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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

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Kein Geld für Holocaust-Überlebende in Lettland.

Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf.

Eine Betrachtung von Eberhard Radczuweit.

Zum wiederholten Male berichten wir hier über die „vergessenen“ Opfer des Nationalsozialismus im Baltikum. Anlaß ist eine vom Fritz Bauer Institut organisierte Vortragsreise eines Überlebenden des Rigaer Ghettos und deutscher Konzentrationslager in Lettland, Herrn Margers Vestermanis.

Seit Anfang der neunziger Jahre, als er Referent auf unserer deutsch-sowjetischen Historikerkonferenz war, ist er ein guter Bekannter. Damals wurde er zur Gründung eines Museums der jüdischen Geschichte in Lettland angeregt.

Sein Ausstellungsmaterial stand uns für eigene Dokumentationen zur Verfügung, und am 8. Mai 1997 werden wir unsere erweiterte Ausstellung „Shoah in Lettland“ in Absprache mit Herrn Vestermanis im Museum Karlshorst eröffnen.

Am 21. November 1996 sprach Herr Vestermanis auf einer Pressekonferenz im Jüdischen Gemeindehaus über die Not der wenigen noch lebenden Opfer des NS-Regimes in Lettland.

Heute möchten wir einen im November 1993 veröffentlichten Appell in Erinnerung rufen. Er wurde unterzeichnet von der „Society of Survivors of the Riga Ghetto“, von Ignaz Bubis, Ralph Giordano, Siegfried Lenz, Lea Rosh, Antje Vollmer und anderen:

„Der Leidensweg der Juden in Litauen, Lettland und Estland begann im Sommer 1941. Er ist bis heute nicht zu Ende.

Vor dem 2. Weltkrieg lebten im Baltikum etwa 400 000 Juden. Vilnius und Riga waren bedeutende Zentren jüdischen Lebens und judischer Kultur.

Mit der Besetzung der drei baltischen Staaten durch die Wehrmacht begann ein beispielloses Morden. Den deutschen „Einsatzkommandos“ und ihren einheimischen Helfern fiel fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Baltikums zum Opfer.

Von Ende 1941 bis Oktober 1942 wurden auch rund 50 000 Juden aus Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, aus Westfalen, dem Rheinland, aus Süddeutschland, Wien und Prag in das Rigaer Ghetto deportiert. Sie teilten das Schicksal der baltischen Juden.

Der physischen Vernichtung durch die Nazis folgte die Unterdrückung alles Jüdischen, das Verschweigen des Holocaust unter der Sowjetherrschaft.

Heute leben noch etwa 300 ehemalige jüdische Ghetto- und KZ-Häftlinge. Die meisten sind über 70 Jahre alt.

Alle sind arm, viele sind krank, die meisten alleinstehend. Die Inflation hat ihre Ersparnisse verschlungen, die Rente reicht gerade für die Miete, nicht für Essen, Heilung und Medikamente.

Aus der Bundesrepublik erhalten die ehemaligen Ghetto-Häftlinge bisher keine Wiedergutmachung.

Die Unterzeichner fordern alle Fraktionen im Bundestag und die Bundesregierung dringend auf, schnellstmöglich für Entschädigungsleistungen an die ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge in Estland. Lettland und Litauen zu sorgen.

Die Überlebenden leiden immer noch. Verpassen Sie nicht die letzte Chance, den wenigen vergessenen Überlebenden des NS-Terrors im Baltikum einen Lebensabend ohne materielle Not zu ermöglichen!“

Seil diesem Aufruf sind viele der Genannten im Elend gestorben.

Obwohl die Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth und Richard von Weizsäcker – damals noch Bundespräsident – eine „humanitäre Geste, die den Opfern in persönlicher Form zugute kommen soll“, versprachen, haben die lettischen Juden von staatlicher deutscher Seite bisher nichts erhalten.

Stattdessen bot Finanzminister Waigel eine Unterstützung für „Sanatorien und Altersheime“ an.

Dr. Alexander Bergmann, Vorsitzender des Vereins der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands, antwortete der Bundesregierung:

„Wir benötigen eine systematische, adressierte finanzielle Hilfe, um die Zeit, die uns noch verblieben ist, gebührend leben zu können. Unsere Situation kann man mit der eines Ertrinkenden vergleichen. Als solcher braucht er Hilfe heute, augenblicklich. Morgen und übermorgen wird es schon zu spät sein…

Ein Altersheim erbauen wäre für uns das Gleiche, wie einem Ertrinkenden anstelle eines Rettungsringes eine Rettungsstation erbauen zu wollen.“

Auf der Pressekonferenz am 21. November war ein maßgeblicher Fürsprecher der jüdisch-baltischen Überlebenden anwesend.

Der Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei (Bündnis 90/Die Grünen) hatte 1995 gemeinsam mit den Abgeordneten von Stetten (CDU) und Weißkirch (SPD) einen von 40 Abgeordneten ihrer Fraktionen unterzeichneten Gruppenantrag „Humanitäre Geste für Opfer des NS-Unrechts in den drei baltischen Staaten“ in den Bundeslag eingebracht. Auch diese Initiative blieb letztlich erfolglos.

Mittlerweile haben sich auch drei Mitglieder des US-Congress im Sinne des Antrags an das Präsidium des Bundestages gewandt.

KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hat mit Winfried Nachtwei vereinbart, den Antrag an Frau Süßmuth zu erneuern, daß wir die Ausstellung „Shoah in Lettland“ im Januar 1998 im Bundeshaus zeigen dürfen.

Es wäre eine späte Erinnerung an die Bonner Politik, ihrer Verpflichtung nachzukommen. Zu hoffen ist, daß bis dahin reale Zuwendungen des Finanzministeriums die letzten Überlebenden erreicht haben.

Margers Vestennanis berichtete über den Aufbau seines Museums der Geschichte des lettischen Judentums, das im Mai 1996 mit 800 Exponaten eröffnet wurde.

Es geht ihm darum, seinen jüdischen Landsleuten „die Identität wiederzugeben“.

In sowjetischen Zeiten wurden die jüdischen Opfer anonymisiert. Auf den Massengräbern war nur der Hinweis auf „friedliche Sowjetbürger“ gestattet.

Daß heute wenigstens ein Gedenkstein an die jüdischen Opfer der deutschen Besatzungszeit in Lettland erinnert, von deutscher Seite (privat) finanziert, ist nur W. Nachtwei zu danken.

Im Gegensatz dazu werden die deutschen Kriegsgräber in Lettland gut gepflegt.

Vestermanis will nun die Erinnerung an verlorene Kultur und vergessene Geschichte wecken. Doch der lettische Staat gewährt dem Projekt keine Unterstützung. Vesternanis wendet sich an die deutsche Öffentlichkeit, ihm wenigstens monatlich 600 DM für die Lohnkosten einer Museumsangestellten zu spenden.

Die Jüdische Gemeinde in Riga stirbt. Jedes Jahr wandern 1000 Mitglieder aus, die noch die Kraft dazu haben.

Was bleibt? Wird der deutsche Tourist auf den Spuren der Geschichte in Lettland nur die Soldatengräber der eigenen Väter und Großväter finden – die Zeichen ihrer Opfer aber vergebens suchen?