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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Ada Leonidowna Woronzowa.

Ich, Ada Leonidowna Woronzowa (Krawzowa), wurde 1934 in Cherson geboren, wo mein Vater, Leonid Iwanowitsch Krawzow, seinen zweijährigen Wehrdienst ableistete. Meine arme Mutter, Ada Mojsejewna Krawzowa (Elman) starb einen Monat nach der Geburt am Kindbettfieber, im Krankenhaus in Cherson … Ich wurde von meinem Vater und meiner Großmutter (der Mutter meines Vaters) großgezogen, und wir lebten in Kiew, denn nach Beendigung des Wehrdienstes kehrte mein Vater nach Kiew zurück.

Vor dem Krieg, als die Bukowina an die Sowjetunion angeschlossen wurde, musste Vater beruflich für einige Zeit nach Tschernowitz, und dort waren wir auch, als der Krieg begann. Vater zog bereits am ersten Tag an die Front, und in Tschernowitz marschierten die Rumänen ein. Ein Jahr lang lebten wir verhältnismäßig ruhig, die rumänischen Besatzer wüteten nicht so schlimm, jedenfalls ließen sie die alten Leute und Kinder in Ruhe. Im Herbst 1942 aber wurden meine Großmutter und ich verhaftet, und mit den Worten „Moskauerin ist gleich Bolschewistin!“ ins Zentralgefängnis der Stadt gebracht. Dort saßen wir 42 Tage, und die Zelle war ein riesiger Zement-“Bau“ mit vergitterten Fenstern ganz oben an der Decke, die sich mit der Zeit mit immer neuen Gefangenen füllte. Als schon viele Menschen in der Zelle waren (mehr als 50 Personen), verluden sie uns in Gefängniswagen, brachten uns zum Bahnhof und steckten uns in Güterwaggons, die mit schweren Riegeln verschlossen wurden. Es begann eine lange Fahrt, voller Demütigungen und Gräueln; an kleinen Stationen führten sie unseren Zug auf ein Abstellgleis für Güterzüge, dann bekamen wir „Balanda“ – halb Suppe, halb Brei – und sie ließen uns nacheinander draußen unser Geschäft erledigen. Schmutz, Gestank, Hunger, das Geschrei der Kinder und das Stöhnen der Erwachsenen sowie das Brüllen der Wachen – das ist mir von dieser Fahrt in Erinnerung geblieben …

Ada Woronzowa.

Sie brachten uns zum Bahnhof Wapnjarka. Dort waren schon mehrere hundert weiterere Gefangene, und die meisten von ihnen waren Juden, die aus der ganzen Gegend zusammengetrieben worden waren; aber es gab auch Ukrainer, Polen, Russen, Zigeuner und viele andere. Alle mussten sich in Reihen aufstellen und wurden in einer Kolonne die Straße entlang getrieben. Die Kinder wurden von der Erwachsenen abgesondert, sie weinten verzweifelt und wollten zurück zu ihren Müttern; auch die Mütter weinten und schrien, flehten die Wachen an, ihnen ihre Kinder zurückzugeben, und es gab keinen einzigen unter der Wachen, der menschlich genug gewesen wäre, ihnen zu sagen, dass sie die Kinder dorthin brachten, wohin auch alle anderen kamen, aber auf Karren, damit sie, die Kinder, die Kolonne nicht unnötig aufhielten. Diese ungerechtfertigte Grausamkeit lebt bis heute als nicht abklingender Schmerz in meiner Erinnerung. Wir, die Kinder, wurden auf großen Fuhrwagen ins Lager gebracht, wo die Erwachsenen auf Baracken verteilt wurden. Das waren mehrere zwei- und dreistöckige Gebäude auf einem freien Feld, und sie waren von drei Reihen Stacheldraht umgeben, zwischen denen ein gekreuzter Draht gespannt war. Auf der anderen Seite des Stacheldrahtes waren Wachtürme mit Wachsoldaten; unten liefen Schäferhunde als Wachhunde hin und her. Um das Lager herum gab es gar nichts, nur Hügel, Wiesen und am Horizont sah man einen Wald. In den Baracken waren zweistöckige Pritschen. Hier lebten wir. Wir schliefen auf den nackten Brettern, aßen Erbsensuppe, die zweimal am Tag an der Essensbaracke verteilt wurde. Es bildeten sich unendlich lange Schlangen von Menschen mit Schüsseln in der Hand, es ging aber recht schnell voran, und die Schüsseln wurden von der hungrigen Menge an Ort und Stelle geleert, draußen im Stehen: Wir hatten solchen Hunger, dass wir es nicht schafften, mit der Suppe in der Hand bis zur Baracke zu gehen. Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass es unter den Soldaten, die das Essen verteilten, auch gute Menschen gab, die Mitleid mit uns Kindern hatten und uns einen Nachschlag gaben. Die Erwachsenen (es waren 11 000 Personen!) mussten 10–15 km bis zur Arbeit marschieren. Sie mussten nach Bombenangriffen die Trümmer räumen, mussten Züge entladen, Gräben ausheben und Getreidesäcke von den Getreidespeichern zum Bahnhof schleppen. Auch die Kinder mussten manchmal arbeiten: Wir putzten die Lagerräume, ernteten Rüben usw. Die Versuchung war sehr groß, etwas Essbares mitgehen zu lassen, aber wer dabei erwischt wurde, wurde an Ort und Stelle erschossen. Nach einem guten Jahr wurden wir in ein „Arbeitslager“ in Perwomajsk verlegt, und alles war genauso wie vorher: wieder Stacheldraht, wieder eine Baracke – es war entweder die Werkhalle einer verlassenen Fabrik, oder eine riesige Garage, ohne Fenster, aber mit einem Tor –, wieder Pritschen, und das gleiche schwere und brutale Leben: Die Kranken und Schwachen und alle, die gegen die Lagerregeln verstießen, wurden direkt im Lager erschossen und verscharrt wurden sie von den Gefangenen, die neben ihnen auf der Pritsche gelegen hatten. Die Verpflegung bestand wieder aus Balanda, nur war sie dort nicht aus Erbsen, sondern aus Getreide. Die Arbeit war näher gelegen, in der Stadt, und das machte das Leben leichter. Das Leben dort war erträglich, vor allem für die Kinder, die keine Vergangenheit „im Gepäck“ hatten, und deshalb alles, was um sie herum passierte, als normal empfanden.

Die wahren Gräuel begannen erst, als die Rote Armee näherrückte: Da begannen die Deutschen mit den Erschießungen. Sie fingen bei den Juden an. Meine Großmutter war ja Ukrainerin, und sie hatte mich, den „Mischling“, bei sich im Pass eintragen lassen; meinen Geburtsschein hatte sie verbrannt. Die Juden wurden in Gruppen von 200–300 Personen ins Umland der Stadt gebracht, zu einer Schlucht, wo sie dann erschossen wurden. Wir hatten Glück, dass die Reihe nicht mehr an uns kam. Eines Tages stürzten die Deutschen plötzlich zu ihren Fahrzeugen und verließen per Auto, Motorrad oder Pferdewagen blitzartig die Stadt! Wir, die verängstigten und ausgehungerten Gefangenen, liefen in alle Richtungen davon. Es war März, überall taute der Schnee, die Straßen waren voller Schlamm und es war kalt! Wir klopften bei den Bauern an, sie hatten Mitleid mit uns und gaben uns etwas zu Essen, aber ins Haus ließen sie uns nicht: Die Menschen in der Stadt hatten Angst, dass die Deutschen sie dafür erschießen würden – denn die Stadt befand sich immer noch unter deutscher Besatzung. Einige Tage irrten meine Großmutter, ich und Großmutters Freundin und Leidensgenossin, die früher Physikdozentin am Pädagogischen Institut in Tschernigow gewesen war, umher und hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, einen Unterschlupf zu finden; schließlich klopften wir bei einem kleinen Häuschen am Marktplatz an, wo, wie sich herausstellte, ein streng gläubiges altes Paar lebte. Aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen – wen Gott geschickt hat, dem muss man auch helfen – ließen sie uns in ihr Haus! Was war das nur für ein Glück für uns – wir waren ins Leben zurückgekehrt!

Einige Wochen später marschierte die Rote Armee in der Stadt ein und setzte unserem Leid ein Ende. Und als mein Vater im Sommer 1945 aus dem Krieg zurückkehrte, da begriff ich, dass meine Großmutter mit ihren Worten „Gott schützt die Waisen!“ Recht hatte. Mein ganzes Leben habe ich diese Wort im Ohr …

Ada Leonidowna Woronzowa (Krawzowa),

Dr. der Biologie, Professorin, Onkologin, leitende wissenschaftliche Angestellte am Kawezkij-Institut für experimentelle Pathologie der Akademie der Wissenschaften der Ukraine/Kiew.

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