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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Magdalena Iosifowna Pulwer.

Magdalena Iosifowna Pulwer
Ukraine
Kiew.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit […]!

Ich, Magdalena Iosifowna Pulver, möchte Ihnen aufrichtig für die Spenden danken, für den Humanismus, den Sie uns, den Opfern des Holocaust, gegenüber an den Tag legen.

Ich möchte Ihnen von meinen Kindheitserinnerungen erzählen, denn meine Kindheit fiel in die Zeit des Krieges.

Ich wurde in Rumänien geboren, in Bukarest im Jahr 1939, vielleicht auch 1938 oder 1940 – in allen Dokumenten steht ein anderes Datum. Zu der Zeit bestimmten Ärzte das Alter der Kinder anhand der Zähne. Als meinen Geburtstag feiere ich den 20.7.1939.

Überhaupt war es im Kinderheim so, dass die Hälfte der Kinder im Winter Geburtstag hatte und die andere Hälfte im Sommer.

Ich kann mich nur sehr verschwommen daran erinnern, wie wir aufbrachen, aber wohin wir fuhren, warum und wozu – das weiß ich nicht. Erst fuhren wir mit dem Schiff, dann mit dem Zug und schließlich mit einem Pferdekarren. Wie lange wir so unterwegs waren durch verschiedene Länder, in denen Krieg herrschte, weiß ich nicht. Jedenfalls kam ich auf diese Weise in die Republik Dagestan im Nordkaukasus, ins Kinderheim für Vorschulkinder in Bujnake.

Ich war also allein in einem fremden Land. Wie ein Baum ohne Blätter. Ohne Heimat, ohne Mutter, ohne Vater, ohne Zuhause und ohne Papiere. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich einen Verband am Ohr trug und dass ich mir die Finger abgefroren hatte.

Dann weiß ich noch – es war wohl 1943, als die Schlacht um Stalingrad war –, dass einmal viele neue Kinder zu uns ins Kinderheim kamen, viele von ihnen waren halbtot, und wir gaben ihnen zu essen, damit sie wieder zu Kräften kamen. Ein Mädchen, das mir am Tisch gegenüber saß, führte den Löffel mit Brei zum Mund und fiel im gleichen Moment tot um, mit dem Gesicht in den Teller. Als sie weggetragen wurde, da liefen wir neugierig hinterher, um zu sehen, wohin man sie bringen würde – wir dachten, sie sei eingeschlafen. Man brachte sie in den Hof. Dort stand ein Karren, der bis oben voll mit Kinderleichen war. Nur die Beine staken unter der Plane hervor, mit der die Leichen abgedeckt waren. Schnell verjagte man uns von dort.

Später, wahrscheinlich 1944, als die Zweite Front eröffnet wurde, halfen uns die Amerikaner und in unserem Kinderheim gab es plötzlich Brot. Ans Tor unseres Kinderheims kamen manchmal deutsche Kriegsgefangene und brachten uns selbstgemachte Spielsachen. Zum Beispiel zwei kleine Hölzer, die mit einem Faden verbunden waren, und dazwischen war ein kleines Holzmännchen, ein „Turner“. Wenn man auf die Hölzchen drückte, begann das Männchen zu turnen und Purzelbäume zu schlagen. Wir gaben den Gefangenen Brot und sie gaben uns Spielsachen. Wir hatten großes Mitleid mit ihnen. Dann kam endlich das Jahr 1945. Der 9. Mai. Ich kann mich sehr gut an diesen Tag erinnern. Neben unserem Kinderheim war ein Lazarett. Als übers Radio der Sieg verkündet wurde, da liefen wir rüber aufs Gelände des Lazaretts. Es war ein wildes Durcheinander, ein Orchester spielte, man sah die weißen Verbände der Verwundeten zwischen roten Pionierhalstüchern, es herrschte Freude vermischt mit Trauer, Lachen und Ausgelassenheit neben Tränen. All das vermengte sich zu einem einzigen Jubel: Sieg!

An dieser schönen Stelle möchte ich meinen Bericht beenden. All das sind Erinnerungen an Ereignisse, die sich vor 65 Jahren zugetragen haben. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich etwas nicht so gut beschrieben habe. Ich danke Ihnen nochmals für die Unterstützung und die Anteilnahme.

Mit freundlichen Grüßen,

Magdalena Pulver.

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