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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Georgij Wasiljewitsch Masljajew.

[…] Ich danke Ihnen sehr für die herzlichen Worte und die materielle Unterstützung für uns, die wenigen Juden, die wie durch ein Wunder während des Krieges in den besetzten Gebieten überlebt haben.

Am 1.11.1942 marschierte ich zusammen mit meiner Mutter Sofija Osipowna Pasternak in einer Kolonne von Juden, die unter Bewachung ins Stadion der Stadt Lugansk geführt wurden. Dort wurden die Menschen nacheinander in mehrere geschlossene Lastwagen gepfercht und aus der Stadt herausgefahren, wo sie in einem Panzerabwehrgraben erschossen wurden (insgesamt mehr als 2000 Personen). Während wir noch die Straße entlang liefen, fasste meine Mutter einen eigentlich naiven und verrückten Plan, wie sie mich (fünfeinhalb Jahre) und sich (sie war 24 Jahre alt) retten könnte. Der Allmächtige stand uns bei und der Plan ging auf. Mutter ließ sich ans Ende der Kolonne zurückfallen, dann sagte sie mir, ich solle stehenbleiben, kniete sich hin und tat so, als würde sie mir die Schnürsenkel binden; ihre Hände zitterten vor Angst. Die am Ende der Kolonne gehenden, mit Gewehren bewaffneten Polizai riefen uns an, Mutter antwortete ihnen, dass sie mir nur schnell die Schnürsenkel binden und dann die Kolonne wieder einholen würde. Sie riefen ihr zu: „Los, mach schnell und dann komm hinterher!“ In diesem Moment erreichte die Kolonne eine Kreuzung und bog in eine Seitenstraße ein. Auf diese Weise waren wir nicht mehr im Blickfeld der Polizai. Mutter flüsterte mir zu: „Los, schnell weg!“, und wir rannten in irgendeinen Hof, der sich zu unserem Glück als Durchgangshof herausstellte. Mutter riss sich im Laufen den gelben Davidstern vom Mantel. So erreichten wir eine andere Straße. Es heißt, dass es noch andere Versuche gegeben hat, aus der Kolonne zu fliehen, aber diese Unglücklichen wurden alle von den Polizai erwischt, bekamen einige Schläge mit dem Gewehrkolben und wurden wieder zurück in die Kolonne getrieben.

Einige Monate, bis zur Befreiung der Stadt im Februar 1943, haben uns fremde Menschen bei sich versteckt, die damit ihr Leben aufs Spiel setzten; insgesamt waren es sechs oder sieben verschiedene Familien, denen unser Dank gilt. Sie sind wahrhaft Gerechte unter den Völkern. Ich wünsche mir sehr, dass der letzte Krieg den Völkern Europas eine bittere Lehre war. Nur Frieden und Freundschaft können die Verständigung zwischen den Menschen fördern und uns eine lichtvolle Zukunft bescheren.

Nochmals vielen Dank an alle Mitarbeiter Ihres Vereins.

G. Mesljajew.

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