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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Galina Wasiljewna Wdwina.

Ukraine
Chmelnizkij.

Ich, Galina Wasiljewna Wdwina, Ghetto-Überlebende, möchte dem deutschen antifaschistischen Verein „Kontakte-Kontakty“ für die finanzielle Unterstützung danken.

Ich möchte Ihnen kurz von mir erzählen. Ich wurde 1942 im Ghetto geboren, etwa am 8. Januar. Niemand kennt das genaue Datum meiner Geburt. Mein leiblicher Vater Boris Betenskij (oder Bytynskij) arbeitete als Gynäkologe im Bezirkskrankenhaus und leitete eine Schule für Krankenschwestern und Hebammen. Meine Mutter arbeitete auf dem Gesundheitsamt. Mein Bruder Eduard war zu Kriegsbeginn zehn Jahre alt. Meine Mutter war mit mir schwanger. Als der Krieg begann, wurde mein Vater sofort an die Front eingezogen. Mutter beschloss, sich evakuieren zu lassen. Mit einem Lastwagen fuhren sie und mein Bruder los, kamen aber nur bis Bar im Gebiet Winniza und kehrten dann nach Nowaja Uschiza zurück. Am 13. Juli 1941 marschierten die Faschisten in Nowaja Uschiza ein. Sie steckten sofort alle Juden in ein Ghetto. Im Ghetto herrschten schreckliche Lebensbedingungen. Es gab kein Wasser, Licht war verboten und es gab fast keine Lebensmittel. Unter diesen Umständen hat mich dann meine Mutter zur Welt gebracht … Als ich sieben oder acht Monate alt war, war der schlimmste Tag im Ghetto gekommen.

Am 20. August 1942 hieß es: Alle müssen raus, nur Wertsachen dürfen mitgenommen werden. Man sagte uns, wir kämen nach Palästina. Aber als die fast einen Kilometer lange Marschkolonne zum Trichow-Wald abbog, da wussten alle: Das ist das Ende. Und meine Mutter beschloss, mich zu retten. Ohne dass der Wachsoldat es bemerkte, legte sie mich, in ein Bettlaken gewickelt, unter einige Büsche am polnischen Friedhof. Weinen konnte ich nicht, denn mein kleiner, mit blutigen Wunden übersäter Körper hatte kaum noch Kraft … Die Kolonne mit meiner Familie zog weiter, ich aber wurde von jemandem gefunden, der mich zu meinen Adoptiveltern Wasilij Mokryj und Jelena Mokraja brachte. Sie wurden posthum zu „Gerechten unter den Völkern“ erklärt, bekamen eine Ehrenurkunde und Medaille.

Als meine neue Mutter meine Wunden sah, da kochte sie Milch ab und badete mich darin. Die Wunden entzündeten sich aber nur noch mehr. Da machte der jüdische Tierarzt eine Salbe für mich. Er sagte meinen Eltern, sie sollten ein Stück Seife auftreiben, die Wunden mit Seifenwasser abwaschen und anschließend mit dieser Salbe einreiben.

So haben meine geliebten Eltern (Adoptiveltern) mich gesund gepflegt. Als die Rote Armee am 26. März 1944 Nowaja Uschiza befreite, da wurden alle Männer im Ort, auch mein Vater, an die Front eingezogen. Bis zum 9. Mai 1945 hat er gekämpft.

Ich war ein sehr kränkliches Kind. Ich hatte alle nur möglichen Kinderkrankheiten und war mit meiner Adoptivmutter sehr oft im Krankenhaus.

Meine Adoptiveltern haben eine wahre Heldentat vollbracht. Wenn jemand sie verraten hätte, dann wären sie erschossen worden.

Sie haben mich gesund gepflegt und großgezogen, haben mir ein Studium an der Fakultät für Physik und Mathematik an der Staatlichen Universität in Tschernowzy ermöglicht.

Ich habe zwei Töchter bekommen, Alla und Jelena, und jetzt habe ich zwei Enkelkinder, Artur und Viktoria. Sie sind Studenten, studieren in Kiew und Simferpol.

Mein Mann und ich haben 40,5 gemeinsame Jahre verbracht. 2006 ist er gestorben.

Ich habe in der Schule gearbeitet und Mathematik unterrichtet, 42 Jahre lang. Als ich in Rente ging, hatte ich die höchste pädagogische Auszeichnung erreicht.

Alle meine ehemaligen Schüler lieben und schätzen mich sehr für die Ausbildung und Erziehung, die sie von mir bekommen haben. Sie laden mich zu Treffen ein und gratulieren mir immer zum Geburtstag. Die Türen meines Hauses sind immer offen für Kinder, die ihre Mathematikkenntnisse verbessern möchten. Meine Schüler sind gute Spezialisten geworden und haben es zu etwas gebracht. Sie haben einander nicht vergessen und helfen sich gegenseitig, so gut sie können.

Zwölf Personen überlebten das Ghetto in Nowaja Uschiza:

  1. Ajsen, Boris.
  2. Ajsen, Schmil.
  3. Ajsen, Michail (Munja).
  4. Grinberg, Maria (Manja).
  5. Grachman, Lona (Lisa).
  6. Gretscheschman, Grischa.
  7. Itkin, Isaak.
  8. Dostman, Fanja.
  9. Dostman, Alik.
  10. Schtirberg, Sascha.
  11. Bikman, Semen.
  12. Bitenskaja (Wdowina), Galina Wasiljewna.

Nach Angaben von Isaak Itkin sind etwa 4000 Menschen umgekommen.

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