Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Igor Lwowitsch Schwarzman.

Ukraine
Odessa.

Guten Tag, sehr geehrter Eberhard!

[…]

Ich danke Ihnen für Ihren Brief und für die Möglichkeit, mich mit Ihnen auszutauschen. Für mich ist es sehr wichtig, Ihre Meinung hören und Ihnen meinerseits meine Gedanken zu dem mitzuteilen zu können, was Sie in Ihrem Brief angesprochen haben.

Meine Mutter hat mir erzählt, dass erstaunlicherweise manche Deutsche die Menschen im Ghetto besser behandelt haben als die Polizai aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung. Offensichtlich standen nicht alle Deutschen hinter der Judenpolitik der Nazis. Und wir wissen alle, dass der Mensch nicht immer frei ist, so zu handeln, wie er es sich wünscht, da die Umstände es nicht zulassen. So ist das Leben.

Es stimmt, dass die Deutschen während des Krieges nicht nur Juden ermordet haben. Und der Krieg ist schon an sich grausam, weil gänzlich unschuldige Menschen sterben müssen, in erster Linie Alte und Kinder. Aber nur die Juden wurden ermordet, weil sie einer bestimmten Nationalität angehörten. Das aber ist ein Genozid. Und die treibende Kraft dahinter war und ist der Faschismus.

Sie haben wirklich Recht, wenn Sie sagen, dass der Nationalismus der Nährboden für den Faschismus ist. Wir, die Ghetto-Überlebenden, beobachten deshalb mit Sorge, dass in unserem Land die Nachfolger der Faschisten-Handlanger – die Nationalisten – Aufwind bekommen.

In gewisser Weise erinnert die heutige Situation in der Ukraine an die in Deutschland in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und wir, die Ghetto-Überlebenden, versuchen mit aller Macht dagegen anzukämpfen. Aber wir sind nur wenige, und auch die Jüngsten unter uns sind schon über 70 Jahre alt. Aber wir dürfen nie vergessen, dass der Faschismus nicht nur über die Deutschen und die Juden Leid gebracht hat, sondern über alle Völker der Welt. Und wenn sich nicht alle Länder und alle Völker zusammentun, um gegen Nationalismus, Chauvinismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit vorzugehen, so wird die Menschheit womöglich die schrecklichsten Jahre unserer Geschichte wiederholen.

Dass die Rechtspopulisten von der nationalistischen Partei „Swoboda“ [Freiheit] (was für ein Name!) mit so viel Stimmen ins Parlament eingezogen sind, macht uns große Sorge. Aber wir hoffen auf die Vernunft der Mehrheit der ukrainischen Bürger. Dennoch brauchen wir gegen dieses Unheil unbedingt die Hilfe anderer Länder, in erster Linie des deutschen Volkes, das bereits etwas Ähnliches durchlebt hat.

Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie, Ihren Freunden und Mitstreitern beste Gesundheit und Erfolg bei allen Ihren Projekten und Plänen.

Mit den besten Grüßen,

Igor Schwarzman.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.