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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Raisa Mirlas.

Ich lebe und erinnere mich

Ich, Raisa Mirlas (Funschtejn) wurde in Charkow geboren, wo ich bis zum Krieg lebte. Meine Familie bestand aus meinem Vater, meiner Mutter, meinem Onkel (dem Bruder meiner Mutter) – alle waren taubstumm – , meinem Bruder und mir. Als der Krieg begann, war ich siebzehn Jahre alt, mein Bruder fast vierzehn.

Während des Krieges, als sich der Feind der Stadt näherte, wurden die Menschen evakuiert. Meine Familie bekam keine Ausreisepapiere. Wir mussten also bleiben und hoffen, dass Charkow nicht an den Feind fallen würde. Am 23.10. marschierten die deutschen Truppen in die Stadt ein, und am 26.10. wurden meine Cousine Susanna Segal und ihr Vater festgenommen und erschossen. Am selben Tag tauchten ein deutscher Soldat und ein Polizaj in unserer Wohnung auf und wollten unser Gold. Nach der Durchsuchung unserer Wohnung schnitt der Polizaj die Kissen auf, zerbrach unsere Stühle.

Am 14.12. hängten sie überall an Zäunen und Haustüren die Anordnung auf, die Juden hätten sich im Stadtteil der Traktorenfabrik ChTS anzusiedeln. Wer der Anordnung nicht nachkäme, würde erschossen.

Am 15.12. um 10 Uhr schloss sich unsere Familie der Kolonne jüdischer Menschen an, die die Plechanow-Straße entlanggingen. Wir wurden in den menschenleeren Straßen überfallen und ausgeraubt. Viele alte Menschen starben auf dem Weg.

Wir erreichten die Baracken vor der Sperrstunde und wurden in einer schrecklich kalten Baracke untergebracht. Die Baracke hatte keine Türen, die Fensterscheiben und sogar die Fensterrahmen fehlten, die Heizung war kaputt.

Die Nazis taten alles, um ihren Opfern größtmögliches Leid zuzufügen. Die Jugendlichen kämpften mehr als alle anderen ums Überleben. Sie beteiligten sich aktiv daran, unsere neue Behausung bewohnbar zu machen, trieben auf dem Müll alte Betten auf und halfen den Erwachsenen, sie aufzustellen. Sie liefen zum Markt und tauschten dort verschiedene Dinge gegen Lebensmittel, halfen den Leuten dabei, ihre Verwandten in den anderen Baracken zu finden. Mein Bruder Sewa trommelte eine Gruppe von 11-14- jährigen zusammen, die loszogen, um Brennholz aufzutreiben. Sie brachen die Latten von alten Zäunen heraus und kamen oft mit Kratzern und Verletzungen zurück.

Mit jedem Tag wurde das Leben in den Baracken schwieriger und gefährlicher. Die SS-Leute und die Polizaj stürmten in die Baracken und nahmen ihren Opfern alles fort, was ihnen gefiel; manchmal eröffneten sie auch das Feuer. Die Menschen starben in Folge von Kälte, Hunger und Krankheiten. Meine Eltern beschlossen, mich und meinen Bruder aufs Land zu schicken. Sewa wollte nicht, er sagte, er habe kein Recht, sie, die Taubstummen, zurückzulassen. Er versprach, einen Weg zu finden, uns alle aus dieser Hölle herauszubringen.

Ich verließ am 20.12. am frühen Morgen die Baracke und machte mich auf den Weg zum Dorf Rjabukino. Ich wusste nicht, ob sie mich dort aufnehmen würden, wusste auch nicht, ob ich überhaupt bis dorthin kommen würde, aber einen anderen Weg, als es zu versuchen, gab es nicht.

Als ich an eine große Müllgrube gelangte, dachte ich, ich könnte darüberspringen. Ich suchte mir eine Stelle aus, an der mehr Müll lag – aber ich schaffte es nicht, landete bis zur Hüfte in einem Berg Asche, der mit einer Schneeschicht bedeckt war. In dem Moment kamen ein deutscher Offizier und ein Polizai vorbei. Der Polizai rief: „Jude!“ Der Offizier kam näher, streckte mir die Hand hin und zog mich aus der Grube. Er zeigte mir, wohin ich laufen sollte und rief: „Schnell, schnell!“ [*]

Ich ging wankenden Schrittes, mit meinem Ranzen auf dem Rücken zu der Straße, die mir der Offizier angezeigt hatte. Ich hörte, wie er den Polizaj anbrüllte.

Gute Menschen, die zum Dorf gingen, um Waren gegen Lebensmittel zu tauschen, halfen mir, dorthin zu kommen. Ich half ihnen dabei, den Schlitten zu ziehen, sie wiederum gaben mir von ihrem Essen ab und ich konnte zusammen mit ihnen übernachten.

Ich blieb acht Tage im Dorf. Dann kehrte ich vollbeladen mit Lebensmitteln (Kartoffeln, Presskuchen, Bohnen und Hirse) nach Charkow zurück und ging zu Jekaterina Iwanowna Domrina, der Schwester einer Freundin meiner Mutter. Als ich noch im Dorf war, war meine Mutter bei ihr gewesen und hatte warme Kleidung für mich gebracht, unser Fotoalbum und einen Zettel für mich hinterlassen, auf dem stand, ich solle nicht zurück in die Baracke kommen. Trotz ihres Verbots ging ich in den Stadtteil der Traktorenfabrik, um herauszufinden, was dort los war.

Auf dem Weg lernte ich eine Frau kennen, deren Mann in den Baracken lebte. Wir hatten noch nicht das Gelände mit den Baracken erreicht, als wir einen riesigen Haufen mit Sachen sahen und einen Lastwagen, auf den einige Polizaj die Sachen luden. Deutsche Soldaten mit Schäferhunden liefen über das Gelände. Wir erfuhren von irgendwelchen Leuten, dass man alle Bewohner der Baracken per Auto fortgebracht hatte, aber wohin und warum, das wusste niemand.

Ich blieb den ganzen harten Winter über bei Jekaterina Iwanowna. Im März wurden deutsche Offiziere in ihrer Wohnung einquartiert. Drei Tage lang schlief ich in einer Truhe in der Sommerküche, dann ging ich fort. Mit einem Brief, in dem stand, man möge mich bitte bei sich aufnehmen, machte ich mich auf den Weg ins Dorf Dergatschi. In der Stadt begegnete ich unserer Hausärztin Nila Antonowna Pasko und sie nahm mich zu sich. Ich blieb bis April bei ihr. Nachdem ich auf der Straße einen ehemaligen Mitschüler getroffen hatte, der jetzt bei der Polizaj war, beschloss ich, wegzugehen, um meine Retter nicht in Gefahr zu bringen.

Von Mitte April bis zum Herbst irrte ich durch die Dörfer im Gebiet Charkow und im Gebiet Sumy, immer auf der Suche nach Arbeit und einem Platz zum Schlafen. Ich passte auf Kinder auf, hütete die Kühe und half im Haushalt. Ich konnte nicht an einem Ort bleiben, da ich keine Papiere hatte, und zu der Zeit musste man sich unbedingt registrieren lassen.

Einmal kam ich zu einer Brücke, an der Polizaj standen und die Pässe kontrollierten, und dort lernte ich eine Frau aus dem Dorf Pidstawki kennen, sie hieß Polina Luzenko. Sie gab mir eine Bescheinigung vom Dorfsowjet, die auf P. P. Luzenko, geb. 1916, ausgestellt war. Mit einem Tintenstift machten wir aus der Eins eine Zwei, und so wurde ich P. P. Luzenko, geboren 1926, und konnte bis zum Oktober in Ruhe bei einer Familie wohnen.

Im Oktober kehrte ich nach Charkow zurück. Ich hatte Krätze, und Jekaterina Iwanowna behandelte mich, sie gab mir neue Kleidung und brachte mich mit einem ungarischen Wagen in die russische Stadt Nowyj Oskol, wo ich bei einer Frau mit Kind unterkam, Maria Nikiforowa (in der Wolodarskij-Straße 35).

Den ganzen Winter über wurde in der Stadt gekämpft. Wir verbrachten ganze Tage im Keller. Dann konnten die sowjetischen Truppen Nowyj Oskol endlich einnehmen. Das war am 28.2.1943 – der glücklichste Tag in meinem Leben.

Wenn ich heute sprechen und mich erinnern kann,
Wenn es in meinem Herzen Freude und Hoffnung gibt,
Wenn bis heute manche meiner Träume in Erfüllung gehen,
dann nur deshalb, weil es
gute, hilfsbereite Menschen gab und gibt,
die an die Gerechtigkeit glaubten,
die ihr Leben und das Leben ihrer Familie aufs Spiel setzten,
damit ich überleben kann.

Ich habe die allergrößte Achtung vor ihnen. Hier sind ihre Namen:

  1. Der deutsche Offizier, mein erster Retter
  2. Jekaterina Domrina
  3. Aleksandra Karnauch
  4. Nila Antonowna Pasko
  5. Wera Michajlowskaja
  6. Maria Nikiforowa
  7. Polina Luzenko
  8. Die Dorfbewohner, die mir einen Schlafplatz und Essen gaben.

Ihnen allen gilt mein Dank.

Ich bedauere sehr, dass ich den Deutschen nicht treffen und ihm die Hand geben kann, der mir als Erster das Leben gerettet hat. Für mich ist er der Retter Nr. 1.

R. P. Mirlas.

Charkow, 8.11.2011.

****

[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

15 000 bis 21 000 jüdische Einwohner von Charkow wurden von den deutschen Besatzern und dem Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C ermordet, das auch für den Massenmord von Babij Jar verantwortlich war.

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