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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Abram Schajewitsch Kiner.

Ukraine
Odessa.

Erinnerungen.

Verehrte Herrschaften! An meiner Stelle schreibt ein Sozialarbeiter, denn ich bin seit 1959 Invalide der Gruppe 1, zuvor war ich seit 1944 Invalide der Gruppe 3, aufgrund eines Mitralklappenfehlers.

Ich, Kiner Abram Schajewitsch, wurde am 15. Februar 1933 in Berschad geboren, Oblast Winniza, Nabereshnaja-Straße 21.

Meine Eltern: Vater – Kiner Schaja Awramowitsch, geboren 1901 in Berschad; Mutter – Kiner Molka Pinjewna, geboren 1903 in Berschad.

Die Eltern meiner Mutter: Großvater Sische Pin Sruljewitsch und Großmutter Sische Gitlja Jankelewna, beide geboren und gestorben in Berschad.

Mein Vater ging in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn 1941 an die Front, er fiel im März 1943.

Im Mai 1941, nachdem ich die erste Klasse beendet hatte, fuhren meine Großmutter und ich in das Dorf Berlowka, um Verwandte zu besuchen. Als der Krieg ausbrach, schafften wir es nicht mehr rechtzeitig nach Hause, wir gingen nachts zu Fuß und versteckten uns tagsüber. Das war im September 1941. Aber eines Tages fiel uns ein riesengroßer Hund an, er hätte uns beinahe zerfleischt. Die Faschisten hörten mein Schreien, ließen ihre Motorräder fallen und rannten in die Richtung, aus der das Schreien kam. Wir wurden gefangen, sie brüllten: „Jude, Partisanen ...“, schlugen uns mit Gummiknüppeln ins Gesicht, auf den Kopf. Dann verlor ich das Bewusstsein. Aus meinem Mund floss Blut, sie hatten mir viele Zähne ausgeschlagen, schleppten uns dann nach Berschad. Danach war ich monatelang sehr krank, ich hatte Herzanfälle, schlimme Kopfschmerzen. In unserer Stadt waren Faschisten, Ungarn, Italiener, Rumänen. Wir wurden erniedrigt, beleidigt, schikaniert, die Worte „Shidy wonjutschije“ [„Stinkende Juden“] konnten sie gut aussprechen. Niemandem war es erlaubt, auf die Hauptstraße zu gehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gesicht des Deutschen, der uns Medikamente und etwas Essen brachte; ich weiß, dass er hätte gehängt werden können. Wenn sie ihren Rundgang machten, hatten meine Großeltern große Angst, er könnte mich vergiften; sie gingen immer zu zweit oder zu dritt los, aber ins Haus kam er alleine. Das war immer bei Einbruch der Dunkelheit. Wir wussten nicht wie er hieß, aber wenn sich nachts die Partisanen zu uns durchschlugen und Essen brachten, damit wir es heimlich ihren Familien übergaben, schien uns, als würde dieser Deutsche ihnen helfen. Aber das alles erfuhr ich erst später.

Wahrscheinlich gab es viele anständige und ehrliche Menschen, die nach den Gesetzen des Gewissens lebten und nicht nach den Gesetzen der Angst.

In Berschad gab es mehrere Hinrichtungen:

Die erste fand am 22. Februar 1944 statt, die zweite am 28. Februar 1944. Während dieser Zeit wurden sehr viele Menschen erschossen. Sie erschossen mehrere junge Frauen und hängten sie auf dem zentralen Platz der Stadt auf, mehrere Tage lang war es verboten sie herunterzunehmen, zur Abschreckung der anderen.

Es war eine dritte Hinrichtung geplant […], aber dank des Vormarsches befreiten uns am 13. März 1944 die Partisanen. Die Faschisten wollten vor ihrer Flucht die Brücke über den Fluss Berschadka sprengen, aber das schafften sie nicht mehr.

Nach der Befreiung Berschads von den faschistischen Besatzern öffnete die Schule wieder, und ich ging in die zweite Klasse. 1950 schloss ich die 7. Klasse ab und ging nach Odessa an die Gewerbeschule. Nach dem Abschluss bekam ich am 23.07.1952 eine Stelle bei der Odessaer Werft, als Elektriker im Energiewerk. Und seit 1959 bin ich Invalide der Gruppe 1, ich war damals 26 Jahre alt. Seitdem erinnere ich mich schlecht an Namen, spreche schlecht, kann weder schreiben noch lesen. Ich erinnere mich nur noch an das, was vor 1959 war, besonders an die furchtbare Kriegszeit.

Ich bin dem deutschen Verein „Kontakty“ sehr dankbar für die finanzielle Hilfe.

03.08.16.

Kiner [Unterschrift].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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