Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Stanislaw Jurjewtisch Towstucha (Mamburg).

Ukraine
Tschernigow.

Sehr verehrter Herr Eberhard Radczuweit!

[…]

Ich habe Ihnen schon von meinem Leidensweg während der Zeit der Besatzung geschrieben. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich wiederhole und bitte verzeihen Sie mir meine schlechte Handschrift, ich bin fast blind.

Nachdem mein Vater Jurij Pinchusowitsch Mamburg an die Front eingezogen worden war, wurde unser Haus zerbombt, und meine Mutter Ksenja Iwanowna Mamburg (geb. Blisnjuk)„lebte“ mit mir und meinem Bruder Wladimir bei meinem Großvater Iwan Antonowitsch Blisnjuk. Wir versteckten uns in einer kalten dunklen Kammer, weil mein Großvater offene Tuberkulose hatte, und nebenan bei den Nachbarn ein SS-Offizier wohnte.

Ende 1942/Anfang 1943 verriet uns jemand, wir wurden verhaftet und kamen ins Städtische Gefängnis. Ich kann mich noch an die trübe Glühbirne in der Zelle erinnern und an den großen Kübel in der Mitte des Raumes, aus dem die Gefangenen einmal am Tag eine dünne Brühe schlürften. Immer wieder waren Schüsse im Hof zu hören; die Nazis erschossen dort Gefangene. Meine Mutter war kurz davor, den Verstand zu verlieren, und eines Tages führte sie uns zu der schrecklichen Mauer, obwohl wir nicht aufgerufen worden waren. Aber an diesem Tag blieben die Schüsse aus. Die Deutschen feierten irgendein Fest. Später erfuhren wir, dass sie Hitlers Geburtstag gefeiert hatten. Sie ließen uns alle frei, zwanzig Personen.

Mutter hatte Angst, länger in Tschernigow zu bleiben und ging deshalb mit uns ins Dorf Kienka. Dort versteckten wir uns bei der Familie von Pjotr Iwanowitsch Nadtotschej. Die Familie hatte selbst vier Kinder und setzte ihr Leben aufs Spiel, weil sie die Kinder eines Juden bei sich versteckten, dennoch verwehrten sie uns den Unterschlupf nicht. Wir ließen uns draußen nicht blicken. Keller, Schuppen, Heuschober – das waren unsere Verstecke in dieser Zeit.

Nach der Befreiung von Tschernigow kehrten wir nach Hause zurück.

Ich bin schon ein alter Mann und habe eine ganze Reihe von Krankheiten: Ischämie, Bluthochdruck, Diabetes, Grauer Star usw. Vom Staat bekomme ich keinerlei Unterstützung.

Die einzige Organisation, die sich um mich und meine Familie kümmert, ist die Hesed.

7.02.2013
Towstucha (Mamburg).

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.