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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Orte der Schönheit und des Schreckens.

Reiseeindrücke aus Lettland.

Von Ingrid Schmidt.

„War's schön in Riga? Hattest du einen angenehmen Urlaub? Und das Wetter…?“ So oder so ähnlich lauteten die Fragen der Kolleginnen und Kollegen.

Sollte ich die freundlich Nachfragenden brüskieren und ihnen zu verstehen geben, das seien die falschen Fragen?

Nein, ich erzählte von der aufregend schönen Hauptstadt Lettlands, von den berühmten Jugendstilfassaden in der Altstadt („Schöner als in Wien?“ fragte die Kunsthistorikerin), von den kleinen Cafés, den abendlichen Konzerten in der Philharmonie und im Dom. Ich beschrieb die Brücken über die Düna, die Eisenbahnfahrt an die Ostsee nach Jurmala, die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten der „Lettischen Schweiz“.

Manchmal wurde ich dann gefragt: „Wie habt Ihr Euch verständigt? Sprechen die Leute deutsch oder wenigstens englisch?“

Ich begann mit dem Stichwort „multikulturell“.

Deutsche, Russen, Juden, Polen und Schweden haben im Leben Rigas eine bedeutende Rolle gespielt.

Ich erzählte von unseren lettischen, jüdischen, russischen GesprächspartnerInnen, den deutschen Gästen in der Stadt, z.B. an der Uni und im Goethe-Institut, auch von Investoren und – wenn es denn sein mußte – von dem Gemunkel über Dunkelmänner aus der Mafia-Szene.

Damit war ich dann mittendrin in den gegenwärtigen Problemkreisen dieser multikulturellen Stadt. (Eine lettische Professorin, die von neuerwachter nationaler Identität schwärmte, fragte uns übrigens konsterniert, ob es in Deutschland wirklich multikulturelle Schulen gäbe!)

Der Schritt von der Gegenwart in die Vergangenheit Rigas ergab sich im Erzählen von selbst, wir kamen auf die Geschichte der Stadt zu sprechen, und ich berichtete von unseren Begegnungen mit Augenzeugen und Leidtragenden der entsetzlichen Jahre zwischen 1940 und 1944, den Orten des Schreckens, an die wir kamen, von unseren Gesprächen und Beobachtungen.

So brachte uns der kleine Gesprächsimpuls, einige Reiseeindrücke zu schildern, rasch ins Zentrum meiner Erfahrungen auf dieser KONTAKTE-Reise und ermöglichte im KollegInnen-Kreis neue Gesprächskontakte voller Interesse und Anteilnahme,

Was habe ich mitgebracht? Einen Maiglöckchenstrauß von der russischen Bauern auf dem Markt; eine Bernsteinkette, die mir der Straßenhändler am ersten Abend angepriesen hatte; eine Kassette mit Bach'schen Orgelwerken, aufgenommen im Dom zu Riga; bunte Postkarten, hübsche Stadtansichten, lauter Kleinigkeiten für Familie und Freundinnen.

Zum Erinnern aber, zum Gedenken und Lernen – erinnern lernen! – habe ich mitgebracht: Namen, nie zuvor gehört, manchmal fast unaussprechlich; Namen von Orten, an denen in den Jahren 1941–1944 Zehntausende (für uns meist namenlose) Jüdinnen und Juden von den Deutschen und auch von Helfershelfern im Land ermordet wurden.

Nur die Namen der Schreckensorte sind geblieben:

Mit jedem Namen (und unzähligen anderen) verbinden sich grauenhafte Geschichten der Verfolgung und des Massenmordes europäischer Jüdinnen und Juden, aber auch Geschichten von Kämpfen und Widerstand.

Zu diesen Orten sind wir gefahren, hier haben wir Überlebenden zugehört, diese Namen will ich nicht vergessen.

Auf dem Rückflug von Riga nach Berlin erinnerte ich mich an einen anderen Ort und an einen anderen Namen: an den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

Hier wurde im Jahre 1926 der berühmte Bariton Josef Schwarz beigesetzt, ein ausgezeichneter Interpret italienischer Opern an der Wiener und der Berliner Staatsoper. Josef Schwarz wurde 1880 in Riga geboren.

Seine Grabstätte ähnelt einem kleinen Tempel. Das Dach wird von hohen Säulen getragen. In der Mitte steht auf einem Steinblock in Anlehnung an den 90. Psalm: „Herr, du bist meine Zuflucht für und für.“

In den Zeiten der Verfolgung und Deportation wurde die Grabstätte des Rigaer Künstlers Josef Schwarz zu einem Zufluchtsort und nächtlichen Versteck für Berliner Jüdinnen und Juden.

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