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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Igor Schwarzman (Email vom 29.01.2012).

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe Ihren Brief bekommen, für den ich Ihnen sehr danken möchte. Ich empfinde es als meine Pflicht, Ihnen zu antworten. Als ich im Ghetto war, war ich noch klein, ich kann mich an Vieles nicht mehr erinnern, aber das Wenige, was ich noch weiß, hat sich tief in meinem Gedächtnis eingeprägt. Vor dem Krieg lebte meine Familie in einem kleinen Städtchen im Norden des Gebiets Odessa (an der Grenze zum Gebiet Winniza). Es heißt Kodyma, nach dem Fluss Kodyma, der an dieser Stelle entspringt. Er war früher einmal der Grenzfluss zwischen Polen und dem Khanat der Krim, später zwischen Russland, der Ukraine und der Türkei. In diesem Ort lebten über viele Jahrhunderte hinweg Ukrainer, Juden, Polen, Moldawier und andere Völker friedlich nebeneinander. In erster Linie aber war es ein jüdisches Städtchen, oder, wie man damals sagte, ein jüdisches Schtetl. Unsere Familie bestand aus meinem Großvater (er war Invalide des Ersten Weltkrieges), meiner Großmutter (die Eltern meines Vaters), meinem Vater, meiner Mutter und mir.

Einen Tag nach Beginn des Krieges ging mein Vater an die Front. Als die Frontlinie immer näher an Kodyma heranrückte, lud mein Großvater, der damals als Hausmeister in der Post arbeitete, das Inventar der Post und uns alle auf einen Wagen, und wir verließen den Ort zusammen mit der abrückenden Armee. Ich kann mich noch an die Fahrt erinnern, und dass um uns herum sehr viele Menschen, Pferdewagen und Autos waren. Es war sehr laut, alle hatten es eilig. Immer wieder hielt der ganze Zug an, dann packte mich meine Großmutter und wir rannten aufs Feld und legten uns auf die Erde. Jetzt weiß ich, dass wir offensichtlich bombardiert worden sind oder dass Flugzeuge über uns hinwegflogen.

Soviel ich aus den Erzählungen meiner Mutter und Großmutter noch weiß, erreichten wir irgendwo in der Gegend um Saporoshje den Dnjepr, und mussten dort wieder kehrtmachen, denn auf der anderen Seite des Dnjepr standen schon die Deutschen. Wir schafften es aber nicht wieder zurück nach Kodyma, bei Olgopol im Gebiet Winniza griffen sie uns auf und trieben uns ins Ghetto. Das war im August 1941. Großvater wollte unbedingt zurück nach Kodyma, aber sie ließen uns von dort nicht weg. Jahre später haben wir erfahren, dass wir damals großes Glück hatten, denn in Kodyma wurde ein Teil der Juden aus dem Ghetto im September erschossen, der andere Teil im Februar 1942. Nur sehr wenige blieben am Leben.

Wir waren bis März 1944 im Ghetto Olgopol. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als wir befreit wurden. Sie trieben uns alle (die Bewohner des Ghettos) in das einzige zweistöckige Gebäude im Ort (vielleicht war es die Schule, ich weiß es nicht) und schlossen uns dort ein. Vor allem waren hier Frauen und Kinder, Männer waren nicht dabei. Die Fenster waren vernagelt, die Türen verriegelt. Wir hatten nichts zu essen. Alle weinten, Erwachsene wie Kinder. Nur einige Frauen, unter ihnen meine Großmutter, versuchten irgendwie Ordnung in die Menge zu bringen und die Kinder so gut es ging zu beruhigen. Meine Mutter war mit meinem Bruder beschäftigt, er war am 2.1.1942 in Olgopol zur Welt gekommen. Mitten in der Nacht hörten wir Schüsse, Granaten, Kanonenschüsse. Dann ging plötzlich die Tür auf, und ein ganz junger Soldat rief: Kommt heraus, wir haben es rechtzeitig geschafft. Die Frauen weinten noch mehr, jemand rief: Sie wollen uns provozieren, seht doch, er hat Schulterabzeichen, die gibt es in unserer Armee nicht. Meine Großmutter aber nahm mich bei der Hand, rannte zur Tür und hinaus auf die Straße, und weiter zu dem Haus, in dem wir wohnten (Ich weiß noch, dass ich mich gewundert hatte, warum die ganze Schule mit Stroh ausgelegt war. Ich hatte noch gefragt, Wozu ist das, damit es wärmer ist? Meines Wissens wollten sie uns in der Schule anzünden. Deshalb hatte der Soldat gesagt, dass sie uns noch rechtzeitig befreit hatten). Meine Großmutter sagte später, sie hätte sich große Sorgen um Großvater gemacht, der am Abend vorher irgendwohin verschwunden war. Vor unserem Haus standen drei Pferde und zwei Soldaten. Sie versuchten Großmutter zu beruhigen, sagten ihr, Großvater wäre losgerannt, um uns zu suchen. Einen Augenblick später kam er auch schon zurück. Es stellte sich heraus, dass die Männer bereits am Abend vorher davon erfahren hatten, dass die Deutschen das Ghetto liquidieren wollten. Ein paar von ihnen waren dann auf die andere Flussseite gegangen und hatten unsere Soldaten darüber informiert. Deshalb haben unsere Einheiten noch in der Nacht angegriffen, was uns das Leben rettete.

Vom Leben im Ghetto sind mir nur das ständige Hungergefühl und das Gefühl der Angst in Erinnerung geblieben. In dem Haus, in dem wir wohnten, lebten noch einige andere Familien. In unserem Zimmer lebten außer uns (meine Großeltern, meine Mutter, mein Bruder und ich) noch zwei andere Familien. Wir erkrankten alle nacheinander an Typhus. In der Ecke des Zimmers hatten wir ein Loch gegraben, in dem die anderen uns (meine Mutter und uns Kinder) manchmal versteckten. Als wir schließlich befreit wurden, lebte nur noch unsere Familie in dem Zimmer. Wohin die anderen verschwunden sind, weiß ich nicht.

Ich kann mich noch erinnern, dass wir mit den Erwachsenen zusammen zur Feldarbeit gingen. Wir mussten Unkraut jäten und Kartoffeln einsammeln, Maiskolben brechen. Im Winter rebelten wir den Mais. Meine Mutter nannte mich unseren Ernährer. Offensichtlich haben wir für diese Arbeit Essen bekommen.

Eine Woche nach der Befreiung kehrten wir schon nach Kodyma zurück. Unsere Häuser waren alle abgebrannt. Meine Großeltern und meine Mutter liefen noch lange die Nachbarn und sogar die umliegenden Dörfer ab und sammelten unsere Möbel, unser Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, die uns gehört hatten, ein. Und wieder hungerten wir. Der Hunger verfolgte uns noch lange. Mein Bruder war sehr krank, er konnte erst mit zehn Jahren in die Schule gehen und hat sie nie abgeschlossen. Mit sechzehn Jahren begann er eine Ausbildung im Betrieb. Er hat dann im Betrieb gearbeitet, musste aber schon mit 45 Jahren aufhören. Seitdem ist er Invalide.

Ich selbst habe 1954 auch eine Handwerksausbildung angefangen und auch in einem Betrieb gearbeitet, später im Bergwerk. Dann konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr körperlich arbeiten und habe am Technikum eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Später habe ich sogar noch studiert und bin seit 1994 zertifizierter Wirtschaftsprüfer. Ich bin Invalide zweiten Grades.

Sowohl mein Bruder als auch ich werden immer wieder von Krankheiten heimgesucht. Aber wir leben. Wir müssen leben.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse.

Mit den besten Grüßen,

Igor Schwarzman.

Aus dem Russischen von Valerie Engler.

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