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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Benja Isaakowitsch Shlain (Schlajen) (Brief Eingang 20.01.2012).

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Sehr geehrte Herren! [*]

Ich danke Ihnen für Ihren Brief, aus dem Reue für die Gräueltaten der deutschen Faschisten während der Kriegsjahre klingt. Vielen Dank auch für die guten Wünsche zu Neujahr!

Ihr Verein hat sich zweifelsohne ein sehr schwieriges, aber hehres Ziel gesetzt. Wir wissen, wie wichtig gerade heute der Kampf gegen den wiederaufkommenden Neonazismus ist. Leider kommt es hier bei uns immer wieder zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus.

Ich war 32 Monate im Ghetto – 974 Tage!

Und ich weiß noch alles! Das alles lässt sich nicht vergessen – der ständige Hunger, die Kälte, Schmutz, Läuse, Fleck- und Bauchtyphus; dann die Schikanen und Demütigungen, die schwere Zwangsarbeit, die ständige Anspannung und Angst, das Leben am Rande des Todes und schließlich das Wunder, das wir trotzdem überleben konnten (oft dank der Selbstaufopferung meiner Mutter, nicht selten auch dank Intuition).

Ist es möglich, einzelne, besonders eindrückliche Episoden aus der großen Menge hervorzuheben? Wird die heutige junge Generation uns erhören? Werden sie das fremde Leid an sich heranlassen, werden sie daraus etwas lernen, werden sie verstehen?

Ich selbst würde lieber vergessen, versuche die schlimmen Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen. Über manches, was ich erlebt habe, würde ich am liebsten nie mehr sprechen.

Allein aus Achtung vor Ihnen und Ihrem Verein, und weil ich das Gefühl habe, dass es meine Pflicht ist, werde ich nun versuchen, Ihnen von den ersten und den letzten Tagen der Besatzungszeit zu schreiben.

In unserem Ort tauchten die ersten Deutschen am 20. Juli 1941 auf. Noch am gleichen Tag holten sie alle Juden, Erwachsene und Kinder, aus ihren Häusern und trieben sie in das Gebäude der alten Synagoge. Zwei Tage harrten wir dort aus, ohne Essen und Wasser und in schrecklicher Enge. Die Deutschen wollten die Synagoge anzünden, sie schleppten Benzinkanister herbei. Warum führten sie ihren Plan nicht aus?

Es heißt, dass die ukrainischen Bewohner des Ortes es verhindert haben. Genau weiß man es nicht. Als sie uns freiließen, da schlugen sie jeden von uns mit Stöcken oder Knüppeln, dann suchten sie 28 Männer aus der Menge, führten sie an den Ortsrand und erschossen sie. Und natürlich erschossen sie auch alle, die sich in ihren Häusern versteckt hatten.

Am 26. Juli, dem Blutsonntag, fand die nächste Aktion statt. Eine Gruppe Deutscher kam in unseren Ort geritten. Sie stürmten in die Häuser, schnitten den Alten die Bärte ab, schnitten Davidsterne heraus. Dann führten sie 28 Personen auf den Dorfplatz, aber sie erschossen sie nicht, sondern stachen sie mit Messern und Bajonetten zu Tode …

Nun möchte ich noch von etwas schreiben, was sich einige Tage vor der Befreiung zugetragen hat, Mitte März 1944.

Wir konnten schon die Kanonenschüsse der sich nähernden Front hören. Ich erinnere mich an einen hochgewachsenen Deutschen in einer dunklen Uniform, der plötzlich in unser Haus stürmte. In der Hand hielt er eine große schwarze Pistole, die nach Schießpulver roch. Wie sich herausstellte, hatte er gerade vor unserem Haus einen jungen Burschen erschossen, den einzigen Sohn einer alleinstehenden Frau. Er war ein sehr ruhiger, stiller junger Mann, etwa 25 Jahre alt. Und zuvor hatte der Deutsche alle erschossen, die ihm auf der Straße unter die Augen gekommen waren. Bis heute erinnere ich mich an das Gesicht und den Blick dieses Deutschen: ein leerer, wilder, starrer Blick. Es lässt sich schwer in Worte fassen, was ich damals empfunden habe. Ich saß neben meiner Mutter, die mich an sich presste und hinter sich zu verstecken versuchte. Der Deutsche blieb vor uns stehen. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos, aber dann … lief er eilig weiter. Dieser Deutsche hat sich fürs ganze Leben in mein Gedächtnis eingebrannt. Immer noch sehe ich ihn ganz deutlich vor Augen …

Bitte entschuldigen Sie mich, verehrte Freunde. Das ist alles, was ich jetzt für Sie tun kann.

Möge Gott Ihnen bei Ihrer wohltätigen Mission beistehen! Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Glück!

Mit freundlichen Grüßen,

Benya Shlain,
Vorsitzender der Vereinigung der KZ- und Ghettoüberlebenden des Gebietes Chmelnizkij

17.01.2012

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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