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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Emma Abramowna Stoljar.

Ukraine
Dnjepropetrowsk.

Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt. Bald musste ich zusammen mit meiner Mutter, meiner jüngeren Schwester und meinem jüngeren Bruder ins Ghetto.

Ich kann mich noch erinnern, dass viele Deutsche auf Motorrädern durch unseren Ort gefahren sind und im Fahren auf die Porträts von Lenin und Stalin geschossen haben, die vor dem Dorfsowjet hingen. Ein jüdischer Junge, ein Komsomolze, nahm die Porträts ab. Ein Motorradfahrer jagte hinter ihm her, erwischte ihn aber nicht. Später ist dieser Junge im Ghetto an Tuberkulose gestorben.

In den ersten Tagen, als die Besatzungsmacht noch nicht gefestigt war, begannen die Polizaj das Regiment zu übernehmen. Die Juden, die sich noch gut an die letzten Pogrome erinnern konnten, begannen sich zu verstecken. Einige versteckten sich im Haus des ärmsten Juden, weil sie dachten, dass die Polizaj dort nicht auftauchen würden. Aber sie hatten sich geirrt. Die Polizaj kamen, schlugen die Menschen, nahmen ihnen die Sachen weg. Sie nahmen die gesamte Winterkleidung mit. Meine Mutter wurde geschlagen. Meine Mutter hatte mehr Angst als die anderen, da mein Vater Kommunist war, er war der Direktor der Schule.

In der Nacht ging Mutter mit uns kleinen Kindern ins Dorf zu einer Bekannten und bat sie, uns bei sich zu verstecken, aber sie nahm uns nicht auf. Wir waren lange unterwegs, gingen zu jüdischen Bekannten, sie gaben uns etwas zu essen und ließen uns bei sich übernachten.

Dann kam das Ghetto. Schon im Herbst trieben sie viele Juden aus Rumänien und der Bukowina in unser Ghetto. Es waren völlig erschöpfte alte Menschen, Frauen und Kinder, die lange zu Fuß marschiert waren (unser Ort lag weit entfernt von der nächsten Bahnstation).

Wir lebten in schrecklicher Enge. Wir lebten in einem kleinen Zimmer zusammen mit einer Familie aus der Bukowina – ein Vater mit seinen zwei Söhnen und einer Tochter. Alle hatten offene Tuberkulose. Wie durch ein Wunder sind wir aber nicht an Tuberkulose erkrankt.

Der Flecktyphus raffte die Menschen dahin. Da brauchte man sie nicht mehr zu erschießen.

Im Sommer wurden die Leichen wohl sofort weggeschafft, aber im Winter lagen auf der Straße die nackten Leichen aufgestapelt (die Kleidung brauchten die Lebenden noch).Wenn sie dann auf einen Karren geworfen wurden, hörte man das Aufeinanderkrachen der gefrorenen Körper.

Es war furchtbar kalt, wir konnten nicht heizen und die Winter damals waren kalt.

[Eine oder zwei Zeilen auf der Kopie abgeschnitten]

Und dieser Geruch – im Ghetto herrschte ein ganz spezifischer Geruch, den ich bis heute nicht vergessen kann.

Ich bin auch an Flecktyphus erkrankt, aber ich habe überlebt.

Und die Läuse – wir alle hatten unvorstellbare Mengen an weißen Läusen auf dem ganzen Körper. Sie übertrugen den Flecktyphus. Im Ghetto war es unmöglich, die Läuse loszuwerden: Wir lebten in ungeheizten Gebäuden und konnten nicht einmal Wasser heiß machen.

Hier ein Bild, dass sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat: Ein Mann steht da in einem schwarzen Mantel, der so übersät ist mit weißen Läusen, dass er aussieht wie ein weißer Mantel.

Und wie viele Läuse wir erst am Körper hatten!

Dann kamen Gerüchte auf: Im Nachbarghetto seien alle erschossen worden. Einer hatte der Erschießung entkommen können und war in unser Ghetto geflüchtet, wo wir auch jeden Tag mit der Erschießung rechneten.

Dass wir am Leben geblieben sind, ist natürlich ein Wunder.

[…]

Wir alle, die sechzehn noch lebenden Ghetto-Überlebenden der Stadt Dnjeporpetrowsk, danken Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie uns nicht vergessen haben.

Emma Abramowna Stoljar (Gechtmann), geb. 1934
Ghetto Murafa, Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza
Dnjepropetrowsk, 2012.

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