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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Klara Judowna Akselrod.

Ukraine
Iwano-Frankowsk.

An den deutschen Verein „Kontakte-Kontakty“ von Klara Judowna Akselrod.

Ich wurde am 29.1.1935 in Torocholino im Gebiet Stanislaw [heute Gebiet Iwano-Frankowsk] geboren.

Nachdem unser Ort Torocholino 1941 von deutschen Truppen besetzt worden war, zogen meine Eltern mit mir nach Stanislaw um, zu Verwandten meines Vaters.

Einige Tage nach unserem Umzug in die Stadt (Ende Oktober 1941), wurde unsere ganze Familie zusammen mit mehreren tausend jüdischen Bewohnern der Stadt ins Ghetto umgesiedelt. Dort waren wir bis zum Frühjahr 1943. Im Ghetto lebten wir unter permanenter Angst, Hunger und Kälte. Wegen der Unterernährung war ich oft krank, ich lag im Bett, konnte nichts mehr sehen und konnte nicht mehr laufen. Meine Eltern mussten schwere Zwangsarbeit leisten, hauptsächlich am Bau. Jeden Tag hatten sie Angst, dass sie den Tag nicht überleben würden. Die Kranken und Schwachen wurden rausgeholt und zum jüdischen Friedhof gebracht, wo schon Gräben ausgehoben waren, in denen sie nach der Ermordung verscharrt wurden. Mehrmals hetzten sie im Ghetto die Hunde auf mich, und ich wurde von Soldaten der deutschen Armee verprügelt. Bis heute sehe ich diese Szenen noch genau vor mir.

52 unserer Verwandten sind im Ghetto umgekommen. Ende 1942 und Anfang 1943 verschlimmerten sich die Lebensbedingungen im Ghetto erheblich. Mein Vater erkannte, dass wir im Ghetto keine Überlebenschance hatten und beschloss, die Flucht aus dem Ghetto zu versuchen. Mit der Hilfe eines Bekannten meines Vaters [hier eine Zeile der Kopie unlesbar, Anm. d. Übs.] schafften wir es, dieser Hölle zu entfliehen. Wir gingen in der Nacht zurück in unser Dorf, obwohl dort die deutschen Besatzer waren. Wir hatten große Angst um unser Leben. In dieser schier ausweglosen Situation wandten sich meine Eltern hilfesuchend an unseren ehemaligen Nachbarn, den Priester Iosif Michajlowitsch Petrasch. Als wir bei ihm auftauchten, freute er sich sehr, dass wir noch am Leben waren. Petraschs Familie gab uns Essen und Kleidung und brachte uns in einem extra Zimmer unter, das sie absperrten, damit niemand erfuhr, dass wir da waren. Sie hatten Angst, dass sonst Gerüchte darüber aufkommen konnten.

Nach einiger Zeit wurden in der Nachbarschaft deutsche Offiziere einquartiert, so dass es für uns zu gefährlich wurde, dort zu bleiben. Der Priester wandte sich an den Djaken [Pope], dem er vertraute, und bat ihn, uns unter seine Fittiche zu nehmen. So fanden wir unseren nächsten Unterschlupf auf dem Gehöft des Djaken, wo wir uns in einem Erdloch unter dem Stall versteckt hielten. Einmal am Tag brachten sie uns Essen – unser Retter teilte das letzte Stück Brot mit uns.

In dem Erdloch unterm Stall war es dunkel, feucht und kalt, und so bekam ich eine Lungenentzündung. Der Djak erzählte Priester Petrasch davon, dass ich krank sei, und er war so mutig, mich zu sich zu holen und mich gesund zu pflegen. So wurde ich von meinen Eltern getrennt. Ich wurde wieder gesund, konnte aber nicht zu ihnen zurückkehren, weil ich noch zu schwach war. Die Familie des Priesters beschloss gemeinsam mit meinem Vater, dass sie mich nach der ukrainischen Tradition einkleiden und mir christliche Gebete beibringen würden, um mich dann zur Arbeit ins Nachbardorf zu schicken. Ich ging also ins Dorf Fedosow, aber bis zum Abend konnte ich keine Arbeit finden, ich war abgemagert, klein und kränklich. Dann stellte ich mir vor, dass ich durch den dunklen Wald zurück nach Torocholino laufen musste. In meiner Verzweiflung klopfte ich beim letzten Haus im Dorf an und fing an zu weinen. Die Bäuerin hatte Mitleid mit mir und gab mir Arbeit für sechs Monate (ich musste die Kuh hüten). Die Tochter der Bäuerin hatte eine Freundin, sie hieß Paraska. Paraskas Mutter war am Typhus gestorben, sie war allein und schlug mir vor, ihre Schwester zu werden. Die sechzehnjährige Paraska sprach das mit meiner Bäuerin ab, und von da an lebten wir zusammen, bis 1946.

Nach der Befreiung des Gebietes Stanislaw durch die Rote Armee machte mich mein Vater ausfindig. Meine Mutter war zu der Zeit schon gestorben.

Bis heute wärmt mir die Erinnerung an diese Menschen das Herz, nicht jeder kann in so einer schweren Situation seine Sicherheit und die Sicherheit ihrer Kinder aufs Spiel setzen, vielleicht sogar das Leben: die Familie des Priesters Petrasch aus Torocholino und die Bewohner des Dorfes Fedosow, Praskowja Semjonowna Dutlag [?].

Für meine Familie waren und sind sie bis heute wie Verwandte, wir werden immer in Kontakt bleiben und uns gegenseitig unterstützen, und uns an die schweren Jahre erinnern, die wir gemeinsam durchgestanden haben.

Iosif Michajlowitsch Petrasch wurde postum zum Gerechten unter den Völkern erklärt. Auch Taraskowja Semjonowna Dutlag [?] ist eine Gerechte unter den Völkern.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich, Klara Judowna Akselrod, habe Ihnen in aller Kürze von den schwersten Jahren in meinem Leben berichtet.

Für Menschen wie mich ist die Arbeit, die Ihr deutscher Verein „Kontakte- Kontakty“ leistet, von schier unschätzbarem Wert, weil sie die Erinnerung an das tragische Schicksal unseres Volkes vom Grund der Geschichte an die Oberfläche holt, weil sie Belege aus den Archiven zusammenstellt und Zeitzeugen des Holocaust befragt, und heutige Erscheinungen von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus bekämpft.

Ich danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung, die ich für Ihnen zur Behandlung meiner Krankheit bekommen habe, ungeachtet der internationalen Wirtschaftskrise.

Akselrod.

25.02.2010.

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