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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

D. G. Kostenko.

Ukraine
Dnepropetrowsk.

In Gedenken an unsere Mutter – Gusinskaja Sara Markowna.

In diesem Jahr werden 66 Jahre seit dem Tod unserer Eltern vergangen sein: Am 1. April 1942 fiel an der Front unser Vater, und am 19. September desselben Jahres wurde unsere Mutter auf bestialische Weise von den Nazis erschossen.

Über die Jahre ist vieles aus der Erinnerung geschwunden, deshalb schreibe ich kurz über das, was ich noch weiß.

Wer die Eltern und Verwandten meiner Mutter [waren], weiß ich nicht, aber nach den noch erhaltenen Fotografien zu urteilen, müssen sie recht wohlhabend gewesen sein.

Meine Mutter (geboren 1909), hat einen Abschluss an der Pharmazeutischen Hochschule in Dnepropetrowsk gemacht, heiratete einen Militärangehörigen; sie mussten oft den Wohnort wechseln und so kam uns nur unsere Großmutter besuchen (Gusinskaja Tatjana Isajewna). Meine Mutter war das einzige Kind in ihrer Familie. Ich weiß noch, dass sie untereinander „Jiddisch“ gesprochen haben, aber weil meine Schwester und ich noch klein waren, hat man uns nie etwas über unsere Abstammungslinie erzählt, und jetzt können wir kein Archivmaterial mehr finden. 1940 zogen unsere Eltern nach Riga, wo ich in die 2. Klasse gegangen bin; sie lebten glücklich und zufrieden, im Mai 1941 bekamen sie einen Ferienscheck für Semeis in der AR Krim, wo sie Urlaub im Sanatorium machten, und einige Tage nach ihrer Rückkehr brach dieser furchtbare Krieg aus. Unser Vater fuhr sofort in unseren Bezirk, und unsere Mutter blieb mit uns dort (ich war 9, meine Schwester 5); es war sehr schwer, auszureisen, weil viele Bomben fielen und man viel Zeit im Schutzbunker verbringen musste. Es ist ein Wunder, dass es meiner Mutter gelang, mit uns zusammen auf einem Karren bis zum Bahnhof zu kommen, wo in der ganzen Hektik meine Schwester verlorenging, und als wir sie gefunden hatten, verließen wir Riga mit einem Güterzug, der mit Menschen vollgestopft war wie eine Sardinenbüchse. Meine Mutter beschloss nach Dnepropetrowsk zu unserer Großmutter zu fahren, wo wir erst im August ankamen, aber zu diesem Zeitpunkt war sie schon in die Gegend um Tschkalowsk geflohen.

So fanden wir uns auf besetztem Boden in Dnepropetrowsk wieder. Als die Massenerschießungen losgingen und Kolonnen aus jüdischen Frauen und Kindern zum Kaufhaus zogen, ging meine Mutter mit uns zu den Eltern unseres Vaters, die in der Gegend bei Kursk, in der Siedlung Snamenskoe lebten. Wir bewegten uns in dem besetzen Gebiet nur von Siedlung zu Siedlung, mit langen Pausen. Aber manchmal wurden wir auf einer Fuhre mitgenommen. In den Siedlungen konnte meine Mutter Nahrungsmittel auftreiben, indem sie Kranke heilte. In Snamensk kamen wir im Juni 1942 an, ausgehungert und verlaust. Unsere Mutter hatte gehofft, sich hier in der Einöde retten zu können, wo man nur über Schotterpisten hin gelangte, die nach Regenfällen zu unbefahrbaren Schlammwegen wurden. Doch nein! Bereits im August 1942 wurde unsere Mutter nachts zur Gestapo mitgenommen, die sich in 20 km Entfernung auf dem Grundstück eines Krankenhauses in der Siedlung Jastrebowko, Kreis Kursk, befand, und am 19. September 1942 wurde sie bestialisch niedergeschossen. Laut Augenzeugenberichten fiel sie in den Graben, aber sie lebte noch und versuchte hinauszukommen, und da schoss man noch einmal. So wurde auf tragische Weise das Leben unserer Mutter im Alter von 33 Jahren abrupt beendet.

In diesem Krieg haben die Eltern unseres Vaters alle ihre fünf Söhne verloren.

Nach der Befreiung der Siedlung durch die Rote Armee im Februar 1943 wurden Dokumente gefunden, in denen auch ich und meine Schwester auf den Vernichtungslisten verzeichnet waren. Wie meine Schwester und ich uns versteckt gehalten und überlebt haben sowie unser weiteres Schicksal – das ist eine andere Geschichte.

Dnepropetrowsk

Kostenko D. G. [Unterschrift].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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