Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Lidija Michajlowna Kusnezowa.

Ukraine
Saporoshje.

Sehr geehrte Vorstandsmitglieder von „Kontakte“!

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie uns unterstützen, die glücklichen Überlebenden einer sehr schweren Zeit für unser Land, als es von den deutschen Faschisten besetzt war. Wir hegen Ihrer Generation gegenüber, die an den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges keinen Anteil hat, uns aber für diese um Verzeihung bittet, keinerlei feindlichen Gefühle. Aber natürlich wünschen wir uns sehr, dass unsere Enkel und Urenkel niemals so etwas erleben müssen wie wir damals.

Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt und lebte zusammen mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester in Nikopol im Gebiet Dnepropetrowsk (Ukraine). Mein Vater war an der Front. Im August 1941 marschierten deutsche Truppen in unserer Stadt ein. Bald gab es die Anordnung, alle Menschen jüdischer Herkunft bis zur vierten Generation (bis zu den Urgroßeltern) hätten eine gelbe Armbinde zu tragen. Und im Oktober mussten sich alle auf dem Marktplatz der Stadt einfinden, mit Papieren und Gepäck. Mein Vater war zwar Jude, meine Mutter aber Russin und ebenso meine Schwester, ihre Tochter aus erster Ehe, und deshalb ging Mutter mit uns nicht zum Sammelpunkt. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass alle, die zum Marktplatz gekommen waren, außerhalb der Stadt erschossen worden waren. Deshalb versteckte mich meine Mutter bei den Nachbarn im Keller. Danach wurde die Stadt noch mehrere Wochen durchsucht und all diejenigen, die damals nicht zum Platz gekommen waren, wurden erschossen. Auch bei uns tauchten mehrere Male Polizai auf und durchsuchten das Haus, den Stall und den Keller. Meine Mutter wurde zum Verhör auf die Kommandantur bestellt, und dort sagte sie, sie habe mich für den Sommer zur Großmutter gebracht und ich sei dort geblieben. Da die Durchsuchungen nicht nur tagsüber, sondern auch nachts stattfanden, musste ich auch im Keller schlafen. Dort war es kalt und dunkel und ich hatte Angst. Ich erkältete mich und wurde krank. Meine Mutter hatte Angst, mich nach Hause zu holen, deshalb bat sie eine entfernte Verwandte, die am Stadtrand wohnte, mich zu sich zu nehmen. Dort konnte ich im Haus wohnen, im Warmen, und im Sommer lebte ich auf dem Dachboden. Ende 1942, als es in der Stadt ruhiger wurde, holte Mutter mich nach Hause. Sie lud niemanden zu uns nach Hause ein, und als es warm wurde, schlief ich auf dem Dachboden unseres Hauses oder des Stalls. So habe ich überlebt.

Jetzt im hohen Alter (ich bin 78 Jahre alt) bekommen wir „Kriegskinder“ eine bescheidene Rente in Höhe von 120 Dollar, unabhängig von Art und Dauer der Arbeit, und so sind wir in einer traurigen Lage. Diese Rente reicht kaum für Lebensmittel und die Wohnungsnebenkosten. Deshalb bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre Unterstützung, die es mir ermöglicht, meine Ernährung wenigstens ein bisschen aufzubessern und mir Medikamente zu kaufen. Ich danke Ihnen auch für Ihr Interesse an uns und unserem Leben.

Ich möchte Ihnen noch ein frohes Neues Jahr 2013 wünschen. Möge es für Sie ein fröhliches, erfolgreiches und gesundes Jahr werden!

L. Kusnezowa.

9.1.2013.

P.S.: Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen mit einem Jahr Verspätung schreibe. Der Grund dafür ist, dass ich letztes Jahr bei meinem Sohn in Russland zu Besuch war, weshalb meine Verwandte damals Ihren Brief mitgenommen hat, aber bei ihr in der Wohnung haben sie renoviert und sie hat vergessen, wo sie den Brief hingelegt hat. Erst vor Kurzem hat sie den Brief wieder gefunden und mir gegeben.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.