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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Ljudmilla Iossifowna Moschkowitsch.

Ukraine
Odessa.

Erinnerung

Ich, Moschkowitsch Ljudmilla Iossifowna, geboren 1938, bin Jüdin. Als der Große Vaterländische Krieg begann, war ich noch zu klein, um mich an alles zu erinnern. Aber aus den Erzählungen meiner Großmutter und meiner Tante ist mir vieles vor Augen, es ist, als würde ich mich selbst an alles erinnern. Meine Eltern Moschkowitsch Riwa und Iossif stammten gebürtig aus Sawran. Nach ihrer Heirat zogen sie 1935 nach Odessa, wo sie drei Kinder bekamen: Ljonja, mich und Rafik. Ende Mai oder Anfang April 1941 fuhr meine Mutter mit uns drei Kindern für den Sommer zu den Großmüttern nach Sawran, und dort ereilte uns der Krieg. Mein Vater ging als Freiwilliger an die Front und fiel noch im ersten Kriegsjahr (verschollen). Und wir, meine Mutter mit uns Kindern, meine Großmutter Chana und Tante Rosa Gauschpigel [?] wurden ins Ghetto Berschad gejagt. Dorthin fuhren, gingen wir sehr lange. Ein Bild habe ich vor Augen: Ein kleiner Schuppen, zum Bersten voll mit Menschen, Schreie, Weinen, Stöhnen.

Unterwegs erkrankte mein älterer Bruder Ljonetschka. Meiner Mutter gelang es nicht, ihn wieder aufzupäppeln, und bald darauf, in Berschad, starb er. Mein kleiner Bruder Rafik starb 1943. Wir schliefen unter freiem Himmel, der Schnee fiel auf uns herab, und er lag neben mir, tot. Ich fragte meine weinende Großmutter die ganze Zeit, ob das Gleiche auch mit mir geschehen würde.

Ein anderes Bild, das erschien mir viele Jahre im Traum und verfolgte mich. Alle wurden auf den Platz hinausgetrieben, dort war eine riesige Grube, in die sie die Menschen lebendig hineinwarfen, und die Umstehenden wurden gezwungen, sie mit Steinen totzuwerfen. Meine Mutter versuchte, mich vor solchen Anblicken zu bewahren, aber einmal […]

All das vergessen kann man nicht, es ist unmöglich. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen sich an diese Tragödie erinnern, besser miteinander umgehen und nicht zulassen, dass sich so etwas jemals wiederholt.

Einen großen Dank an den Verein „Kontakty“ für die finanzielle Hilfe, das Mitgefühl und das Verständnis.

[Unterschrift].

03.08.2016.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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