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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Der Rigaer Blutsonntag 1941.

Wer die Geschichte verschweigt, bereitet ihre Wiederholung vor.

Rede von Prof. Dr. Mavriks Vulfsons [*].

Geehrte Teilnehmer der Trauerfeier,

Holocaust ist ein Wort, bei dem jeder Mensch erstarrt, der in der zivilisierten Welt lebt. Holocaust ist ein Wort, das in Lettland nur sehr wenige kennen, obwohl gerade in Lettland, verhältnismäßig gesehen, mehr Angehörige des jüdischen Volkes lebten als in jedem anderen Land der Welt.

Als Mensch, der vor 50 Jahren in diesem Wald von Rumbula und der „Kelderlija“ von Valmiera 32 nahe Angehörige verloren hat, die bestialisch umgebracht wurden, als Mensch, der an der Wiege der lettischen Volksfront gestanden hat, als Abgeordneter des lettischen Parlaments und Gründungsmitglied des parlamentarischen Rates für die Bekämpfung des Antisemitismus will ich heute mehrere schmerzliche Fragen stellen, die besser verstehen lassen werden, ob dieses Paradox ein Zufall ist oder gesetzmäßig.

Erstens: Wie ist es erklärbar, daß die deutschen Faschisten ausgerechnet in Lettland relativ viele Mitläufer bzw. Kollaborateure gefunden haben, die bereit waren, an Stelle der Deutschen und vor allem auf eigene Initiative an der Ermordung und Vergewaltigung ihrer jüdischen Mitbürger, Nachbarn und sogar Freunde teilzunehmen und danach an der Plünderung ihres Hab und Gutes?

Zweite Frage: Wie ist es erklärbar, daß die Mehrheit der Letten sich in völliger Gleichgültigkeit damit abgefunden hat, daß Riga – die Hauptstadt Lettlands und der Stolz des lettischen Volkes – in den Jahren der deutschen Okkupation in einen Friedhof für hunderttausende Opfer des Holocaust verwandelt wurde?

Und die dritte Frage: Wie ist es erklärbar, daß im freien, unabhängigen Lettland die massenhafte Ermordung von Juden in der Zeit zwischen 1941 und 1944 im großen und ganzen durch Verschweigen verdrängt wird, indem man sich auf Deklarationen und Berichte des Parlaments beschränkt und vor dem einzigen Beweis dafür zurückschreckt, daß in Lettland ein neuer Holocaust niemals wiederholbar sein wird, nämlich vor dem läuternden Schuldbekenntnis?

Schließlich ist der gesamten westlichen Welt bekannt, daß 1944 und 1945 aus dem Baltikum 235 000 registrierte Kollaborateure der deutschen Faschisten geflohen sind.

Viele von ihnen befinden sich heute in westlichen Ländern und beanspruchen die lettische Staatsbürgerschaft, obwohl bereits vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht viele mit dem SD und anderen faschistischen deutschen Organisationen verbunden waren, die bei den Nürnberger Prozessen zu Kriegsverbrechern erklärt wurden.

Diese Läuterung ist nicht gedacht als Tilgung der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk, sie ist notwendig für das lettische Volk selber, mit dem ich für mein Leben verbunden bin. Sie ist notwendig vor Gott, der alles mit Entsetzen beobachtet hat und so auch keine wahrhaftigen Worte von Sowjetlettland erwartet hat, sie ist notwendig für ein freies Lettland.

Diese Läuterung würde die Achtung vor den Letten erhöhen, die nun nicht mehr voller Unverständnis die Augen niederschlagen müßten, wenn in internationalen Organisationen vom Holocaust in Lettland die Rede ist.

Solange das aber nicht geschieht, werden allerhand falsche radikale Füh rer an die primitivsten Gefühle des lettischen Volkes appellieren und den Fremdenhaß schüren können, um die Aufmerksamkeit der Menschen von den wachsenden Alllagsproblemen und den Untaten dieser marktschreierischen Radikalen abzulenken.

Ich will meine Gedanken und meine Antwort zu diesen drei Fragen kundtun.

Die Mitläufer der deutschen Faschisten haben sich bemüht, ihre Beteiligung an der Ermordung der Juden damit zu entschuldigen, daß nun mal die Juden die Gewaltherrschaft sowjetischer Okkupanten als hauptsächliche Kraft unterstützt hätten.

Das ist gelogen: Unier den Opfern der Deportationen vom 13. und 14. Juni 1941 waren verhältnismäßig gesehen sechsmal mehr Juden als Letten. Diese Wahrheit müßte endlich in Erinnerung gebracht werden, wenn vom Jahrestag der Deportationen die Rede ist – und nicht verschwiegen werden, wie es bislang der Fall ist.

Ich selbst habe 20 nahe Angehörige als Opfer Stalins verloren, und ich verurteile den stalinistischen Terror ebenso scharf wie das Wüten des Faschismus.

Trotzdem ist es so, daß die Letten ideologisch nicht nur durch ihre gerechten Rachegefühle gegen den sowjetischen Terror vorbereitet wurden, der Ursprung lag in dem antidemokratischen, autoritären und nationalistischen Regime, das mit dem Umsturz vom 15. Mai 1934 in Lettland gegründet wurde.

Die Unduldsamkeit gegen Ausländer und der offene Antisemitismus, die nach der Vernichtung der parlamentarischen Republik aufblühten, verwandelten sich innerhalb von wenigen Stunden in blutige Überfälle auf Juden. Säuglinge wurden getötet, indem man sie mit dem Kopf gegen die Wand schlug, Frauen wurden vergewaltigt, Menschen massenweise ermordet.

In den ersten sieben Tagen, als die deutsche Herrschaft noch unstabil war, wurden 5000 Menschen getötet, wurden die Synagogen niedergebrannt.

Die Liquidierung der Demokratie, die Vernichtung der parlamentarischen Ordnung und das nationalistische Führerprinzip, das an ihre Stelle trat, haben nicht nur die widerstandslose Kapitulation Leitlands im Sommer 1940 möglich gemacht, sondern auch die humanistischen Traditionen zerstört, die die Beziehungen zwischen Leiten und Ausländern geprägt haben und auf die der freie lettische Staat in den 15 Jahren seiner parlamentarischen Existenz zu Recht stolz war.

Nur so kann ich mir erklären, daß sich unter den Letten Tausende gleichgültiger und ängstlicher Diener der faschistischen Banden finden konnnten, die von den Massenmorden wußten und trotzdem schwiegen. Sie schwiegen zu Hause, auf der Straße und in den Kirchen.

Unter diesen Umständen hat lediglich eine Handvoll hervorragender Söhne und Töchter des lettischen Volkes die Ehre Lettlands beschützt, indem sie ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder riskierten und, ohne Entgelt oder einen Gewinn dafür zu erwarten, die Unglücklichen retteten, die der Vernichtung preisgegeben waren.

Und wenn wir eines Tages den Orden des Lacplesis (Bärentöter – lettischer Sagenheld, Anm. der Übersetzerin) wieder einführen sollten, dann wären sie es, die diese Auszeichnung verdienen. Sie waren die Trompeter von Talava (sagenhafter lettischer Freiheitskämpfer, Anm. der Übersetzerin) in der Wüstenstille.

Und zuletzt: Lettland erlebt gegenwärtig schlimme Zeiten, und vor uns steht eine schwere Prüfung. Die Gesellschaft Lettlands spaltet sich über die Frage der Staatsbürgerschaft, je nach Auslegung der Geschichte.

Ambitionen und politische Intrigen drängen die wichtigsten Fragen des Überlebens in Lettland – die ökonomisch-sozialen und die der Sicherheit – in den Hintergrund.

Immer häufiger erschallt aus dem Fernsehen die Warnung, daß es eine Kraft gebe, die hier eine starke Hand herausbilden will, d.h. ein autoritäres Regime wiedererrichten. Aber die größte Gefahr droht aus dem Osten.

Unter diesen Umständen ist dieser schmerzliche Gedenktag auch ein Kampftag, indem wir an die Sicherung und Stärkung der Demokratie denken. Aber wie soll für Lettland die Demokratie gesichert werden, wenn auf alle mögliche Art ein autoritäres Regime gerühmt wird?

Es gibt viele Fragen. Aber an dieser Stelle will ich schließen und an folgendes erinnern: Wer die Geschichte verschweigt, bereitet ihre Wiederholung vor.

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[*] Im Dezember 1991 veranstaltete KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. ein Zeitzeugengespräch zum Gedenken an den „Rigaer Blutsonntag“ – die Vernichtung des Rigaer Ghettos vor 50 Jahren.

Bei dieser Begegnung erfuhren wir, daß Letten in hohem Maße an der Judenverfolgung beteiligt waren – eine Tatsache, die bis heute verdrängt worden ist. Beide Völker, Deutsche wie Letten, haben also allen Grund, dieses Stück Vergangenheit aufzuarbeiten.

Deshalb veröffentlichen wir ungekürzt die Rede, die der Historiker und Abgeordnete des lettischen Parlaments Prof. Dr. Mavriks Vulfsons am 3. Dezember 1991 bei der Trauerfeier in Rumbula, Lettland, hielt.

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