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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Igor Isaakowitsch Abramowitsch (Aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Ukraine
Krim.

Kurz über die Kriegszeit der Jahre 1941–45 „Erinnerungen nach den Erzählungen meiner Mutter“ Kalatur Christina Andrejewna.

Ich, Abramowitsch Igor Isaakowitsch wurde am 6. März 1941 in dem Dorf Romaschkino / Ikor / Gebiet Jewpatorijsk des Bezirks Krim geboren. Mein Vater war Abramowitsch Isaak Mendelewitsch, geboren 1914. Das Dorf Romaschkino wurde von überwiegend jüdischer Bevölkerung besiedelt und ist aus den Mitteln amerikanischer Juden nach dem „Agrojoi[n]t“-Modell errichtet worden.

Zu Beginn des Krieges ist mein Vater an die Front eingezogen worden, und ich, meine Schwester Ljuba, geb. 1938, und unsere Mutter lebten in Romaschkino. Der Großteil der jüdischen Einwohner wurde in die mittelasiatischen Gebiete der UdSSR evakuiert – weit weg vom Aggressor. Gefahren sind mein Großvater Mendel und meine Großmutter Riwa, meine Mutter lehnte es entschieden ab, mit uns Kindern mit ihnen zu gehen – vielleicht würde es ja vorüberziehen – im Dorf sind noch etwa zwanzig Juden geblieben. Als im Dorf die deutsche Kommandantur eintraf, begann man natürlich mit der örtlichen Polizei zu klären, wer wer ist. Auf Befehl des deutschen Kommandanten führten die hiesigen Polizai die jüdischen Bewohner in das halb zerstörte Dorf „Karpijew“ (?) in 3 km Entfernung, erschossen sie und warfen sie in einen Brunnen.

Das erzählte mein Vater unserer Mutter. Es ist eine lange Geschichte, aber ich fasse mich kurz. Mein Vater verteidigte den Norden der Krim, er war Panzersoldat. Unsere schlecht bewaffnete und zu kriegerischen Handlungen nicht vorbereitete Armee erlitt eine Niederlage, das oberste Kommando zog sich in Flugzeugen zurück, die Truppen waren auf sich gestellt und zerstreuten sich. Mein Vater kehrte nach Romaschkino zurück, aber bleiben konnte er dort wegen seiner Nationalität nicht. Tagsüber hielt er sich in den Ruinen von „Karpijew“ (?) versteckt, nachts konnte er bei seiner Familie sein. Und so wurde er eines Tages Zeuge dieser Hinrichtung. Die Menschen flehten die Polizisten an, nicht zu schießen, sie seien zu jeder Arbeit bereit, aber diese Unmenschen erledigten ihr schmutziges Werk.

Auf meinen Vater bin ich stolz, er überschritt die Frontlinie, trat den Truppen bei und beschritt seinen Kriegsweg von Stalingrad bis nach Ungarn. 1944 erreichte uns sein letzter Brief (insgesamt waren es 9). Auf die Suchmeldung meiner Mutter kam die Antwort „Verschollen“. Mensch weg – Probleme weg, an die Kinder braucht man nichts zu zahlen. Mein Vater hatte nicht vor, an der Front zu sterben und hatte zu meiner Mutter gesagt, wenn er von der Front zurückkehren würde, würde er mit den Polizai-Mördern abrechnen (er hatte ihre Gesichter gesehen), er versprach, sie im …(?) zu ertränken. Wir Kinder und unsere Mutter wurden zweimal zur Kommandantur gerufen. Und eines Nachts wurden wir fertiggemacht und losgeschickt. In das Gebiet Tschernomorskij, mit zweifelhaften Papieren, ausgestellt auf ihren eigenen und unseren Namen. Der Weg dauerte 4 Tage, ausschließlich nachts, wir mussten ca. 120 km um den Donuslawkij Liman herum laufen – auf dem kürzesten Weg gab es einen Wachposten. Die letzte Station war das Dorf „Tschokrak“ – das bedeutet „Quelle“ auf Tatarisch. Auf Grund einer Handschrift vom Vater meiner Mutter wurden wir von einer tatarischen Familie aufgenommen, einer Hausfrau mit zwei Kindern. Diese Familie verdankte meinem Großvater ihr Überleben in den Jahren des Hungers 1932–33. Meine Mutter ließ uns in dieser Familie, sie selbst kam in dem Dorf Kultschuk unter, in sieben Kilometern Entfernung von Tschokrak (heute gibt es diese Dörfer nicht mehr).

Manchmal kam uns unsere Mutter besuchen und brachte uns ein paar Lebensmittel. Ich erinnere mich, wie wir das Fleisch eines toten Delfins essen mussten (wir lebten 4 km vom Meer entfernt). Als die Deutschen weg waren, holte uns unsere Mutter.

Unsere Erretter haben wir nie zu Gesicht bekommen. Sie alle wurden nach dem Krieg als Heimatverräter nach Mittelasien deportiert.

Meine Mutter starb 2002. Ich bin verheiratet und habe zwei Töchter, zwei Enkel und eine Enkelin. Eine Tochter lebt mit ihrer Familie in Israel, die andere in Jewpatorija.

Ich sende einen der Frontbriefe meines Vaters mit. Seine Ehefrau nannte er in dem Brief Tina und mich Zhora, so nannte er mich während des Krieges und danach [?]. Ich freue mich sehr über freundliche Menschen, sollten Sie jemals in Krim sein, kommen Sie uns bitte besuchen.

Meine Adresse ist: Uliza Stepnaja Nr. 5, Siedlung Suworowskoe, Saksij Gebiet, AR Krim, Abramowitsch Igor Isaakowitsch

Ich übersende Ihnen einen der Frontbriefe von meinem Vater. In ewiger Erinnerung.

(Auf dem Brief ist die Nummer der Truppeneinheit vermerkt, vielleicht ist es mit Hilfe Ihrer Archive möglich, den Ort seines Todes herauszufinden. Dafür wäre ich sehr dankbar.)

[Unterschrift].

[Brief des Vaters].

31. April 1944.

Guten Tag, meine liebe Frau Tinotschka und meine lieben Kinder Ljuba und Zhora, und auch Papa und Mama, Frosa, Dunja und Witja und alle anderen.

Als erste Pflicht kann ich euch mitteilen, dass ich lebe und gesund bin, was ich euch auch allen wünsche, viel Gesundheit. Liebe Tinotschka, ich werde dir nicht viel schreiben, du weißt, dass ich viel durchgemacht habe, aber dem blutrünstigen Fritz bin ich nicht in die Hände gefallen.

Ich habe für alle Rache genommen. Die ganze Zeit bin ich an der Front, arbeite als Panzersoldat, als Mechaniker und Fahrer eines T34. Ich habe sofort eine Ausbildung zum Fahrer gemacht, 3 Monate lang. Und dann habe ich den Schein bekommen und wurde nach Swerdlowsk geschickt, zu einer Ausbildung als Mechaniker und Fahrer. Dann kam ich an die Front und wurde von der Regierung mit einer Medaille ausgezeichnet für meine Tapferkeit, und mit einem Abzeichen als herausragender Panzersoldat, das war ’43. Und im Mai ’43 mit einem Orden des Roten Banners für die Befreiung der Stadt Orjol.

Wie gerne würde ich am Leben bleiben und dich und die Kinderchen sehen, dann kann ich sterben. Aber ich denke nie daran, dass ich sterben könnte, und weil das so ist, werde ich überleben, denn ich habe meine Tina und die Kinderchen.

Tina, ich habe dir ’43 eine Belegkarte nach Stroganowka geschickt und geschrieben, wenn ich getötet werden sollte, müssen sie dir ein Belegformular für Panzersoldaten schicken.

Ich würde dich und die Kinder gerne sehen, Tina. Ich habe an die Auskunftsstelle geschrieben, die haben unsere Leute nicht gefunden, aber Wassermann Ziwa haben sie gefunden, im Gebiet Kujbischow, Kreis Chworostjanskij, Siedlung Chworostjanka.

Also, mach’s gut, ich küsse dich fest, dein Ehemann, Abramowitsch Isak.

Eine Adresse habe ich noch nicht, wir sind unterwegs zur Front, nähern uns Rumänien.

Grüße bitte alle Freunde.

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