Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Irina Semenowna G..

Als der Krieg begann, waren mein Vater, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ich gerade zu Besuch im Dorf Aleksandrowka im Bezirk Tomaschpol, Gebiet Winniza. Bereits in den ersten Kriegstagen erlebten wir alle Gräuel dieses Krieges. Ich möchte einige Vorfälle schildern, an die ich mich noch erinnern kann oder von denen meine Mutter uns erzählt hat.

Ich war gerade erst vier Jahre alt geworden, als der Krieg begann. Ich kann nicht von allem, was passiert ist, erzählen und es fällt mir auch zu schwer, aber von einigen Momenten möchte ich Ihnen schreiben.

Es war ein warmer Sommertag, ich spielte im Hof neben unserem Haus, mein Großvater war auch dort. Plötzlich tauchte ein betrunkener Deutscher auf, er befahl meinem Großvater, ihm seine Hühner, Eier usw. zu geben. Großvater führte ihn ins Haus, aber dann entriss er sich ihm, packte mich an der Hand und rannte mit mir durch den Hof. Der Deutsche kam aus dem Haus gerannt und schoss uns hinterher, aber Großvater schaffte es rechtzeitig, mit mir in den Brunnen zu klettern. Der Deutsche schoss noch einmal, dann lachte er und ging weg. Die Nachbarn halfen uns, aus dem Brunnen herauszukommen. Großvater war von dem Deutschen am Bein getroffen worden. Nach diesem Vorfall versteckten uns die Dorfbewohner an verschiedenen Orten im Dorf. Aber dann wurde es für sie gefährlich, uns zu verstecken, deshalb holte mein Vater uns ab. Nachts marschierten wir, am Tag versteckten wir uns. So gelangten wir bis nach Tomaschpol, wo wir eigentlich wohnten. Dort waren noch Gefechte am Gange, aber es war ein ungleicher Kampf, die Deutschen waren in allem überlegen, so dass unsere Truppen schließlich den Rückzug antreten mussten und die Deutschen in Tomaschpol einmarschierten. Am 4.8.1941 holten sie alle Juden des Ortes aus ihren Häusern, wir mussten uns in einer Kolonne aufstellen. Es hieß, alle sollten zum Arbeitseinsatz geführt werden, und wer im Ort zurückblieb, den würden sie erschießen. Meine Mutter schloss sich mit uns drei Kindern einer Kolonne an. Die Kolonne wurde von Polizai mit Hunden und von Deutschen bewacht. An einer Kreuzung trafen wir auf eine weitere Kolonne, in der mein Vater, mein Großvater und weitere Verwandte waren. Man hatte sie aus dem Gebetshaus geholt. Vater wollte zu unserer Kolonne herüberlaufen, aber die Deutschen schlugen ihn und trieben ihn zurück in seine Kolonne. Das war das Letzte, was wir von ihm und den anderen gesehen haben. So ist mir mein Vater in Erinnerung geblieben, mit vor Angst weit aufgerissenen Augen. Dann führten sie uns weiter. Plötzlich begann mein Bruder zu weinen, er hatte sich das Bein angeschlagen. Meine Mutter versuchte, ihn zu beruhigen, und wir blieben hinter den anderen in der Kolonne zurück. Ein Polizai bemerkte uns, er schlug Mutter mit einem Stock und brüllte, wir sollten zurück in die Kolonne, hinter der wir zurückgeblieben waren. Da wurde ein anderer Deutscher auf uns aufmerksam, er rief meine Mutter mit den Kindern zu sich, dann sagte er uns, wir sollten zurück nach Hause gehen. Auf dem Weg zurück rannte mein Bruder weg, ohne das wir es bemerkten, und lief zur Kolonne, in der unser Vater war. Am Abend tauchten im Ort Leute auf, die den Erschießungen hatten entkommen können. Dann kam auch mein Bruder wieder, er war ganz blutüberströmt. Wir erfuhren von den anderen, dass sie Vater zusammen mit allen, die hatten weglaufen wollen, lebendig begraben hatten. Alle anderen hatten sie erschossen und in Gruben geworfen, die sie selbst vorher ausheben mussten. Vater hatte es aber noch geschafft, meinen Bruder aus der Grube zu ziehen und ihm gesagt, er solle nach Hause gehen. Später erzählten uns Augenzeugen dieser Tragödie, dass die Menschen, als sie begriffen, dass man sie erschießen würde, in alle Richtungen davongelaufen waren. Die Deutschen versuchten sie mit ihren Hunden wieder einzufangen. Mein Vater wurde geschnappt, sie verprügelten ihn und schleppten ihn zurück zur Grube. Großvater sah das und rannte hin, um Vater gegen die Polizai zu Hilfe zu kommen. Sie erschlugen ihn direkt vor den Augen meines Vaters. Meinen Vater aber warfen sie lebendig in die Grube, dann warfen sie schnell noch viele weitere Menschen hinein; manche erschossen sie vorher, manche warfen sie lebend in die Grube. So sind mein Vater, mein Großvater und viele weitere unserer Verwandten umgekommen.

Wir aber mussten uns wieder ein Versteck suchen. Am 1.10.1941 richteten die Deutschen ein großes Ghetto in Tomaschpol ein, in dem meine Mutter mit mir, meiner Schwester und meinem Bruder landete. Wir waren bis zum 20.3.1944 in diesem Ghetto, an diesem Tag wurden wir von sowjetischen Truppen befreit. Es war ein großes Ghetto mit einem hohen Zaun und einem hohen Tor. Außer den Juden aus unserem Ort lebten dort viele weitere Juden, die immer wieder aus anderen Konzentrationslagers in unser Ghetto getrieben wurden. Auch kamen im Ghetto Autos an, vollbeladen mit Kindern waren, die die Nazis auf den Feldern und in den Dörfern aufgelesen hatten. Später brachten sie auch Kriegegefangene zu uns. Die Kinder benutzten sie als Blutspender für verwundete deutsche Soldaten, nahmen ihnen immer wieder Blut ab. Die kleinen Kinder liefen erst ziellos im Ghetto herum auf der Suche nach Essen, von dem, was die Polizai und die Deutschen uns hinwarfen. Es gab einen sadistischen Deutschen, der gerne Sonnenblumenkerne aß und die Schalen überall auf den Boden fallen ließ. Die völlig ausgehungerten Kinder krochen um seine Füße herum, klaubten die Schalen vom Boden und aßen sie zusammen mit der Erde. Der Deutsche beobachtete sie dabei, und wenn eines der Kinder zu nah an seine Füße herankam, da trat er ihm auf die Hand, das Kind schrie auf; wenn er sich genug am Schmerz des Kindes geweidet hatte, da hob er es auf und warf es in den elektrischen Zaun. Wenn das Kind dann noch lebte, erschoss er es. Einmal erwischte er auch mich, aber ich hatte Glück, denn in dem Moment ertönte Fliegeralarm, was mir das Leben rettete.

Es gab noch einen anderen sadistischen Nazi, der manchmal Kinder zusammentrieb und ihnen befahl, sich in zwei Reihen gegenüber aufzustellen, dann gab er ihnen spitze Steine und befahl ihnen, sich gegenseitig damit zu bewerfen. Die Kinder warfen also die Steine, manch ein Kind bekam einen Stein an den Kopf, ein anderes wurde am Auge getroffen. Die Kinder, die ihm schwächlich vorkamen, erschoss er.

Die Deutschen führten an den Kindern Experimente durch, gaben ihnen verschiedene Spritzen oder infizierten sie mit Krankheiten. Die Erwachsenen dagegen mussten in einer langen Reihe zur Arbeit marschieren. Die Deutschen bauten Verteidigungsanlagen. Die Kolonne wurde von scharfen Hunden bewacht. Wenn die Leute von der Arbeit zurückkamen, wurden sie am Eingang zum Ghetto durchsucht, und wenn bei jemandem Essen gefunden wurde, dann wurde er bestraft. Einmal verprügelten sie meine Mutter, weil sie ein Stück Brot, das ihr jemand auf der Straße zugeworfen hatte, ins Ghetto hatte schmuggeln wollen. In einem Hof im Ghetto stand ein langer Tisch mit einer Platte aus Blech, und auf diesem Tisch wurden die Ghettoinsassen ausgepeitscht. Dabei mussten sie die Schläge laut mitzählen. Wenn jemand das Bewusstsein verlor, schütteten sie kaltes Wasser über ihn, und wenn er dann wieder zu sich kam, musste er mit dem Zählen der Schläge von vorne beginnen.

Im Winter war es besonders schlimm, die Kälte und der Hunger machten uns sehr zu schaffen, viele Menschen wurden krank und starben. Überall sah Menschen, die die Deutschen gehängt hatten, sie trieben uns hin und wollten, dass wir sie sahen, später mussten wir Kinder dann die Leichen auf einem Karren fortschaffen. Jeder Tag war wie eine Folter für uns. Manchmal hatte ich Glück und konnte etwas Essen ergattern von dem, was uns die Leute aus den Dörfern über den Zaun warfen. Es ist unmöglich, das ganze Ausmaß dieser Gräuel zu beschreiben. Die Erinnerung daran fällt mir sehr schwer.

Am 20.3.1944 wurden wir befreit. Als die Soldaten uns sahen, mussten sie weinen, wir hatten angeschwollene Bäuche und waren entsetzlich abgemagert. Nach dem Krieg waren wir sehr krank, ich hatte Rheuma und wachte nachts oft schreiend auf, weil ich Alpträume von den Nazis hatte. Erst nachdem ich die Schule abgeschlossen hatte, erfuhr ich, dass ich auf dem rechten Auge nicht sehen konnte, wir hatten keine Ärzte und ich hatte gedacht, dass die anderen genauso sehen wie ich. Ich bin also schon seit der Kindheit Invalidin. Jetzt bin ich Invalidin des Großen Vaterländischen Krieges ersten Grades. Ich bin krank. Bitte entschuldigen Sie deshalb meine Handschrift, ich kann nicht mehr gut schreiben.

Ich danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung und wünsche Ihnen Glück und Gesundheit.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.