Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

L. S. Schmulewitsch.

Ukraine
Mogilew-Podolskij.

Sehr geehrter Herr Radczuweit, sehr geehrte Damen und Herren,

Ich danke Ihnen für die materielle Unterstützung und möchte Ihnen von meiner Zeit im Ghetto Mogilew-Podolskij schreiben.

Gleich nach der Ankündigung, dass ein Ghetto in der Stadt eingerichtet werden sollte, kamen bewaffnete Leute zu uns und befahlen uns, ins Ghetto umzuziehen. Meine Großmutter erschrak so sehr, dass sie einen Herzanfall bekam; ein paar Tage später ist sie gestorben. Wir wurden in ein Haus eingewiesen, in dem schon viele Menschen lebten, alle schliefen auf dem Boden. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter aus gelbem Stoff einen Davidstern ausgeschnitten und mir aufs Hemd genäht hat. Als ich sie fragte, wozu sie das machte, sagte sie mir, dass alle Juden solche Sterne tragen müssten und dass ich das Haus nie ohne dieses Abzeichen verlassen solle, sonst könnten sie mich töten. Ich weiß noch, dass ich immer Hunger hatte. Meine Mutter kochte eine Suppe aus Maismehl. Als ich sie um mehr Essen bat, fing sie an zu weinen und bat mich, tapfer zu sein. Sie bläute mir ein, das Ghettogelände niemals zu verlassen, da ich getötet werden könnte. Einmal war die Versuchung zu groß und ich verließ mit einem anderen Jungen zusammen das Gelände des Ghettos. Ein deutscher Soldat bemerkte uns und winkte uns zu sich, rief: Juden! [*]. Wir stürzten davon. Er rannte uns hinterher, aber wir konnten ihn abhängen und uns verstecken.

Zu Herbstbeginn 1942 brach eine Typhusepidemie aus. Ich bekam Flecktyphus. Mein Großvater wurde auch krank und starb bald darauf an der Krankheit und der Unterernährung. Diese Zeit habe ich als eine Zeit des Massensterbens in Erinnerung; die Menschen starben der Reihe nach an Unterernährung und Krankheiten. Die Sanitäter kamen mit dem Abtransportieren der Leichen nicht mehr hinterher.

Ich kann mich noch erinnern, wie Gendarmen einmal einen Mann öffentlich so ausgepeitscht haben, dass er nicht mehr aufstehen konnte.

Als die deutschen Truppen den Rückzug antraten, hielten wir uns die ganze Zeit im Keller einer Häuserruine versteckt und kamen nur nachts heraus. Ringsum hörten wir Schreie und Schüsse.

Nochmals vielen Dank.

Mit den besten Grüßen,

L. S. Schmulewitsch, Ghetto-Überlebender.

****

[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.