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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Bella Merschon.

Bella Merschon
Gebiet Winniza.

1.Brief.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich, Bella Merschon, als Kind Insassin des Ghettos in Shmerinka, möchte Ihnen und allen Mitgliedern des Vereins „Kontakte-Контакты“ für die wohltätige finanzielle Unterstützung danken.

Ich möchte Ihnen in Kürze beschreiben, wie es mir und meiner Familie zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges ergangen ist, oder genauer zur Zeit der Besatzung unserer Stadt durch die Nazis, also während des Holocausts. Ich wurde in Shmerinka im Gebiet Winniza geboren, wir waren drei Kinder in unserer Familie, ich war die Jüngste. Als der Krieg begann, konnten wir nicht weggehen und im November 1941 mussten wir ins jüdische Ghetto – das war ein kleines Stadtviertel (ein paar Straßen) in der Nähe des Marktes, umzäunt mit Stacheldraht. Shmerinka war auf rumänischem Gebiet im sog. Transnistrien, was eine große Rolle für das Überleben der Ghettoinsassen spielte. Die Eisenbahnstation wurde zwar von den Deutschen kontrolliert, da es ein Knotenpunkt war, in der Stadt aber hatten die Rumänen das Kommando, und ihnen unterstand der Judenrat unseres Ghettos.

Die schreckliche Zeit im Ghetto kenne ich aus den Erzählungen meiner Mutter und meiner älteren Brüder. Ich selbst habe Erinnerungen erst ab dem Alter von drei Jahren, also ab Ende 1943.

Meine Großmutter mütterlicherseits kam in den Feuern des Holocaust auf tragische Weise ums Leben. Meine Mutter ging zur Arbeit in die Kantine und nahm meinen Bruder und mich mit. Wir hatten oft Hunger und baten Mutter um etwas zu essen. Mein Bruder kann sich an Pfannkuchen aus Kartoffelschalen erinnern – das war damals eine Delikatesse!

Für immer ins Gedächtnis eingebrannt hat sich mir die Zeit Ende Februar/ Anfang März 1944, als meine Mutter, mein Bruder und ich das Ghetto verließen. Es war gefährlich, dort zu bleiben, da es hieß, die Faschisten würden das Ghetto vernichten. Außerdem wurde der Bahnhof bombardiert und die Bewohner des Ghettos machten sich in alle Richtungen davon. Noch vorher waren im Ghetto Spione aus der Roten Armee aufgetaucht, die von den Juden mit großer Freude aufgenommen worden waren.

Ein ehemaliger Patient meines Vaters, Wikentij Kasimirowitsch (den Nachnamen weiß ich nicht mehr) nahm uns bei sich auf, später aber überlegte er es sich anders und bat meine Mutter, mit den Kindern sein Haus zu verlassen. Mein Bruder und ich hatten Keuchhusten und husteten sehr stark, und er hatte Angst um seine Familie. Ich hatte außerdem noch Skrofulose. 1944 kam der Frühling früh, alles taute und war überschwemmt, dazu fiel noch nasser Schnee, und meine Mutter musste losziehen, um mit zwei kranken Kindern (mein Bruder war 6  Jahre alt, ich 3) und das Versteck finden, wo sich noch drei Personen aus unserer Familie versteckt hielten.

Als wir über eine kleine Brücke gingen, wurden die Galoschen an meinen Filzstiefeln vom Wasser fortgeschwemmt und meine Mutter musste mich von dort an tragen. So irrte diese kleine Frau, meine Mutter, durch die Kriegswirren, und versuchte ihre Kinder zu retten!

Viele Jahre hat mein Bruder mir noch Vorwürfe gemacht, dass es für unsere Mutter sehr schwer war, das Bündel mit unseren Sachen zu tragen, und nun musste sie auch noch mich tragen. Er selbst hielt sich an Mutters Mantel fest.

Die Deutschen hielten die Bahnstation noch einige Monate lang besetzt, sie wurde weiter bombardiert, viele Zivilpersonen sind ums Leben gekommen. In das Haus, in dem wir im Ghetto gelebt hatten, schlug ein Geschütz ein und machte es dem Erdboden gleich. Gott sei Dank schaffte meine Familie es in das Dorf, in dem mein Großvater lebte.

An der Stelle des Hauses ist bis heute ein tiefer Graben. Meine ältere Schwester Zilja (aus erster Ehe meines Vaters), die Mutter meines Vaters und seine Schwester mit drei Kindern sind in Derashnja im Gebiet Chmelnizkij umgekommen. Zilja ist für immer fünfzehn geblieben …

Das ist also die Geschichte, wie ich überlebt habe. Allerdings war ich fürs ganze Leben Invalidin. Auch mein Bruder leidet seitdem an Rheuma.

Ich wünsche Ihnen Gesundheit und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Bella Merschon.

2. Brief.

Schalom, liebe Freunde!

[….] Ich habe Ihnen in meinem letzten Brief, den ich nach Kiew geschickt habe, bereits eine Begebenheit aus meiner Kindheit geschildert. Ich hoffe, dass Sie diesen Brief bekamen. Ich war damals schon drei Jahre alt und unter solchen entsetzlichen Umständen werden Kinder schnell erwachsen und bekommen alles genau mit. An diese Begebenheit kann ich mich, wie mir scheint, noch sehr genau erinnern, und sie hat sich mir fürs ganze Leben eingeprägtnbsp;…

Alles andere, von dem ich Ihnen nun schreiben möchte, weiß ich aus den Erzählungen meiner Eltern (vor allem meiner Mutter), meines älteren Bruders, unserer Nachbarn und Freunde.

Ich wurde wenige Monate vor dem Krieg in Shmerinka im Gebiet Winniza geboren. Ich war eine Frühgeburt, kam zwei Monate zu früh zur Welt. Meine Mutter brachte mich durch, indem sie mir mit Hilfe einer Pipette Muttermilch einflößte. Sie war gut darin, denn von Beruf war sie Hebamme. Mein Vater arbeitete als Zahnarzt im Bezirkskrankenhaus. Meine Eltern hatten noch zwei Söhne, meine älteren Brüder, Jahrgang 1935 und 1937. Als der Große Vaterländische Krieg begann, konnten wir nicht evakuiert werden und blieben im von den Deutschen besetzten Gebiet. Am 17.7.1941 besetzten die Nazis unsere Stadt und sofort begann die Hetze auf die Juden. Sie wurden von ihren Arbeitsplätzen vertrieben, durften nicht ohne Kennzeichen auf die Straße gehen: Zuerst mussten den Davidstern am linken Arm tragen, später musste er links auf der Brust aufgenäht werden. Später wurde die Gründung eines Ghettos bekannt gegeben, in das alle Juden der Stadt umziehen mussten. Beim Ghetto handelte es sich um einen kleinen Bezirk der Stadt neben dem Marktplatz (mit nur wenigen Straßen und Gassen). Unsere Straße gehörte nicht zum Ghetto, deshalb mussten wir unsere Wohnung verlassen, in die sofort eine ukrainische Familie einzog, und in ein kleines Haus in der Gorki-Straße ziehen, in dem viele Menschen wohnten, darunter die Familie des Arztes Drobner, mit dem mein Vater vor dem Krieg befreundet war. Im Ghetto herrschte große Enge, denn außer den Juden des Ortes (mehr als 1000 Personen) wurden auch Juden aus der Bukowina, aus Rumänien und Bessarabien zu uns ins Ghetto getrieben. Nach einer Zählung vom März 1943 waren im Ghetto mehr als 3700 Menschen. Wir lebten hinter Stacheldraht, in Dunkelheit und Kälte, unter Hunger, Angst und Entbehrungen. Jeder Tag konnte der letzte sein.

Ich war eigentlich von Anfang an zum Sterben verdammt, denn kleine Kinder wie ich waren den Besatzern nicht mal eine Patrone wert, sie warfen sie lebend in die Grube, wenn sie die Frauen und Alten erschossen. Aber Gott und meine Familie haben mich gerettet, wie durch ein Wunder bin ich am Leben geblieben, damit ich Ihnen nun von dieser Zeit berichten kann. Geholfen hat uns auch, dass wir uns im Gebiet zwischen dem Südlichen Bug und dem Dnjepr befanden, im sogenannten Transnistrien, das unter rumänischer Verwaltung stand. Der Bahnhof Shmerinka, ein Eisenbahnknotenpunkt, war unter deutscher Verwaltung, aber in der Stadt hatten die Rumänen das Sagen. Diesen Kompromiss hatten Hitler und Antonescu bei einem Treffen Ende August 1941 ausgehandelt.

Der Vorstand des Ghettos war ein Jurist aus Czernowitz, Adolph Gerschman, Vorstandsvorsitzender des Judenrates. Er sprach mehrere Sprachen, kannte den rumänischen Stadtverwalter persönlich, konnte sehr gut organisieren und unter ihm herrschten im Ghetto absolute Disziplin, Ordnung und Sauberkeit. Oft ordnete er an, jemanden, der gegen die Regeln verstoßen hatte, mit Peitschenhieben zu bestrafen. Manchmal führte er die Bestrafung auch selbst aus.

Der Vorstand des Judenrates schickte die Bewohner des Ghettos zu Arbeiten in und außerhalb des Ghettos. Jeden Morgen zwischen 6:00 und 6:30 Uhr reihten sich Kolonnen von hungernden und schlecht gekleideten Menschen vor dem Ausgang aus dem Ghetto auf; die Winter waren damals sehr kalt … Die Menschen mussten die Bahngleise freiräumen, den Bauschutt der Eisenbahnbrücke abtransportieren, der beim Wiederaufbau der Eisenbahnbrücke anfiel, die die Rote Armee beim Rückzug gesprengt hatte; sie mussten Züge mit Beutegütern beladen, die Züge reinigen. Die Frauen und jungen Mädchen arbeiteten in der Offizierskantine oder mussten die Kasernen putzen.

Unsere ehemalige Nachbarin, die schon lange in Israel wohnt und damals 16 oder 17 Jahre alt war, hat mir davon erzählt, wie schwer es bei der Arbeit war. Sie wurden geschlagen und gedemütigt, zitterten vor Kälte, hatten Hunger und große Angst, von den Nazis oder den ukrainischen Polizai vergewaltigt zu werden. Das passierte im Ghetto öfter. Eines der Mädchen verlor den Verstand.

Auf Initiative des Judenrates unter A. Gerschman bekamen Waisenkinder in einer im Ghetto eingerichteten Kantine etwas zu essen. Es gab ein Waschhaus und einige Werkstätten.

Das Ghetto in Shmerinka wurde zwar von Typhusepidemien verschont, aber die Menschen starben an Hunger, Kälte und Krankheiten. Besonders schwer hatten es die Juden aus der Bukowina oder Bessarabien, die im Sommer ins Ghetto getrieben worden waren – sie hatten kaum Sachen, die sie gegen Lebensmittel tauschen konnten. Die Juden aus dem Ort durften manchmal auf den Markt, wo sie irgendwelche Sachen gegen Gemüse und andere Lebensmittel tauschen konnten, während viele Juden aus anderen Städten das nicht konnten. So wurden sie krank und starben.

Mutter hat mir auf dem alten Friedhof die Stelle gezeigt, an der die Menschen während des Großen Vaterländischen Kriegs begraben wurden. Nur noch kaum sichtbare Hügel findet man heute dort. Zahlreiche Kinder und Alte sind so für immer vergessen. Sie liegen in fremder Erde begraben, ohne Namen; ihre Familien haben die Stadt gleich nach der Befreiung verlassen, um all die Gräuel der Besatzungszeit für immer zu vergessen.

Meine Mutter musste wegen ihrer kleinen Kinder zuerst nicht zur Arbeit gehen, sie besserte zu Hause alte Kleidung aus. Später musste sie zur Arbeit in die Kantine. Das hieß Innenarbeit, also Arbeit auf dem Ghettogelände. Uns Kinder nahm sie mit und meine Brüder halfen ihr beim Waschen und Putzen von Gemüse, während ich die Abfälle zu kleinen Haufen zusammensammelte. Das war schon Ende 1943 bzw. Anfang 1944. Ich konnte erst spät laufen, dann stellte sich heraus, dass ich stark hinkte, da ein Bein kürzer war.

Vater war Zahnarzt, und manchmal bezahlten ihm die Bauern in Lebensmitteln. Damit sie ins Ghetto konnten, bestachen sie die Rumänen, was diese sehr gerne annahmen. Im zweiten Stock der großen Synagoge wurde ein kleines Krankenhaus eingerichtet, wo die schwer Kranken behandelt wurden. Manchmal kamen ukrainische Ärzte, um eine Diagnose zu stellen, manche von ihnen gaben den Juden sogar Medikamente! Mein Vater galt als sehr guter Zahnarzt, deshalb wurde er manchmal ins Bezirkskrankenhaus gerufen.

Acht Kilometer von der Stadt entfernt befand sich der Ort Bramlow, der zur deutschen Besatzungszone gehörte. Damals war der Ort Bezirkshauptstadt und es lebten viele Juden dort. In weniger als sechs Monaten führten die Nazis dort mehrere Vernichtungsaktionen durch und töteten nach und nach die gesamte jüdische Bevölkerung. Als Gerüchte dorthin drangen, dass im (rumänischen) Ghetto von Shmerinka leichter war zu überleben, da begannen einige Ukrainer, die Menschen in kleinen Gruppen – und natürlich nicht umsonst – über den Fluss zu bringen. So kamen auch Juden aus Bramlow ins Ghetto, sie arbeiteten genauso schwer wie alle anderen, hungerten, litten unter Kälte und Krankheiten – aber sie lebten!

Zum Ende des Sommers 1942 wurde Dr. Gerschman in die rumänische Gendarmerie gerufen. Man drohte ihm, alle Bewohner des Ghettos umzubringen, sollte er die Juden aus Bramlow nicht an sie ausliefern.

Mutter erzählte voller Entsetzen von diesem schrecklichen Tag, als sich alle im Ghetto mit ihren Papieren in einer Reihe auf der längsten Straße aufstellen mussten. Polizai aus Bramlow schritten die Kolonne ab und zerrten „ihre“ Leute aus der Reihe. Dann wurden die Menschen aus Bramlow für eine Nacht in ein Haus gesperrt. Sie weinten und schrien, da sie ahnten, was sie erwartete. Am nächsten Morgen trieb man sie nach Bramlow, wo sie erschossen wurden. Nur ein paar Kinder und Jugendliche haben überlebt.

Als die Stadt von den Nazis befreit wurde, wurde Dr. Gerschman als „Verräter“ von den Sowjets verhaftet. Man warf ihm vor, er habe etwa 270 Personen an die Deutschen ausgeliefert. Im Dezember 1944 wurde er erschossen. Dabei haben mehr als 3000 Menschen im Ghetto ihm ihr Überleben zu verdanken!

In den Wäldern um Shmerinka gab es Partisanen. Ihr Verbindungsmann in der Stadt war der Physiklehrer Gefter. Auch andere junge Leute haben mit ihnen zusammengearbeitet. Der Vater meines ehemaligen Klassenkameraden A. Lojsner war Künstler, wegen einer Behinderung war er nicht an der Front. Er hat Passierscheine und andere Dokumente gefälscht und an die Partisanen übergeben. Auch ein paar Ärtze aus dem Ghetto haben sich den Partisaneneinheiten angeschlossen.

Shmerinka wurde am 18.3.1944 befreit, aber noch nach dem 20.3. und später haben die Nazis die Bahnstation bombardiert. Viele Menschen aus der Zivilbevölkerung sind dabei ums Leben gekommen, unter ihnen auch Juden. Davon, wie wir das Ghetto verlassen haben, habe ich ihnen schon in meinem letzten Brief geschrieben. Von den Nachkriegsjahren schreibe ich Ihnen im nächsten Brief, wenn Sie das für die Geschichte und die jungen Deutschen gebrauchen können! Schreiben Sie, Valerie, ich werde auf Ihren Antwortbrief warten. Ich habe nur eine Frage – was ist damals mit den Deutschen passiert, wie konnten sie ihre Menschlichkeit, Güte, Barmherzigkeit verlieren und zu Bestien werden, die sechs Millionen gänzlich unschuldige Menschen umgebracht haben, nur weil sie Juden waren?

Auf Wiedersehen,

Bella Merschon.

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