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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Benja Isakowitsch Schlain.

Ukraine
Chmelnizkij.

[…]

Wir haben von Ihnen die nächste Geldspende bekommen, wie mittlerweile jedes Jahr. Im Namen aller Ghetto- und KZ-Überlebenden möchte ich Ihnen herzlich danken.

Im letzten Jahr haben wir uns zweimal Briefe geschrieben. Es war schön, sich davon überzeugen zu können, dass Sie immer noch Reue empfinden für die Gräueltaten der deutschen Faschisten, dass die unzähligen Opfer nicht dem Vergessen anheimgefallen sind, dass Sie vom Geist des Humanismus geleitet werden und von Achtung vor denen, die überlebt haben.

Die aber werden mit jedem Jahr weniger. Ich möchte Ihnen ein frisches Beispiel anführen: Gerade ist das neue Buch des Ihnen bekannten Historikers Boris Zabarko erschienen, „Wir wollten leben …“ (1. Teil), mit Zeitzeugenberichten und Dokumenten. In diesem Buch sind auch die Erinnerungen von neun Ghetto-Überlebenden aus unserem Gebiet abgedruckt. Der Autor hat mir netterweise ein Paket mit Belegexemplaren für jeden von ihnen geschickt. Leider musste ich aber feststellen, dass fünf von ihnen bereits von uns gegangen sind, nur noch vier von ihnen sind am Leben!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Angesichts des anwachsenden Nationalismus, Antisemitismus, islamistischen Extremismus und Terrorismus auf der ganzen Welt wird Ihre Arbeit immer wichtiger.

Mit den besten Wünschen,

Benja Schlain
Vorsitzender der Vereinigung derGhetto- und KZ-Überlebenden im Gebiet Chmelnizkij.

Warum ich überlebt habe …

Ich bin 85 Jahre alt. Hinter mir liegen 55 Jahre im Dienste der Medizin: neun Jahre in einer abgelegenen Bezirkshauptstadt als Arzt und Chirurg sowie als Bezirksarzt, dann vier Jahre allgemeine Chirurgie und 42 Jahre Thoraxchirurgie in Chmelnizkij. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die ersten Jahre meiner Arbeit, die Jahre der Arztausbildung. Mitte der 50er Jahre waren meine Frau und ich einige Jahre lang die einzigen Ärzte im ganzen Bezirk, richtige Landärzte! Ich habe in meinem Leben tausende Patienten behandelt und tausende Operationen unterschiedlichster Art durchgeführt. Und wenn ich auch vor sechs Jahren in den Ruhestand gegangen bin, so sehe ich doch im Traum und in der Wirklichkeit weiter meine Patienten. Sie können mir glauben, hinter mir liegt ein aufregendes Leben!

Aber es gibt noch eine andere Zeit in meinem Leben, die mich niemals loslässt, vor allem in schlaflosen Nächten: jene alptraumhaften 973 Tage, die ich im Ghetto in Osarinzy verbracht habe, einem Ort im Bezirk Mogilew-Podolsk, Gebiet Winniza. Meine Erinnerungen an diese Zeit wurden im zweibändigen Buch meines Landsmannes und guten Freundes B. H. Chandros abgedruckt: „Ein Ort, den es nicht mehr gibt“. Im Vorwort zu diesen Büchern dankt mir der Autor für meine Hilfe und Unterstützung. Außerdem wurde ein Nachwort von mir abgedruckt.

Viele, die KZ oder Ghetto überlebt und dem Tode entronnen sind, haben von dieser Zeit geschrieben. Ich möchte sie meiner Solidarität und Gleichgesinntheit versichern, nun aber ein anderes Thema anschneiden, dass mich schon lange umtreibt und mir keine Ruhe lässt, obwohl es manch einem überholt vorkommen mag. Die Vorgeschichte, die mich zu diesem Thema veranlasst hat, geht auf einen unbedeutenden Vorfall in meiner Vergangenheit zurück. Es war im Jahr 1946. Ich hatte gerade mein Studium am medizinischen Institut in Czernowitz begonnen. In den ersten Tages des Studiums musste ich bei einer organisatorischen Versammlung von meinem Leben erzählen (ich war zum Kurssprecher gewählt worden). Als ich sagte, dass ich im Ghetto gewesen war, fragte mich der Institutsleiter Dmitrij Sergejewitsch Lowlja: „Und warum haben Sie überlebt?“ Später erfuhr ich, dass der Dozent D. S. Lowlja ein anständiger Mensch war, 1937 war er im Zuge der Repressalien verhaftet worden. Ganz offensichtlich hatte er nicht wissen wollen, warum ich überlebt hatte, sondern wie ich überleben konnte. Die Frage nach dem „Warum?“ ist mir jedoch nie wieder aus dem Kopf gegangen. Und aus triftigem Grund. Sie wurde mir immer wieder gestellt – oder stand meinen Gesprächspartnern ins Gesicht geschrieben. Und die Antwort schien ganz einfach zu sein: Das Ghetto Osarinzy war in Transnistrien und unterstand den Rumänen. Ja, das stimmt und das spielte eine gewisse Rolle. Aber bei weitem nicht die entscheidende.

Die Beteiligung der Rumänen am Genozid gegen das jüdische Volk ist noch unzureichend untersucht. Was die Menschen im Ghetto durchgemacht haben, ist bekannt, man weiß von der ständigen Todesangst, dem schrecklichen Hunger, der Kälte, den Typhus- und Ruhrepidemien. Trotzdem hört man manchmal die Meinung, man müsste den Rumänen eigentlich dankbar dafür sein, dass sie keine Massenerschießungen durchgeführt haben. Ich bin Zeuge, dass am ersten Samstag nach der Besatzung, am 26.7.1941, in unserem Ort eine rumänische Einheit aus einer „wilden“ Division eintraf, die einen Pogrom im Ort anzettelte: Sie demütigten jeden, der ihnen in die Hände kam, schnitten den Männern die Bärte ab, ritzten ihnen Tätowierungen in die Haut und Sterne auf die Stirn. Dann führten sie 28 Männer auf einen Platz. Sie erschossen sie zwar nicht – es waren ihnen schade um die Munition. Sie erstachen sie einfach mit Messern und Bajonetten.

Im Spätherbst 1941 begannen die Rumänen mit der Vertreibung der Juden aus Bessarabien, der Nordbukowina und einigen Gebieten im Rumänien. Der Weg führte über den Dnjestr, über Mogilew-Podolsk und auch durch unseren Ort. Schlammstraßen und einsetzender Frost verwandelten den Fußweg für die Alten, Kinder und Kranken in einen wahren Höllenmarsch. Die Gendarmen, die die Kolonne begleiteten, kannten kein Erbarmen. Sie trieben die Menschen weiter, indem sie ihnen mit dem Gewehrkolben auf den Kopf schlugen, die Kranken und Zurückgebliebenen wurden erschossen oder sogar noch lebend vergraben. In unserem Ort machten sie eine Nacht Rast, früh am nächsten Morgen trieb man sie weiter. Wir gingen ihnen entgegen, nahmen ihnen das Gepäck ab. Ich bin Zeuge dieses schrecklichen Schauspiels: die ganze Landstraße von Mogilew-Podolsk bis zu uns – das sind zehn Kilometer – war übersät mit Dutzenden gefrorenen Leichen. Ohne Zweifel sind beim Weitermarsch noch mehr Menschen gestorben. Das ganze grauenvolle Ausmaß der Opfer unter den deportierten Juden kann man einem Bericht in Boris Zabarkos neuem Buch „Wir wollten leben …“ entnehmen. Symptomatisch erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass der rumänische Gouverneur von Bessarabien im November 1941 öffentlich erklärte: „Die Judenfrage in Bessarabien ist gelöst!“ Gibt es hier einen Unterschied zur Lösung der Judenfrage durch die Deutschen?

Die Rumänen haben keine Massenerschießungen durchgeführt … Sie haben das Problem anders gelöst: Sie überließen die Juden einem langsamen, aber unausweichlichem Tod. Sie brauchten nicht einmal Geld für einen Zaun um das Ghetto auszugeben: Wohin hätten wir fliehen sollen? Wir wurden auch regelmäßig durchgezählt. Den Henkern hat einfach die Zeit nicht gereicht. Zu ihrem Ärger sind nicht alle Ghettobewohner rechtzeitig gestorben.

Alle Überlebenden haben ihre eigene Geschichte. Es ist nicht leicht, eine eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, wie und warum ich im Ghetto überleben konnte. War es Glück, Schicksal? Vorsehung? Ich war zum Beispiel nicht dabei, als die Deutschen alle Juden des Ortes in die Synagoge trieben, wo sie zwei Tage ohne Wasser und Essen und in entsetzlicher Enge ausharrten und den Tod erwarteten. Die Benzinkanister standen schon bereit. Gott allein weiß, warum sie die Synagoge doch nicht angezündet haben. Stattdessen nahmen sie einige Männer aus der Gruppe mit, angeblich zum Arbeiten. Später haben wir erfahren, dass sie am Ortsrand erschossen wurden.

Ich aber hatte mich intuitiv in der Schlucht versteckt. Ich, der Junge von vierzehn Jahren, begriff nichts, hatte keine Angst, und beobachtete neugierig, wie Tag und Nacht in einer nicht enden wollenden Reihe Soldaten und Rüstungsfahrzeuge durch unseren Ort zogen. Einmal machten rumänische Soldaten dort Mittagsrast und einer von ihnen, ein älterer Soldat, gab mir ein Stück Brot. Ich hoffte, das könnte mir noch einmal passieren. Aber einmal sah ich aus der Ferne eine Gruppe Rumänen näherkommen, der Vorderste schien mireinen Turban auf dem Kopf zu haben … Woher wusste ich intuitiv, dass ich weglaufen musste? Es waren die bereits erwähnten Henkersoldaten aus der „wilden“ Division, und ich hätte ihr erstes Opfer werden können …

… Ende Sommer 1942. Alle Ghettobewohner mussten sich auf dem Platz versammeln. Wir wurden scheinbar mal wieder durchgezählt. Der Familienname wurde aufgerufen und man musste mit „Present!“ antworten und auf die andere Seite hinübergehen. Ich bemerkte, dass die Männer sich getrennt aufstellen mussten; auch ich kam zu den Männern (ich war fünfzehn, aber groß). Irgendetwas kam mir komisch vor, und so nutzte ich das Durcheinander und rannte hinter das Kaufhausgebäude am Ende des Platzes und lief davon. Damit entkam ich der Deportation ins Todeslager Petschora, aus dem niemand aus unserem Ort lebend wieder zurückgekommen ist. Wieder Intuition? Mein Bruder Chaim konnte übrigens aus der Kolonne fliehen, als sie schon am Bahnhof Mogilew-Podolsk angekommen waren …

Und ein weiterer tragikomischer Vorfall. Auf der Suche nach einem Ort, wo ich mich während einer erneuten Durchsuchung verstecken konnte, gelangte ich zum schönen polnischen Friedhof, auf dem es viele Bäume, Fliederbüsche und offene Gruften gab. Ich war gerade in einer der Gruften, als ich Stimmen hörte. Ich sah hinaus und erblickte eine Gruppe rumänischer Offiziere (man erkannte sie an ihren überdimensionalen Mützen). Ich schaffte es gerade noch, mich im Gebüsch zu verstecken, aber vor der Gruft lag noch mein mitgebrachtes, in Papier eingewickeltes Brot. Am nächsten Tag hörte man überall im Ort: Auf dem polnischen Friedhof halten sich Partisanen versteckt! Alle Gruften mussten zugemauert werden, alle Bäume und Büsche wurden abgeholzt.

Meistens versteckten mein Bruder und ich uns in einem heimlichen Versteck in unserem Haus. Dieses Versteck lässt sich mit wenigen Worten nicht beschreiben. Es reicht zu sagen, dass der Zugang zu unserem Versteck über den Schornstein war. Mutter verdeckte die Luke mit Asche. Ich denke, in diesem Versteck hätte uns niemals jemand gefunden. Durch die Wand hörten wir, wie sie Mutter folterten, sie schlugen sie mit Stöcken und fragten: „Unde baieti?“ – „Wo sind die Jungen?“ Aber würde eine Mutter etwa ihre Kinder verraten?

Dass ich dem Tode entronnen bin, dass ich überlebt habe, habe ich vor allem meiner Mutter zu verdanken. Dank ihres aufopfernden Heldenmuts und ihrer Umsicht sind wir nicht verhungert, erfroren oder am Typhus gestorben. Mutter ist nach all dem durchlebten Leid früh, im Alter von 55 Jahren, verstorben, aber als sie schon schwer krank war, erfüllte sich nochihr größter Traum: Sie konnte miterleben, wie ihr „Kleiner“, ihr Schuster-Sohn, das Medizinstudium mit dem roten Diplom abschloss. Ihre Liebe und ihren Segen fühle ich immer bei mir.

Mein Bruder Chaim ging gleich nach der Befreiung als Freiwilliger an die Front. Er brannte auf Rache an den Deutschen, und er bezahlte dafür mit dem Leben, gleich bei seinem ersten Kampf auf rumänischem Gebiet. Mein ältester Bruder Iser war bereits 1940 eingezogen worden, er hat den ganzen Krieg gekämpft, wurde zweimal verwundet. Mein Vater war vor dem Krieg während der Repressionen verhaftet und nach Tatarstan verschickt worden, dort wurde er dann entlassen und diente in einer administrativen Einheit. Er ist ein Jahr vor meiner Mutter gestorben, ebenfalls mit 55 Jahren.

Immer und immer wieder geht mir das alles durch den Kopf. Wie ich dem Deutschen – und damit dem Tod – entwischt bin, der eine Minute zuvor vor unserem Haus einen jungen Burschen erschossen hatte; wie ich vor einem Polizisten davongelaufen und gestürzt bin und mir dabei den rechten Arm ausgerenkt habe; wie ich von einer rumänischen Patrouille angehalten und in den Keller des Polizeireviers in Mogilew-Podolsk gesperrt wurde – und wieder freigelassen wurde. Das Gefühl der schrecklichen Anspannung, der ständigen Todesangst ist immer noch präsent.

Ja, das Schicksal meinte es gut mit mir. Gott sei Dank dafür. Aber ich bin sicher, dass wir es nicht den Rumänen zu verdanken haben, dass wir überlebt haben; dass wir nicht am Leben geblieben sind, weil, sondern obwohl sie uns einen langsamen, aber sicheren Tod sterben ließen. Wenn man von Rumäniens Rolle im Holocaust spricht, darf man nicht vergessen, dass Rumänien aktiver Verbündeter von Nazi-Deutschland war und dass seine Truppen bis nach Stalingrad gekommen sind. Die Vormacht über Bessarabien und über das riesige Gebiet zwischen Dnjestr und Bug, einschließlich der Stadt Odessa, war ein Dankesgeschenk der Deutschen. Rumäniens Traum vom „Romania mare“, von einem judenfreien Großrumänien, ist nicht in Erfüllung gegangen. Als den Rumänen klar wurde, dass Hitlers Niederlage unausweichlich war, schickten sie zu Kriegsende einen Teil der vertriebenen Juden wieder zurück, und nach der Niederlage verkündeten sie ihren Übertritt zu den Alliierten.

Das rechtfertigt oder rehabilitiert aber in keinem Maße die Verbrecher gegenüber der Welt und den tausenden Toten. Viele europäische Staaten haben sich bei den Juden für die Mitschuld ihrer Bürger am Holocaust entschuldigt. Und Rumänien? Unsere Erinnerungen dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ich hoffe, dassin Zukunft kompetente Historiker bei ihren Forschungen alle am jüdischen Genozid Beteiligten berücksichtigen werden, damit sich diese schreckliche Seite unserer Geschichte niemals wiederholen wird.

Boris (Benja) Schlain
Doktor der Medizin, Überlebender des Ghettos in Osarinzy.

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