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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Julija Naumowna Romanenko.

Erinnerungen von Julija Naumowna Romanenko (Lejfer) an die Zeit im von den Deutschen besetzten Belarus.

Ich wurde am 18.07.1931 in Minsk geboren. Vor dem Krieg besuchte ich drei Jahre lang die Grundschule. Unsere Familie bestand aus sechs Personen: Mein Vater Naum Dawydowitsch Lejfer, meine Mutter Pascha Danilowna, meine beiden älteren Schwestern Vera und Rosa und mein jüngerer Bruder Gennadij. Bei Kriegsbeginn verließ meine Schwester Vera zusammen mit abrückenden Einheiten der Roten Armee die Stadt. Rosa war zu der Zeit in einem Pionierlager und wurde zusammen mit den anderen Kindern weiter ins Landesinnere evakuiert.

Ab dem 22. Juni 1941 wurden Minsk und das Minsker Umland ununterbrochen von den Deutschen bombardiert. Es gab viele Tote und Verletzte. Die meisten von ihnen waren Alte, Frauen und Kinder. Nach der Besetzung von Minsk kam es zu Massenverhaftungen, vor allem von Bürgern jüdischer Nationalität. Deshalb sah sich unsere Familie gezwungen, die Wohnung zu verlassen, alles Hab und Gut zurückzulassen und unterzutauchen, um den Repressalien zu entgehen. Die Tragödie holte uns aber trotzdem ein. Am 18.7.1941 wurde mein Vater Naum Dawydowitsch Lejfer (geb. 1884) verhaftet. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Bekannte haben uns erzählt, dass die meisten verhafteten Juden ins Minsker Ghetto gebracht und dort gehängt wurden.

Danach verließen meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich unsere Heimatstadt und hielten uns von da an unter falschem Namen in verschiedenen Dörfern und Orten versteckt. Unter anderem nahm uns die Familie Stankewitsch bei sich auf, die im Dorf Dory im Bezirk Radoschkowitschi, Gebiet Molodetschno lebte. Wir gaben uns als Familie Sobolewskij aus. Aber auch dort holte uns 1943 zusammen mit den anderen Dorfbewohnern das Unglück ein. Das Dorf Dory wurde unter der Leitung eines deutschen Strafkommandos niedergebrannt und die meisten seiner Bewohner kamen ums Leben, unter ihnen meine Mutter und mein Bruder Gennadij. Ich konnte zusammen mit wenigen anderen entkommen, und wir versteckten uns in den Wäldern und Sümpfen. Der Hunger zwang mich aber bald, das Versteck zu verlassen. Auf der Suche nach etwas Essbarem gelangte ich in den Ort Gorodokim Bezirk Radokowitschi. Zu der Zeit suchte die deutsche Kommandantur die Dörfer nach arbeitsfähigen jungen Leuten ab, die nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert werden sollten. Ich war damals zwölf Jahre alt und stark abgemagert, deshalb kam ich nicht in die Liste der Arbeitsfähigen. Dafür nahm mich die Familie Kamzewitsch bei sich auf und beschäftigte mich als Hilfe im Haushalt. Ich habe verschiedene Arbeiten in ihrem Haus übernommen. Das Haus der Kamzewitschs befand sich neben der deutschen Kommandantur, und es kamen oft deutsche Offiziere oder Polizisten zu ihnen. Dann zitterte ich immer vor Angst, die Deutschen könnten herausfinden, wer ich wirklich war.

Nach der Vertreibung der Deutschen fuhr ich zurück nach Minsk. Dort konnte ich die Adresse meiner älteren Schwester Vera herausfinden, die in der Sowjetischen Armee diente. Außerdem lernte ich die Familie Okunew kennen, die in der Bezirkshauptstadt Radoschkowitschi lebte. Eine Weile wohnte ich bei dieser Familie. Dann kam ich mit Hilfe von Frau Okunewa nach Wilnius (Litauen) ins Waisenheim Nr. 6 in der Shigimanto-Straße, in dem jüdische Kinder lebten. Ich besuchte dort das russische Gymnasium.

P.S. Ich danke Ihnen, dass Sie sich für unser Schicksal interessieren. Wenn Sie nur wüssten, wie schwer es ist, dies niederzuschreiben, ich habe es immer wieder vor mir hergeschoben. Entschuldigen Sie bitte. Falls Sie noch etwas wissen möchten, so fragen Sie bitte.

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