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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Nikolaj Grigorjewitsch Karpez.

[…] Kurzer Bericht über die Vergangenheit (nach Erzählungen meiner Mutter).

Ich, Nikolaj Grigorjewitsch Karpez (Kimiches) wurde am 12.12.1941 in einem Keller geboren, der einer sehr gütigen alleinstehenden Frau gehörte, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat, indem sie meine Mutter, eine Jüdin, mit ihren drei Kindern (mich, meinen älteren Bruder und meine ältere Schwester) bei sich versteckte. Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn ich nicht eine Lungenentzündung bekommen hätte. So holte sie uns zu sich ins Haus, und während sie mich behandelten, kam eine Nachbarin herein. Drei Tage später tauchten Deutsche bei uns auf und trieben uns alle ins Ghetto in Wischnewez. Das war Ende August 1942. Zur großen Verwunderung meiner Mutter ließen die Deutschen die Frau in Ruhe, und so konnte sie unserem Vater mitteilen, was passiert war. Mein Vater arbeitete zu der Zeit beim Priester Sergij in Saleszy. Als er die schreckliche Nachricht erhielt, fiel er vor dem Priester auf die Knie und bat ihn unter Tränen um Hilfe. Vater nahm das ganze Ersparte der Familie und gab alles dem Priester. Wie dieser es geschafft hat, uns dem sicheren Tod zu entreißen, das bleibt sein Geheimnis. Diesem mutigen Mann habe ich es zu verdanken, dass ich bis heute am Leben bin und Ihnen diese Zeilen schreiben kann. Aber nicht ihm allein, denn auch ein deutscher Soldat rettete mir das Leben. Beim Marsch ins Ghetto war Mutter so ausgezehrt, dass sie keine Milch mehr hatte und mich nicht stillen konnte. Ich schrie vor Hunger, meine Mutter gab mir die leere Brust und steckte mir einen Tuchzipfel in den Mund, was mich aber nicht lange beruhigen konnte. Einer der Wachleute wollte mir einen Schlag mit dem Gewehrkolben versetzen, aber Mutter wehrte den Schlag von mir ab; da zerrte ein anderer Wachsoldat Mutter mit mir zur Seite und steckte ihr unbemerkt etwas Zucker in die Rocktasche. Damit hat er mir ein weiteres Mal das Leben gerettet. Wenn dieser Soldat noch am Leben ist, dann möge ihm der Allmächtige ein langes Leben schenken. Wenn nicht, dann möge seine Seele in Frieden ruhen.

Nach dem Ghetto folgten für uns lange Jahre der Irrfahrten – Hunger, Kälte und Leid in fremden Kellern, Schuppen und Erdhütten. Mehr als drei Jahre haben wir nie das Sonnenlicht gesehen.

Nikolaj Grigorjewitsch Karpez.

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