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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Jewgenija A. Wajnerman.

Bericht über die Verfolgungen von der Ghetto-Überlebenden Jewgenija Arnowna Wajnerman

Ich wurde am 28.7.1930 in Rogatschow im Bezirk Baranowka, Gebiet Shitomir geboren, in einer kinderreichen Familie als Tochter eines Schusters.

1941 wurde Rogatschow von den Deutschen besetzt. Für die Juden des Ortes begannen damit Repressalien und Massenerschießungen. Alle Juden wurden in eine Straße gepfercht und mussten sich den Davidstern aufnähen. Wer den Stern nicht an der Kleidung hatte, wurde an Ort und Stelle erschossen. Wir durften unsere Straße nicht verlassen. Zuerst holten sie die jungen Männer, brachten sie in den Wald und erschossen sie. So ging das bis September 1941. Dann trieben sie alle Juden ins Klubhaus, die Deutschen, die Polizai, der Ortsvorstand. Der Kommandeur las eine Liste mit den besten Handwerkern vor, die wurden dann in fünf Häusern untergebracht. Die restlichen Menschen wurden in Gaswagen geladen, man brachte sie in den Wald, wo vorher schon Gruben ausgehoben worden waren und erschoss sie. Die verbliebenen Handwerker und ihre Familien arbeiteten bis Dezember 1941, dann kamen alle mit einem Transport nach Nowograd-Wolynskij, wo wir am Bahnhof in Holzbaracken der ehemaligen Holzaufbereitungsstelle leben mussten. Die Baracken waren halb zerfallen und es herrschten 30–32 Grad Minus. Wir mussten dort arbeiten, mussten Holz in die Züge laden, das nach Deutschland gebracht wurde. Das machten die Männer, während wir Kinder mit speziellen Maschinen Heuballen formten. Essen bekamen wir einmal am Tag, eine Rübensuppe und 200 g Ersatzbrot, das zur Hälfte aus Abfällen bestand. Die von der schweren Arbeit, von Kälte, Hunger und Ungeziefer gequälten Menschen konnten sich kaum auf den Beinen halten. Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde erschossen. Das ging so bis Anfang Dezember 1943, da gelang uns, acht Kindern, die Flucht und wir versteckten uns im nächsten Dorf, Kikowa im Bezirk Nowograd-Wolynskij, bei Kolchosearbeitern, die Heu zur Station Nowograd-Wolynskij brachten. Wir versteckten uns in den Heugarben, in den Kellern und Scheunen, so lebten wir bis zur Befreiung von Kikowa durch die Sowjetische Armee im Januar 1944. Unsere Häuser und all unser Eigentum war geplündert, wir wussten nicht, wo wir wohnen sollten. Ich ging von Haus zu Haus, putzte bei den Leuten oder passte auf die Kinder auf, um zu überleben; aber wenigstens musste ich keine Angst mehr haben, dass man mich tötet. Nachdem ich meinen Pass bekommen hatte, fand ich eine Arbeit in der Porzellanmanufaktur in Baranowka, später in der Manufaktur in Polonnoje. Ich habe 30 Jahre lang in der Produktion gearbeitet, die Arbeit war gesundheitsschädlich, nun bin ich Invalidin zweiten Grades, kann nicht mehr laufen, habe Bluthochdruck und Herzprobleme. Ich hatte keine schöne Kindheit, gar keine Jugend und kein schönes Alter. Was für einen hohen Preis musste unser kluges, geduldiges und anständiges jüdisches Volk zahlen!

Ich habe so viele tragische Szenen miterleben müssen, viele Menschen sind vor meinen Augen gestorben. Es ist sehr schwer, daran zurückzudenken, darüber zu schreiben oder davon zu erzählen. Ich kann es selbst kaum fassen, wie ich am Leben bleiben konnte.

Ich habe hier nicht einmal ein Prozent von dem beschrieben, was ich durchlebt habe.

Je. Wejnerman.

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