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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Channa Srulewna Losower.

Ukraine
Kiew.

Ich bin Losower Channa Srulewna, Mädchenname Schpigelman. Geboren wurde ich am 17. März 1924 in Mogilew-Podolskij, Gebiet Winniza. Dort habe ich mein ganzes Leben lang gelebt. Jetzt wohne ich in Kiew.

Während des Krieges befand ich mich im Ghetto von Mogilew-Podolskij, ich war eine Gefangene. Ich lebte dort zusammen mit meiner Mutter, meinem Vater, meinem Bruder, er war vier Jahre alt, und meinem Großvater (mütterlicherseits), von Juni 1941 bis 1945.

Mogilew-Podolskij liegt an der Grenze zu Moldawien. Die Ukraine und Moldawien werden in dieser Stadt durch den Fluss Dnestr getrennt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt die Stadt Ataki. In unsere Stadt kamen nach und nach immer mehr Menschen aus Moldawien, Rumänien, Polen, Litauen sowie anderen Ländern und Städten. Auf dem Dnestr kursierte eine Fähre. Viele von ihnen konnten nicht mehr weiter und blieben in Mogilew-Podolskij. Aber viele zogen auch weiter.

Unsere Wohnung hatte zwei Zimmer, 27 m² und einen Flur von 7 m². Bei uns lebten zwei Familien aus dem alten Rumänien, eine fünfköpfige Familie und eine vierköpfige, zwei Schwestern aus Czernowitz und ein Mann – Schulim Dermer, ebenfalls aus Czernowitz, er hatte die Rabbinerschule in Winniza abgeschlossen! Er half uns sehr viel, als die Razzien begannen und man anfing, die Menschen in Konzentrationslager zu schicken, nachdem man ihnen die Wohnungen und ihr Hab und Gut weggenommen hatte. In dieser Zeit gab es weder Nahrung noch Mittel zum Lebensunterhalt. Er half uns dabei, uns zu verstecken und die Razzien auszusitzen, brachte uns Brot und Wasser.

Ende September 1941 gab es ein großes Hochwasser. Man sagte, am Dnestr weiter hinauf seien Schleusen geöffnet worden. Das Wasser stand drei Tage lang. Es war überall, um das Haus herum, im Keller, nur in der Wohnung war kein Wasser. Es gab viele Menschen bei uns, deren Wohnungen bis zur Decke mit Wasser vollgelaufen waren. Unser Haus war zweistöckig und mit drei anderen Häusern in Form eines „П“ verbunden. In der Mitte gab es einen Hof.

Nun schreibe ich etwas über mich. Ich bekam sofort Arbeit bei der Weinernte in der Kolchose – grüne und rote Reben bündeln, dann bei der Kartoffellese, die Besten durften dann den Mais von den Kolben trennen. Dort stellte man mir eine Bescheinigung aus, dass ich das Ghetto zum Arbeiten verlassen dürfe. Es wurde eigens ein Tor errichtet, das das Gebiet des Ghettos eingrenzte. Unsere Wohnung befand sich auch auf diesem Territorium.

Es kamen Polizisten und Rumänen, sie verlangten, dass wir alle weiße Binden mit einem sechszackigen Stern darauf trugen. Wenn sie jemanden ohne Binde sahen, drohten sie mit sofortiger Erschießung. Einmal fielen Polizisten über meinen Großvater her, als er in die Synagoge ging. Sie zerrissen seine Bücher und verprügelten ihn heftig. Menschen, die mit ihm zusammen gegangen waren, trugen ihn mit letzter Kraft nach Hause. Infolge dieser Prügel erkrankte er und verstarb am 4. Oktober 1941. Er wurde auf dem Friedhof im Rabbinerhäuschen beigesetzt.

Dann kamen Polizisten, mal in Begleitung von Rumänen, mal alleine, und nahmen mich mit zum Arbeiten (Fußböden und Fenster putzen). Wir wurden nicht bezahlt, bekamen aber manchmal je 200 g Brot. Wir arbeiteten bis 1 Uhr Mittags. Mit mir arbeiteten viele Frauen, die älter waren als ich. Mein Vater wurde auch zur Arbeit mitgenommen.

Als Mogilew-Podolskij bombardiert wurde, rannten die Menschen in alle Richtungen. Wir sind auch für einen Tag weggegangen. Und als wir wiederkamen, fanden wir in unserer Wohnung nichts als leere Wände vor. Wir waren bestohlen worden. Wir hatten fast nichts mitgenommen, also hatte ich weder Schuhe noch einen Mantel, nichts. Die Menschen hatten Mitleid mit uns, gaben uns etwas zum Anziehen, denn es war mitten im Winter, die Temperaturen fielen bis auf −40°.

Und dann machten mich die Leute aus Czernowitz vom ersten Stock mit Menschen bekannt, die Brote buken und andere kleine Sachen, die sie mir zum Verkaufen gaben. Je nachdem, wie viel ich verkaufte, bekam ich einen kleinen Anteil von ihnen ausgezahlt. Für dieses Geld kaufte ich Maismehl, Salz und Holz und kochte „Baderewka“ (Wasser mit etwas Maismehl). Wenn es mir gelang, etwas mehr Geld zu verdienen, kochten wir Mamalyga [fester Maisbrei]. Dann machte man mich mit dem Meister bekannt, der Konditoreiwaren herstellte und sie mir zum Verkaufen gab. Je mehr ich verkaufen konnte, desto mehr bekam ich prozentual ausgezahlt.

Es sind noch viele andere Dinge vorgefallen, aber ich kann darüber einfach nicht schreiben. Es fällt sehr schwer, sich zu erinnern – das Herz schmerzt, wenn ich es wiedergebe. Ich lebe gerade in großer Trauer – meine Tochter ist 2006 gestorben, sie war 52 Jahre alt. Vor 5 Jahren verstarb mein Ehemann, mit dem ich 61 Jahre lang verheiratet war.

Eberhard Radczuweit,

ich, Losower Ch. S., richte mich an Sie in Dankbarkeit für die einmalige Hilfe. Ich kann Sie und Ihre Gefühle sehr gut verstehen. Aber auch in der damaligen Zeit gab es unter Ihren Leuten solche, die uns Menschen im Ghetto geholfen haben. Das kann ich bezeugen und gebe Ihnen meine Unterschrift darauf.

[Unterschrift].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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