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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Lina Adolfna Belych.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mich darum gebeten, Ihnen von meinem Schicksal und vom Schicksal meiner Familie während des Krieges von 1941–1945 zu schreiben. Das fällt mir nicht leicht, denn in all den Jahren danach wollte ich diese grauenvolle Zeit einfach nur vergessen, aber leider lässt sich so etwas nicht vergessen.

Mein Vater Adolf Grigorjewitsch Lifschiz besaß bis 1931 ein Geschäft in Brjansk im Gebiet Lugansk, das er von seinem Vater geerbt hatte. 1931 wurde das Geschäft zusammen mit unserem ganzen Besitz vom Staat konfisziert und meinem Vater wurden die Bürgerrechte entzogen. 1934 zog meine Familie nach Lugansk, wo mein Vater dann als Fotograf arbeitete, während meine Mutter eine Stelle als Buchhalterin in einem Betrieb hatte.

Im Dezember 1941 waren die deutschen Truppen bereits kurz vor Lugansk, weshalb mit der Evakuierung der Stadt begonnen wurde. Meine Mutter versuchte meinen Vater verzweifelt davon zu überzeugen, dass wir weg müssten, da die Nazis schreckliche Gräueltaten an den Juden verübten. Mein Vater hielt die Deutschen aber für ein anständiges Volk, und sagte, dass alles, was über sie geschrieben werde, nur Propaganda sei. Er wollte die Stadt nicht verlassen.

Am 17. Juli 1942 marschierten die deutschen Truppen in unserer Stadt ein. Noch am gleichen Tag begriff mein Vater, dass er sich schrecklich geirrt hatte. Alle Juden mussten sich in der Börse einfinden und registrieren lassen, sie mussten den Davidstern tragen und sich jeden Tag zur Zwangsarbeit melden, die meistens darin bestand, Steine zu klopfen und Kopfsteinpflaster zu verlegen.

Zusammen mit meinem Vater arbeitete immer der betagte Doktor Kaz aus unserer Straße, der ein hervorragender Arzt war und unsere ganze Familie behandelt hatte.

So ging es bis zum 1. November 1942. An diesem Tag mussten sich alle Juden um sechs Uhr morgens im Stadion einfinden, wohin sie nur ihre Wertsachen mitnehmen sollten.

Uns war klar, was das bedeutete.

Mein Vater sagte zu meiner Mutter: Ich gehe hin, du versuchst die Kinder zu retten.

(Die Kinder, das waren ich und mein Cousin Wladimir Mirmowitsch, der Sohn meiner Tante väterlicherseits. Mein älterer Bruder Grigorij Lifschiz hatte die Stadt bereits im Mai 1942 verlassen, als das Technikum, an dem er eine Ausbildung machte, nach Tscheljabinsk evakuiert wurde. Er ging später an die Front, war Minen-Pionier und ist am 30.4.1945 im Kampf um Berlin gefallen, wo er auch begraben ist.)

Die versammelte Menge von etwa 3000 Juden, vor allem alte Männer, Frauen und Kinder, wurde in einer Kolonne unter der Bewachung von Polizai aus der Stadt zu einer Stelle mit Panzerabwehrgräben geführt. Dort wurden alle erschossen.

Heute steht an dieser Stelle ein Denkmal: Ein sowjetischer Soldat hält ein totes Kind im Arm, darunter ist die Aufschrift „Wir werden nie vergessen, nie verzeihen“.

Meine Mutter und wir Kinder konnten uns bei den Eltern meiner Schulfreundin verstecken. Aber dann verriet uns jemand und wir wurden zur Polizei gebracht. Am nächsten Morgen sollten wir erschossen werden.

Am nächsten Morgen aber wurde ein Deutscher, der bei der Polizei arbeitete (ich weiß nicht, in welcher Position), auf meine Mutter aufmerksam. Meine Mutter sprach gut Deutsch und so arbeitete sie anstelle der anderen Zwangsarbeit von da an für ihn, machte die Wäsche und putzte. Sie sagte ihm, dass sie keine Jüdin sei, nur ihr Mann sei Jude.

Ob er ihr geglaubt hat oder einfach Mitleid mit ihr hatte, das weiß ich nicht, jedenfalls ließ er uns gehen. Er riet meiner Mutter, die Stadt zu verlassen. Ohne Papiere ging das aber nicht. Einige Tage lang hielten wir uns bei Herrn Koltschewskij versteckt, der in Brjansk der Nachbar meiner Großmutter gewesen war. Er war Kantor in der Kirche und besorgte uns ein Dokument, das belegte, dass unser Haus abgebrannt war und wir Mitglieder seiner Kirchengemeinde waren – also Russen. So wurde ich von Lina Lifschiz zu Lina Shernowskaja.

Meine Mutter ging in die Stadt, um ihre Wertsachen gegen Essen einzutauschen; dabei geriet sie in eine Durchsuchung und sollte nach Deutschland deportiert werden. Da machte sie mich um ein Jahr älter, statt dreizehn war ich nun vierzehn Jahre alt, damit ich ihr nicht weggenommen wurde, denn mit vierzehn konnte man schon arbeiten. Mutter hoffte aber, dass wir unterwegs aus dem Zug fliehen und uns in irgendein Dorf durchschlagen könnten, wo sie arbeiten könnte, bis wir befreit werden würden. Eine Flucht aus diesen Waggons war aber unmöglich, sie wurden verriegelt, und als wir in Gruppen zum Zug gebracht wurden, wurden wir scharf bewacht.

Es war Dezember 1942. Wir fuhren in ungeheizten Güterwaggons (Bei uns nannte man sie Viehwaggons). Hungernd und frierend erreichten wir schließlich Deutschland, wo wir dann in dem kleinen Ort Großbreitenbach (ich glaube in Thüringen) in einer Fabrik namens Linke gearbeitet haben.

Ende April 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit, die uns an unsere Armee übergaben. Dann kehrten wir in die Heimat zurück.

P.S. Woroschilowgrad (heute Lugansk) wurde am 14.2.1943 befreit. Die Zeit der Gräuel dauerte dort sieben Monate, während sie für mich und meine Mutter zweieinhalb Jahre dauerte.

Mit freundlichen Grüßen,

Belych.

P.S.S. In unserer Stadt gibt es eine Straße, die Uliza Potschtowaja [Poststraße]. Bis heute ist es mir unmöglich, durch diese Straße zu laufen. Hier wohnte meine Freundin Sofia Kaufman. Sie und ihre Mutter hatten sich im Keller ihres Hauses versteckt gehalten und wurden gleich im Hof des Hauses erschossen.

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