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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Riwa Lwowna Tarnarudskaja.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich danke Ihnen sehr für die finanzielle Unterstützung. Es fällt mir sehr schwer, an die Zeit des Holocaust zurückzudenken. Dass wir überlebt haben, haben wir Ukrainern zu verdanken, die uns Essen gebracht und uns geholfen haben, so gut sie konnten. Am 24.3.1944 wurden wir von Truppen der Roten Armee befreit. Möge immer Frieden herrschen und Freundschaft zwischen allen Völkern dieser Erde. In großer Dankbarkeit und mit den besten Grüßen,

R. L. Tarnarudskaja.

Am 22.6.1941 begann der Große Vaterländische Krieg. Ich war damals sechs Jahre alt. Nachdem die Deutschen unseren Ort, Lutschinez im Gebiet Winniza, besetzt hatten, wurde ein Ghetto eingerichtet. Alle Personen jüdischer Nationalität wurden verfolgt. Sie hatten die strenge Anordnung, den Davidstern zu tragen: er wurde am linken Arm auf weißem Stoff in Blau aufgenäht, auf schwarzem Stoff in Gelb, dann auf dem Rücken oder links auf der Brust.

Ukrainer brachten uns Essen. Wir durften das Haus nicht verlassen. Wir hatten alle Läuse, die Läuse krochen bei uns die Wände entlang. Wir hatten keine Seife zum Waschen und auch kein Wasser. Zum Ortsvorstand wurde Arsenij Shiwilko gewählt, Polizai waren Nikolaj Tkatschuk, Wasilij Bazura, Roman Kosowez und Sergej Golowatyj – an mehr Namen kann ich mich nicht erinnern. Sie schikanierten und demütigten uns wo immer sie konnten, stürmten in die Wohnung, beschimpften uns als Drecksjuden und schlugen uns. Der Ortsvorsteher tanzte auf dem Dorfplatz umher und sagte – die jüdischen Blutsauger haben lange genug unser Blut gesaugt.

Nach den Deutschen zogen Rumänen im Ort ein und brachten ihre eigene Ordnung mit allen Schikanen mit. Sie trieben uns alle heraus zum Appell. Der Appell dauerte den ganzen Tag, bei Wind und Wetter saßen wir auf der nackten Erde, die Beine machten nicht mehr mit, wenn man von morgens bis abends stehen musste. Bei diesen Appellen wurden Leute für die Zwangsarbeit in Tultschik ausgesucht, dort wurde irgendetwas gebaut, was, das habe ich damals nicht verstanden, aber offensichtlich irgendwelche für sie wichtige Objekte. Nur wenige kamen von dort wieder zurück, die meisten wurden erschossen.

Die Rumänen haben keine Massenerschießungen durchgeführt, aber beim kleinsten Vergehen bekam man 25 Peitschenhiebe, mal auf die Hände (dann 25 Schläge auf jede Hand), mal auf den Rücken. Sie schleppten einen in den Keller der Kommandantur und konnten einen dort so lange festhalten, wie sie wollten. Wir warteten sehnlichst auf die Befreiung durch die Rote Armee. 1944, als die Deutschen kurz vor der Zerschlagung standen, gingen die Rumänen und es kamen deutsche SS-Offiziere. Sie ließen für uns in Iwaschkowzy Gruben ausheben, aber sie schafften es nicht mehr, uns zu erschießen, da die Partisanen sie von allen Seiten eingekreist hatten. Die Aufklärer der Deutschen kamen zurück und brüllten „Zurück!“

Auf der Straße kam mir ein Deutscher entgegen, zusammen mit unserem Nachbarn Demedezkij. Ich hatte große Angst, dass er dem Deutschen sagen könnte, dass ich Jüdin war, und dann würde er mich töten. Ich rannte zum Brunnen, an dem ein Mädchen stand, Sofija Maljuschak. Sie beruhigte mich, da ich heftig weinte, und brachte mich zu einer Frau namens Maria Sagatsch. Ich setzte mich bei ihr zusammen mit ihrem Sohn auf den Kachelofen. Plötzlich kam ein Deutscher herein, er trug einen Helm in der Hand, in dem Eier waren; er bat um Milch und Eier für ihre Lebensmittelvorräte. Das war für mich der schlimmste Moment, ich hatte entsetzlich Angst, dass die Leute mich verraten könnten. Ich danke diesen Menschen, dass sie mich bei sich aufgenommen und dann nach Hause gebracht haben, und dass sie mich nicht verraten haben.

Dann kam der große Freudentag, der 24. März, als sowjetische Soldaten in unserem Ort einmarschierten und uns von dem Übel befreiten.

Ich bin heute Invalidin zweiten Grades, bin krank, habe eine Hüftgelenksfraktur und eine Wirbelsäulenfraktur hinter mir und leide an Asthma.

Tarnaruskaja.

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