8. Dezember 1941 spielten sich in Rumbula ab, einem kleinen Wald direkt an der Eisenbahnlinie Riga-Daugavpils.

Hier wurden an diesen beiden Tagen fast 30 000 Menschen erschossen.

Nach langem Ringen mit den örtlichen Behörden noch während der Sowjetzeit erreichte es die Jüdische Gemeinde Rigas, daß auf dem Gelände in Rumbula ein Gedenkstein errichtet wurde, der die Opfer der Massenmorde nun nicht mehr nur „friedliche Sowjetbürger“ nennt, sondern sie ausdrücklich als Juden identifiziert.

Die zweite große Mordstätte befindet sich in Bikernieki, einem großen Waldgelände, heute ein Naherholungs- und Auslaufgebiet für Hundebesitzer, etwas außerhalb von Riga.

Für ein geplantes Mahnmal, das an die Massentötungen erinnern soll, wurde zwar das Fundament gelegt und das Betonskelett errichtet, doch für die weitere Ausführung des Projektes mangelt es an Geld, so daß nichts auf die Bedeutung des Ortes hinweist.

Daher ist es auch den meisten Spaziergängern und Hundebesitzern nicht bewußt, daß sie sich auf einem Gelände befinden, wo in mehreren Massengräbern an die 50 000 Tote liegen.

Mit Abrams Kits, einem Überlebenden aus dem Ghetto, der nach der Ghettoauflösung noch in mehreren Konzentrationslagern war, besuchten wir Rumbula und Bikernieki.

Ebenfalls In seiner Begleitung fuhren wir zum Gelände der ehemaligen Konzentrationslager Salaspils und Kaiserwald.

Salaspils war das größte KZ auf lettischem Boden, in dem sich nicht nur Juden, sondern auch Menschen anderer Nationalitäten befanden, wie Russen. Tschechen, Polen, Holländer usw., Antifaschisten, Partisanen, „arbeitsscheue Elemente“ und andere von den Nationalsozialisten als rassisch minderwertig abqualifizierte Personengruppen.

Auf dem Terrain des Lagers befindet sich heute eine Gedenkstätte, die 1967 errichtet wurde, in den letzten Jahren aber immer mehr verwaist.

Durch die 50 Jahre Sowjetherrschaft ist die nur dreijährige deutsche Besatzungszeit 1941–44 in den Hintergrund gedrängt worden.

Die „sowjetischen Jahre“ überlagern die „deutschen Jahre“ so flächendeckend, daß dem lettischen Erinnerungsvermögen diese schrecklichen drei Jahre vollkommen verlorengehen.

Diese Entwicklung wird noch durch die Neuorientierung auf den Westen, also auch auf Deutschland, verstärkt. Eine ähnliche Entwicklung kann man in einzelnen GUS-Republiken ebenfalls beobachten.

Bezüglich Lettlands kommt als Ursache für dieses Desinteresse noch hinzu, daß die Beschäftigung mit der NS-Okkupation und den Judenmassakern zwangsläufig auch die unangenehme Frage nach einem lettischen Anteil an der Judenvernichtung aufwirft, der man nach Möglichkeit ausweichen möchte.

Die deutschen Besatzer und ihre Mordbanden waren mitnichlen allein für die Judenmassaker in Lettland verantwortlich.

Sie hatten im Gegenteil zuverlässige, eifrige Helfershelfer, von den Perkonkrusts-Mitgliedern (einer chauvinistisch-antisemitischen Akademikerorganisoion), den Alzsargi (paramilitärische konservative Organisation), dem Kommando Viktor Arajs, dem lettischen Selbstschutz bis hin zu den zahlreichen Denunzianten, für die die Stunde der Abrechnung mit den Juden gekommen war.

Durch tatkräftige Mithilfe an der „Endlösung“ ließen sich Letten einbeziehen in die verbrecherische Politik des nationalsozialistiscnen Deutschlands, eine Tatsache, die nun gleich einem schweren Stein auf dem Weg des jungen lettischen Staates zu einem neuen nationalen Selbstbewußtsein liegt.

Doch anstatt diesen Stein beiseite zu räumen und den Weg zu begradigen, weicht man ihm aus oder übersieht ihn einfach, nicht bedenkend, daß man vielleicht einmal darüber stolpern könnte.

Auf dem Territorium des ehemaligen Konzentrationslagers Kaiserwald finden sich keinerlei Hinweise auf die Bedeutung des Ortes – Ein Neubau-Wohngebiet ist hier errichtet worden, und das einzige Bauwerk, das schon in der Zeit der deutschen Besatzung hier stand, ist eine kleine orthodoxe Kirche.

Letzter Punkt im engeren Reiseprogramm war die Begehung des Rangierbahnhofs Skirotava, Endstation für die deportierten Juden. Hier endete die Zugfahrt, und von hier ging es zu Fuß oder per Lastwagen weiter zu den Erschießungsorten, wenn die Ermordung nicht sofort direkt auf dem Bahnhofsgelände geschah.

Auch hier erinnert nichts an die schrecklichen Geschehnisse. Man trifft aber hin und wieder auf Eisenbahnarbeiter, die sich noch an diese Jahre erinnern können.

Doch die Vernichtungsaktionen der Nationalsozialisten konnten jüdisches Leben in Riga nicht völlig ausmerzen, wenn auch von der einst blühenden Jüdischen Gemeinde nur ein schwacher Abglanz erhatten blieb.

Von den Stadtbehörden bekam die Gemeinde das Gebäude des Jüdischen Theaters wieder zurück und richtete dort ihr Gemeindezentrum ein.

Über die vielen Aktivitäten (Wiedererrichtung der Jüdischen Grundschule und des Sportvereins „Makkabi“ Gründung des Kinderchors „Kinnor“, Abhaltung von Iwrit-Sprachkursen, ein Kriegsveteranen- und Ghettohäftlingsverein, eine „Memorial“-Gruppe, Gründung eines Museums und eines Dokumentationszentrums „Die Juden in Riga“ und vieles andere) berichtete uns die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde.

Mit viel Energie und Beharrlichkeit versucht die Gemeinde, wieder an das reiche jüdische Leben vor dem Kriege anzuknüpfen.

Von den vielen Synagogen ist in Riga nur eine einzige übriggeblieben, in der sich heute das religiöse Leben der Gemeinde abspielt.

Unsere Gruppe wurde zu einer Sabbatfeier eingeladen, zu der sich aber nur einige Männer eingefunden hatten. Anwesend waren auch zwei ältere Juden aus Amerika bzw. Israel, die ihre Heimatstadt besuchten und deren Berichten aus dem „Goldenen Westen“ und aus „Erez Israel“ aufmerksam getauscht wurde.

Nach Beendigung des Gottesdienstes kamen wir ins Gespräch mit einigen der Männer, die uns ihre persönliche Geschichte erzählten. Es ist abzusehen, daß diese Geschichtsquelle in nicht allzuferner Zukunft versiegen wird. Umso aufmerksamer verfolgten wir die Erzählungen der Männer, die unsere bereits erhaltenen Informationen bereicherten.

In allen Erzählungen unserer Gesprächspartner bilden der Verlust der Angehörigen und am eigenen Leib erlebter Terror und erfahrene Demütigungen das zentrale Thema Ihre Berichte ermöglichen einen anderen Zugang zu dem Geschehenen, der neben dem abstrakten historischen Wissen die konkreten Abläufe sichtbar und nachvollziehbar werden läßt.

Neben dem zentralen Thema der Judenvernichtung war die in architektonischer Hinsicht bedeutende Rigaer Altstadt ein zweiter Programmpunkt. Wegen seiner vielen Jugendstil-Bauten gibt es Bestrebungen, Riga zum Weltkulturerbe zu erheben.

Begleitet von einem Fachspezialisten auf dem Gebiet der Stadtgeschichte Rigas stellte sich uns die Altstadt nicht nur als eine Ansammlung schöner Gebäude und prachtvoller Häuser dar, sondern wir erfuhren ein lebhaftes Stück Rigaer Stadtgeschichte.

In Riga, 1201 von deutschen Kaufleuten gegründet, rissen die Kontakte zu Deutschland nie ab. Ein deutliches Zeichen dafür sind die vielen Profan- und Sakralbauten, die im Laufe der Jahrhunderte hier entstanden sind und deren Baustile entsprechenden Bauwerken in Norddeutschland ähneln.

Ungefahr 50 km von Riga entfernt, in Livland, lettisch Vidzeme, liegt das Städtchen Sigulda, ein beliebter Erholungsort für die Rigenser.

Die Attraktion Siguldas bildet ein Komplex von drei mittelalterlichen Burgen, die alle aus dem 13. Jahrhundert stammen. Sie sind beredtes Zeugnis für den frühen deutschen Einfluß in Lettland.

Die Burg Sigulda war eine Burg des Kreuzritterordens, die sich dieser am Ufer der Gauja erbaute, einem schnellen Fluß mit bis zu 80 m hohen Uferwänden.

Am anderen Ufer der Gauja tiegt die Burg von Turaida. Sie wurde Anfang des 13. Jahrhunderts von Bischof Albert erbaut an der Stelle, wo sich vorher die Burg des livischen Herrschers Kaupo befunden hatte.

Als dritte Burg sei noch die Ruine der Burg Krimulda erwähnt, die Mitte des 13. Jahrhunderts als Bischofssitz erbaut wurde.

Alle drei Burgen liegen in dem landschaftlich sehr reizvollen Gauja-Nationalpark.

Um die gegenwärtigen Kulturkontakte zwischen Lettland und Deutschland ging es bei einer Veranstaltung im Goethe-Institut in Riga. Dort fand ein sogenanntes Rigaer Gespräch statt, an dem Referenten aus Deutschland und Lettland teilnahmen. Es ging um die Frage noch dem Einfluß und um die Bedeutung der Kultur in beiden Ländern.

Von lettischer Seite aus definierten Künstler, Journalisten und Kulturpolitiker das Wesen lettischer Kultur und die Rolle, die sie heute in der Gesellschaft spielt. Dabei kam es zu lebhatten Diskussionen mit Teilen des Publikums.

Bei der Herausbildung der lettischen Kultur durch die Jahrhunderte haben die in Lettland lebenden nationalen Minderheiten von Anfang an eine prägende Rolle gespielt. Der kulturelle Einfluß der deutschen, russischen, polnischen Minderheiten hat der lettischen Kultur ihr heutiges Gesicht gegeben.

Im wieder unabhängigen Lettland jedoch beruft man sich auf die lettischen Wurzeln des kulturellen Erbes. Den nationalen Minderheiten billigt man nur die Rolle von Randgruppen zu und läßt sie – besonders die russische Minorität – zu Opfern politischer Orientierungslosigkeit werden.

Ein Interview mit einem Dozenten der Lettischen Universität in Riga, in dem er über die politische und ökonomische Situation des Landes referierte, machte die Orientierungslosigkeit auch in anderen Bereichen der lettischen Politik deutlich.

Die Jahre des Stalinismus, die fast 50jährige Herrschaft eines alles bestimmenden bürokratischen Apparates, die euphorischen Jahre der Perestrojka, denen eine schmerzhafte Rückkehr in die Realität folgte, haben bei vielen Letten ein Trauma hinterlassen, das ihnen den Blick für die Tatsachen trübt.

Für sie gibt es kein Minderheitenproblem (in dem kleinen Land leben bei einer Bevölkerung von 27 Millionen 500 000 russische Menschen).

Zwar will man sich nach Europa orientieren und dagegen alte gewachsene Bindungen zu Rußland durchtrennen, sich aber nicht in das demokratische System Europas einbinden lassen. Europäische Union wird mit Sowjetunion gleichgesetzt, die eine, wenn auch inzwischen abgeschüttelte Überfremdung soll nicht durch eine neue, dann „europäische“ ersetzt werden.

Der Verlust der eigenen „lettischen“ kulturellen Identität scheint ihnen hierbei logische Konsequenz.

In den offiziellen und privaten Diskussionen wurden uns die Probleme deutlich, vor denen die lettische Gesellschaft steht.

In den Gesprächen mit den jüdischen Zeitzeugen, unseren hauptsächlichen Ansprechpartnern, haben wir bestätigt bekommen, wie eng die Geschichte der Juden In Lettland mit der lettischen Geschichte, besonders der letzten 50 Jahre, verflochten ist.

Die Zukunft Lettlands wird dadurch mitbestimmt werden, wie die Letten mit diesem geschichtlichen Erbe umgehen werden.

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