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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Efim Moisejewitsch Dumer.

Ich, Efim Moisejewitsch Dumer, wurde 1935 im Ort Woronowizy im Gebiet Winniza geboren. Bis zum Krieg lebte meine Familie in Jaltuschkow im Gebiet Winniza. Die Hauptstraße zog sich anderthalb Kilometer durch den Ort, und in dieser Straße lebten nur Juden. Unser Haus stand am Ortsrand am Fluss. Hinter unserem Haus bauten sie militärische Befestigungsanlagen.

Als die Front immer näher an unseren Ort heranrückte, wurde unser Haus abgerissen, da es den Beschuss der Brücke behinderte. Wir packten das Nötigste auf einen Pferdekarren und fuhren zum Bahnhof Bar, von wo aus wir evakuiert werden sollten. Aber wir schafften es nicht mehr rechtzeitig – der letzte Transport war schon abgefahren. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu wenden und mit unserem Pferdefuhrwerk nach Lutschinez zu fahren, wo die Eltern meines Vaters lebten.

Bald tauchten die Deutschen und Rumänen im Ort auf und richteten ein Ghetto ein. Es war uns strengstens verboten, das Ghetto zu verlassen – und den Ukrainern, das Ghetto zu betreten.

Es gingen Gerüchte um, die Juden würden die Bauern erschlagen und sich von Menschenfleisch ernähren. Man muss aber sagen, dass viele Ukrainer trotzdem zu uns gekommen sind, wenn auch nicht ins Haus, und ein bescheidenes Essen (vor allem Kartoffeln und Maismehl) gegen Kleidung tauschten. Ich kann mich noch erinnern, dass auch Juden aus Moldawien zu uns ins Ghetto getrieben wurden. Etwa zehn von ihnen wurden bei uns untergebracht. Viele von ihnen sind verhungert.

Die Deutschen durchsuchten oft die Häuser und nahmen die jungen Leute mit zur Arbeit in Tultschin. Fast keiner von ihnen kehrte von dort wieder zurück. Auch der Mann meiner Tante Shenja, Wewa Samberg, ist von dort nicht mehr zurückgekehrt. Bei einer der Durchsuchungen wurde auch mein Vater Mojsche verhaftet. Wir gingen dann zu dem Ort, an dem er und die anderen festgehalten wurden, um ihm etwas Essen für die Fahrt zu geben. Aber sie ließen niemanden zu ihnen. Meine Mutter versuchte, irgendwie zu Vater vorzudringen, aber man schlug sie mit der Peitsche. Sie hatte eine Verletzung am Bein, bekam Tuberkulose und starb 1944.

Weil der erwartete Transport nicht eintraf, ließen sie die festgenommenen Juden wieder laufen. Das hat meinem Vater das Leben gerettet. Wir hielten uns im Keller des Hauses meiner Großmutter versteckt, dort gab es ein Versteck, oder im Keller des Ukrainers Nikolaj Rabskij.

Besonders gefährlich wurde es für uns, als die Rote Armee näher rückte. Alle rechneten mit Pogromen. Die Rote Armee rückte aber sehr schnell heran, so dass die Deutschen keine Zeit mehr hatten, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. So hat meine Familie überlebt. Aber wenn wir nicht Großmutter Nesja gehabt hätten, die eine wunderbare Frau war und sich bestens mit den ukrainischen Bauern im Ort verstand, dann wären wir wie viele andere Bewohner des Ghettos verhungert.

1944, gleich nach der Befreiung, kehrte meine Familie nach Jaltuschkow zurück. Hier erfuhren wir, dass niemand von den Verwandten meiner Mutter – und sie hatte sehr viele – mehr am Leben war, alle waren umgekommen. In Jaltuschkow haben nur sehr wenige die Tragödie überlebt.

Efim Dumer.

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